Evangelische Kirche zu neuen Familienformen Herantasten an die neue Wirklichkeit

Die Politik gibt ihre normative Haltung zu Ehe und Famlie auf - die so entstandene inhaltliche Leere müssen andere füllen. Mit ihrer "Orientierungshilfe" geht die evangelische Kirche mit gutem Beispiel voran, gerade weil sich das Papier so vorsichtig den veränderten Lebenswelten nähert.

Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Kaum etwas hat sich in Deutschland so sehr gewandelt wie das Verständnis von Ehe und Familie. Bis zum neuen Familienrecht von 1977 setzte der Staat eine klare Norm: die lebenslange Gemeinschaft eines Alleinverdieners mit einer Familienversorgerin.

Nun soll das Ehegattensplitting auch für schwule und lesbische Paare gelten. Das staatliche Familienverständnis ist weit und tolerant geworden. Der Inhalt aber ist dabei verloren gegangen, der Staat kann ihn nicht mehr liefern. Das müssen andere tun.

Und dies tut nun die "Orientierungshilfe" der evangelischen Kirche zu Ehe und Familie - der Text ist mutig, gerade weil man aus ihm das Tastende und Suchende herausliest. Er verabschiedet sich nicht von der klassischen Ehe, in der immerhin mehr als 70 Prozent der Kinder aufwachsen.

Er erkennt aber an, dass es andere, genauso berechtigte Lebensformen gibt, die Patchwork-Familie wie die homosexuelle Partnerschaft. Die Schrift betrachtet nicht mehr die Norm einer Beziehung, sondern ihren existenziellen Gehalt: Gehen Menschen dort fair miteinander um? Sorgen sie für Kinder und Alte? Teilen sie Familien- und Erwerbsarbeit?

Mit Anpassung hat das wenig zu tun. Die Ehe als Norm zu idealisieren und dann zu beklagen, dass so viele daran scheitern, ist ziemlich bequem. Unbequem ist es, der stetigen Individualisierung etwas entgegenzusetzen. So, wie das die evangelische Kirche nun tut.