Essay Grüner wird's nicht

Topfpflanzen im japanischen Tokio.

(Foto: Tina Sturzenegger/plainpicture)

Endlich Frühling: An jeder Straßenecke blühen Wildblumen, Kräuternischen und Urban-Gardening-Beete. Ist ja ganz nett - solange wir nicht aus unseren Städten Dörfer machen.

Von Max Scharnigg

Früher stand hier noch kein Totenkopfschild. Früher war das einfach der schmale Streifen zwischen Radweg und Straße, wie er nun mal zur urbanen Topografie gehört. Alle zehn Meter eine schmutzige Linde und dazwischen Stadtgras. Stadtgras ist armes, kleines Gras, das von Hunden bepinkelt und von der Kehrmaschine gesäubert wird und in dem ein bisschen saisonaler Müll liegt, Eispapier, Kaufe-Ihr-Auto-Zettel und so. Seit zwei Jahren gibt es das an einer Stelle nicht mehr, dafür das Schild und einen Miniaturzaun. Der Totenkopf ist bunt, aber es ist trotzdem ein Totenkopf. Daneben steht in Fingerschrift: "Hunde weg! Blumenwiese!"

Was ist passiert? Ein Stück Grünstreifen wurde von einer Handvoll Anwohner als Garten annektiert. Weil man das jetzt eben so macht. Weil jetzt Urban Gardening ist.

Letztes Jahr wuchsen hinter dem Totenkopf ein paar Ringelblumen und eine Gladiole, und den ganzen Sommer lagen Kindergießkanne und Schaufel zwischen Radweg und Straße. Es war, offen gesagt, fürchterlich. Solange es einfach nur ein Straßenrand-Grünstreifen war, wie er sich Hunderte Kilometer durch die Stadt zieht, war alles okay, im Sinne von vernachlässigbar. Erst mit den Ringelblumen wurde es deprimierend. Sie sollten Farbtupfer sein, aber drei Quadratmeter Blumenwiese neben dem 17-Uhr-Stau sind keine Farbtupfer, das ist, als hätte man einem von einer Million Masthähnchen einen Namen gegeben. Die Ringelblumen haben den Feinstaub, den Bremsabrieb, das Kadmium, diesen grauenvollen Moloch Stadt erst sichtbar gemacht.

Einen Garten zu wollen, eine eigene Ringelblume, das ist nur verständlich. Gerade im Frühling, wo die Netzhaut nach Grün schreit. Aber die Stadt hat nun mal traditionell einen entscheidenden Nachteil: Sie ist nicht auf dem Land. Man wohnt zehn Meter über dem Boden, und der ist umfassend versiegelt, untertunnelt, vergiftet. Grün hat deswegen hier keinen Vorrang. Bis zur letzten Generation war dieser Nachteil allen Beteiligten auch irgendwie bewusst. Die einen nahmen es billigend in Kauf, viele kannten es nicht anders, etliche zogen gerade deswegen hin. Wegen der Rolltreppen und der Lichter, dem Puls und dem Plus an Menschen, Geschäften, Museen, Nachtbussen. Hey, Stadt eben, Verdichtung, Schmelztiegel, Asphaltflimmern.

Für eine gelegentliche Sehnsucht nach Natur hatten die Stadtväter große Parks und kleine Grünanlagen vorgesehen, wem das nicht reichte, für den gab es breite Ausfallstraßen, Wochenend-Tickets und das S-Bahn-Wanderbuch. Man verließ die Stadt, um draußen das zu haben, was es drinnen nicht gab. Heute ist das so nicht mehr vermittelbar. Denn in den Städten wohnen jetzt wir, die hochgezüchteten Individualisten, und wir sind es gewohnt, lauter Dinge zu fordern, die noch unseren Eltern nicht vereinbar schienen: Kind und Karriere, Ehe und Abenteuer, Garten und Altbauwohnung im dritten Stock.

Also wurde vor ein paar Jahren angefangen, die Stadt umzugraben. Überall bildeten sich Pflanz-Initiativen mit menschelnden Namen: Wullegarten, Krautgarten, O'pflanzt is. Es gab Bürgertreffen und Podiumsdiskussionen, in denen die Begriffe Brachflächen, Insektenhotels und Umnutzung tief flogen. Man wollte essbare Städte, Urban Farming, Selbstversorgung und Hochbeet für alle! Ratgeberverlage wie Gräfe&Unzer reagierten auf die neuen Ruralisten mit einem Instant-Sortiment zum Thema Selbstversorgung für Einsteiger bzw. auf engstem Raum. Gerüchte und Blogs von Hühnerhütern in Brooklyn und blühenden Landschaften auf den Dächern von Stockholm peitschten die Landlüsternen in allen Metropolen auf. Es wurden Garagendächer urbar gemacht, unberührte Verkehrsinseln zwangsfloriert, französische Balkone zu hängenden Gärten deklariert, wehrlose Bienenvölker eingebürgert und na ja, hauptsächlich wurden Seedbombs verschenkt.

Seedbombs sind diese kleinen Erdknollen, mit denen man aus Stadtgras Blühwiesen zaubern soll, als wäre man ein verdammter Faun. Sie sind so populär, dass man im Juli vor lauter Kosmeen und Sonnenblumen nicht mehr zur U-Bahn kommen dürfte, eigentlich. In Wirklichkeit hat sich bis auf das Totenkopfschild nicht viel verändert, die vielen Seedbombs, sie vertrocknen wahrscheinlich in den Schubladen von Vintage-Schreibtischen. Zerbröselnde Versprechen, die keiner halten kann. Zwei Kreuzungen weiter sind auf einem ehemaligen Bauhof der Stadt aber ein paar Hochbeete aufgestellt worden, für die es eine lange Warteliste gibt, und wo es immer aussieht wie auf einem kompostierten Flohmarkt, durch den ein Wirbelsturm gezogen ist. Nicht schön.

So weit, so bemüht. Aber wie geht es jetzt weiter? Wohin mit all den Samen, wo sollen die Kletterzucchini ranken, wie die große Gartensehnsucht wirklich Wurzeln schlagen?

Bei aller Luftgärtnerei: Es ist immer noch die alte Stadt

Wir leben in einer Gesellschaft, in der auch Nischenanliegen Gehör finden, und das ist toll. Die Städte sind offen für die Landlust ihrer Einwohner, Stuttgart hat einen neuen Referenten für urbanen Gartenbau, in München gewann beim Stadtplanwettbewerb jener Entwurf, der vorsieht, dass ein neues Wohngebiet mit Gemüseäckern ausgestattet wird, deren überschüssiger Ertrag per Anhänger an der Tram zum Viktualienmarkt fahren soll! So rührend. Aber bei aller Luftgärtnerei, es ist immer noch die alte, verbaute Stadt, um die es dabei geht. Und vielleicht ist nach fünf Jahren verhinderter Selbstversorgung und wilder Pflanz-Initiativen auch der Moment gekommen, in dem man sagen muss: Wirklich grüner wird's so einfach nicht.

Wir sind nicht Detroit, wo ganze Stadtviertel von der Natur zurückerobert werden, genug Brachen für Experimente zur Verfügung stehen und die Menschen mit Selbstversorgung nicht Samstagnachmittag meinen, sondern Hunger. Dort wird an neuen Arten urbaner Landwirtschaft getüftelt, wie übrigens immer in der Geschichte, wenn Städte durch Krisen gingen. Aber es sind unsere Großstädte, um die es hier geht, und zur Erinnerung: Deutschland, das ist das Land, das seit einigen Jahren die Riesendampfmaschine Europas ist. In den Städten herrscht, ob das behagt oder nicht, verdichtete Höchstleistung, enormer Zuzug, sozial-logistische Optimierung. Genauso gut könnte man ein Veilchen in einen Sechszylindermotor pflanzen.

Klar, wir können weiter die Innenstädte ästhetisch ruralisieren, wie das Niklas Maak in seinem Buch "Wohnkomplex" so schön konstatiert hat. Also mit Bart und Karohemd Eintöpfe aus vergessenen Rübensorten auf recycelten Holztischen essen und Manschetten für den nächsten Baum stricken. Wir können auf dem Balkon Tomaten aufpäppeln und ein kleines Kräuterbeet führen, weil jeder auf seinem Balkon machen kann, was er will. Aber können wir wirklich die paar Baulücken zu Kartoffeläckern erklären? Teile der Parks und Verkehrsinseln nutzpflanzlich umwidmen?

Lässt man die Nachhaltigkeits-Deko mal weg, klingt es doch ziemlich zauselig-egoistisch: unbedingt die Gartenlust ausleben zu wollen, wo ohnehin chronisch zu wenig Platz ist. Totenkopfschilder und Minizäune aufzustellen, wo gestern noch das letzte Niemandsland war, das Reich der Hunde, Zigarettenstummel und Kehrmaschinen. Wie demokratisch sind Krautgärten und Hochbeetanlagen, aus denen ein paar Dutzend Eingeweihte, sofern frühzeitig angemeldet, eine Handvoll Zucchini und Radieschen mitnehmen können? Die übrigens oft von den Stadtgärtnern gepflanzt wurden - betreutes Gärtnern für die herumstümpernde Ökoschicht.

Solche Anlagen haben im Stadtgefüge streng genommen keinen anderen Status verdient als ein Tennisplatz. Es sind Spielplätze für wenige. Was wäre los, wenn die SUV-Besitzer demnächst größere Parkplätze forderten, weil die Markierungen noch aus einer Zeit stammen, in der alle mit kleineren Autos zufrieden waren? Wenn die Hundehalter ausgewiesene Kackareale wollen, weil das Herumlaufen mit beschissenen Plastikbeuteln ihre Lebensqualität schmälert? Ist die Karotte wirklich so viel heiliger als diese Anliegen? Sät man neben ein bisschen Petersilie nicht erst recht Neid und Missgunst, wenn man Parzellen absteckt, wo andere gestern noch Grünanlage und Bolzwiese fanden, wo die Säufer lagen und die Liebespaare?

Die Karotten aus New York sind bei den Schwermetallen Spitze

Tanzen und Kartenspielen, das sind urbane Lustbarkeiten, nicht Pflanzen und Gartenspielen. Mal ganz abgesehen von den Schwermetallen. Aus New York, Vorreiter in Sachen Urban Farming, berichtete die New York Post neulich genüsslich über die sagenhaften Rückstände, die in den Karotten der Stadtgärten gemessen wurden. Auch Kräuter, die nicht tief wurzeln, wiesen noch beachtliche Mengen an Blei und Kadmium auf. Es wäre kurios, wenn sich ausgerechnet jene Generation, die ihr Essen unter Generalverdacht stellt, über Gemüse kontaminiert, weil es unbedingt vor der Haustür wachsen soll.

Egoismus, Schadstoffe, Platznot und Hausverstand sprechen also eher dagegen - trotzdem könnte die Zukunft der Stadt mit dem Gärtnern zu tun haben. Allerdings nicht mit Guerilla Gardening und Seedbombs. Das Fraunhofer-Institut beschäftigt sich in Oberhausen mit dem Thema und denkt dabei in anderen Dimensionen als die Ego-Individualisten. Es geht um Vertical Gardening mit Gewächshochhäusern und Rooftop-Growing auf bestehenden Baustrukturen. 360 Millionen Quadratmeter Flachdachfläche, so die Schätzungen der Forscher, könnten in Deutschland zu Gewächshäusern mit leichtem Hydrokulturboden werden. Das entspräche etwa einem Viertel der Ackerfläche, die heute für den Gemüseanbau genutzt wird. Zusätzlich zur Bindung des Co₂, zu der diese grünen Dächer am Ort beitragen würden, wären sie eine Antwort auf die Frage, wie die Landwirtschaft der zunehmenden Bodenversiegelung begegnen könnte.

Denn das ist auch ein Problem der neuen Städte: Die Grenzen der Lebensräume verwischen. Die Kernstadt wird suburbanisiert, weil diejenigen, die es sich leisten können, dort zu wohnen, keine Graffiti an den Wänden und keine Kneipen in ihrem Haus wollen, aber einen Kräutergarten und einen großen Parkplatz. Die Vororte und Wohngürtel urbanisieren dafür schneller, weil sie die Menschen aufnehmen müssen, die die Stadtpreise nicht mehr zahlen können. Die Bodenversiegelung schreitet voran, und zwar da, wo vorher noch Lebensmittel gewachsen sind. Kreisverkehr, Discounter, Neubaugebiet, zack! Etwa 110 Hektar gehen täglich drauf, sagt man.

Vielleicht sollten die aufgeklärten Urbanisten, statt sich in Viertelinitiativen aufzureiben, statt Asphalt aufzureißen um Zwiebeln zu stecken, gemeinsam den Erhalt eines grünen Pflanzgürtels rund um jede Stadt einfordern. Eine riesige, nahrhafte Wagenburg errichten, eine Hochbeetmauer, noch im S-Bahn-Bereich, noch mit gutem Boden und genügend Platz für alle, die ein bisschen Erde spüren wollen. Und die Stadt dafür Stadt sein lassen. Denn das wird sie auf absehbare Zeit bleiben, Ringelblume hin oder her.