Expertentipps zur Erziehung "Eltern dürfen auch fremde Kinder erziehen"

Dieses Kind ist reizend - und bestimmt eine Herausforderung auch für Fremd-Erzieher.

(Foto: ieniemienie/photocase.com)

Ein anderes Kind schlägt dem eigenen die Sandschaufel auf den Kopf, lässt es nie auf die Schaukel und benimmt sich einfach unmöglich: Wie Eltern darauf reagieren können, erklärt Erziehungsberater Hermann Scheuerer-Englisch.

Von Katja Schnitzler

Während man versucht, dem eigenen Kind die Grundlagen des friedlichen sozialen Miteinanders und ein Mindestmaß an Manieren zu vermitteln, scheinen manch andere Kinder diese gar nicht zu kennen - oder sie zu ignorieren. Doch dürfen Eltern auch fremde Kinder erziehen? Der Psychologe Hermann Scheuerer-Englisch findet schon - allerdings komme es dabei auf das Wie an.

SZ.de: Ob auf dem Spielplatz oder im Supermarkt: Sollten sich Eltern einmischen, wenn sich andere Kinder völlig danebenbenehmen?

Hermann Scheuerer-Englisch: Ja, in gewisser Hinsicht dürfen Sie auch fremde Kinder erziehen. Schließlich haben Erwachsene immer eine Vorbildfunktion und tragen zumindest teilweise eine öffentliche Erziehungsverantwortung. Es kommt jedoch darauf an, wo sich die fremden Kinder schlecht benehmen. Sind sie zu Besuch im eigenen Haus, ist die Lage klar.

Dann dürfen wir ungeniert fremderziehen?

Das jetzt nicht unbedingt, dennoch haben Eltern das "Hausrecht" und sollten ihre eigenen Regeln verteidigen, die wiederum auf den Grundlagen des sozialen Miteinanders basieren: Du sollst nicht ausgrenzen und nicht schlagen - und ihr sollt gemeinsam auf eine Lösung kommen. Wenn das den Kindern schwerfällt, helfen die Eltern dabei. Bis zum Alter von etwa vier Jahren kommen die Kleinen manchmal einfach auf keine mögliche Lösung, selbst Grundschülern fällt das oft noch schwer. Da zerrt der eine das Spielzeug in seine Richtung, der andere ebenfalls.

Und wie sieht es mit dem Fremderziehen in der Öffentlichkeit aus, zum Beispiel auf dem Spielplatz?

Da geht es meist um offensichtliche Egoismen der Kinder, zum Beispiel wenn eines ewig die Schaukel belegt, obwohl das eigene Kind daneben wartet. Da kann man seinem Kind helfen und sagen: "Jetzt wartest du noch ein paar Minuten und dann gehen wir hin und fragen, ob du auch darfst." In der Regel lassen sich die fremden Kinder darauf ein. Problematisch wird es, wenn der Beschützerinstinkt der Eltern erwacht.

Welchen Fehler machen sie dann?

Viele reagieren rein aus ihrem Gefühl heraus und beschimpfen lautstark das fremde Kind: "Du spinnst wohl, warum haust du mein Kind?" Das ist für das andere Kind zu massiv und wirkt geradezu bedrohlich. Das ruft auch die fremden Eltern auf den Plan, die wiederum ihr Kind beschützen wollen. Besser wäre es, möglichst sachlich und mit positiver Botschaft dazwischenzugehen und allgemeine Regeln in den Vordergrund zu stellen: "Ich mag nicht, dass sich Kinder schlagen und eines dem anderen wehtut. Es ist schöner, wenn Kinder gut miteinander spielen und sich abwechseln." So bekommt das fremde Kind Rückmeldung auf sein Verhalten, ohne sich angegriffen zu fühlen.

Dennoch reagieren viele Eltern gereizt, wenn Fremde ihre Kinder erziehen. Dabei könnten sie doch froh über die Unterstützung sein?

Das Problem dabei ist: Entweder sie sehen ihr Kind bedroht und wollen es verteidigen. Oder sie fühlen sich selbst in ihrem Erziehungsstil kritisiert. Mit manchen kann man leider nicht vernünftig reden. Wenn es Eltern auch noch gut finden, dass ihr Kind sich auch mit Gewalt durchsetzt und zum Beispiel mit der Schaufel haut, macht ein Streit mit diesen Leuten keinen Sinn. Da geht man lieber an die andere Ecke vom Spielplatz.

Kommt das beim eigenen Kind nicht so an, als ob der Brutalere recht behält?

Man kann sich ja selbstbewusst zurückziehen, das ist ganz wichtig: Dafür erklärt man seinem Kind, dass man weder das Verhalten des fremden Kindes noch den Standpunkt der anderen Eltern gut findet und mit jemandem, der schlägt, kein sinnvolles Spielen möglich ist. So erlebt das Kind, dass seine Mutter oder sein Vater ihre sinnvollen Standpunkte vertreten.

Wie verhält man sich selbst richtig, wenn das eigene Kind fremderzogen wird?

Wenn die fremde Person recht und das Kind nicht geängstigt hat, stimmen Sie ruhig zu: "Das hätte ich auch zu dir gesagt." Bei unangemessenem Verhalten des Fremden würde ich zunächst mein Kind schützen und einen anderen Umgangston einfordern. Dann ist immer noch Gelegenheit, über das zu sprechen, was das Kind gemacht hat. Bleibt der Fremde uneinsichtig, kann man dem Kind durchaus zeigen, dass man das auch nicht in Ordnung findet.

Expertentipps zur Erziehung "Freundschaften verbieten ist das allerletzte Mittel"

Dürfen Eltern den Kontakt zu Freunden verhindern, die ihren Kindern schaden? Psychologin Marion Pothmann darüber, welche Freunde das Kind stärken, welche ihm auf lange Sicht schaden und wie Eltern auf "falsche Freunde" reagieren sollten.