Erziehungsfragen Dürfen Eltern den Besuch beim Tierarzt verbieten?

Ein beliebtes Haustier unter Kindern: ein Goldhamster

(Foto: dpa/dpaweb)

Weil der Hamster schwer krank ist, wollen die Kinder mit ihm zum Tierarzt. Sollten Eltern teure, lebensverlängernde Maßnahmen für ein so kleines Tier bezahlen? Drei Experten antworten.

Ein Leser fragt:

Unser Hamster hat vermutlich Krebs, ein unschönes Geschwür hängt an seinem Hinterteil. Jetzt wollen die Kinder zum Tierarzt. Ich finde es irre, bei so einem kleinen Tier die Lebenserwartung medizinisch zu verlängern, zumal das ja auch Geld kostet. Darf ich den Besuch beim Tierarzt verbieten? Tobias A., 47, München

Drei Experten antworten

Kirsten Boie: Ich plädiere für einen Besuch beim Tierarzt!

Die Expertin Kirsten Boie.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn Ihr Budget es irgendwie erlaubt, plädiere ich für einen Besuch beim Tierarzt. Ihre Kinder könnten sich ja auch mit ihrem Taschengeld etwas an den Kosten beteiligen. Für die Kinder ist der Hamster ein Familienmitglied: "Das ist unser Hamster, er ist krank, und nur weil es Geld kostet, geht Papa nicht mit ihm zum Arzt!" Nein, natürlich werden Ihre Kinder deshalb nicht gleich glauben, auch wenn sie selbst krank wären, würden Sie zuerst finanzielle Erwägungen anstellen. Aber sie würden doch lernen, dass Geld wichtiger ist als jemandem, den man liebt (und die Kinder lieben ihren Hamster!), zu helfen.

Auch das Wissen, dass es überall auf der Welt Millionen Menschen gibt, die nicht so eine gute medizinische Versorgung erwarten können wie dieser kleine Hamster (ein Thema, dass bestimmt so manchem im Wartezimmer beim Tierarzt durch den Kopf geht), entkräftet das nicht. Nutzen Sie die Gelegenheit, zwar alles für den Hamster zu tun, was möglich ist, aber den Kindern gleichzeitig zu erzählen, dass viele Menschen keine vergleichbaren Möglichkeiten haben, um sich medizinisch behandeln zu lassen.

Ich bin mir ganz sicher, dass Ihre Kinder sich nicht nur in Ihrem positiven Papa-Bild bestärkt fühlen werden, sondern gleichzeitig - klar, das klingt jetzt etwas pathetisch! - sogar ein bisschen mehr Menschlichkeit von Ihnen lernen werden.

Kirsten Boie Kirsten Boie ist Schriftstellerin und Autorin von mehr als hundert Kinder- und Jugendbüchern, darunter die allseits bekannten und geliebten "Geschichten aus dem Möwenweg" oder die Abenteuer des kleinen "Ritter Trenk".

Jesper Juul: Bleiben Sie sich treu!

Der Experte Jesper Juul.

(Foto: Franz Bischof)

Ich finde, Sie sollten in diesem Fall Ihrer eigenen Logik folgen, und die Wut und die Enttäuschung Ihrer Kinder mutig riskieren. Bleiben Sie sich treu.

Jesper Juul Jesper Juul ist Familientherapeut in Dänemark und Autor zahlreicher internationaler Bestseller zum Thema Erziehung und Familie.

Katia Saalfrank: Sie sollten Verantwortung für den Hamster übernehmen!

Die Expertin Katia Saalfrank.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ob die Lebenserwartung des Hamsters durch eine medizinische Maßnahme beim Tierarzt tatsächlich verlängert wird, erscheint mir bei dem, was Sie beschreiben, noch gar nicht so klar zu sein. Aber was stört Sie denn wirklich an dieser Situation? Wenn Sie mich fragen: Ich meine, dass Sie Verantwortung für ein Lebewesen übernommen haben. Egal wie groß oder klein dieses Lebewesen auch ist, Ihre Verantwortung verändert sich dadurch in meinen Augen nicht. Offensichtlich ist das Tier krank. Das heißt, Sie - als Verantwortlicher - sollten sich um den Hamster kümmern und schauen, was das kleine Tier jetzt braucht. Ihre Kinder scheinen hier die Verantwortung stärker als Sie selbst zu spüren. Natürlich können Sie den Besuch beim Tierarzt verbieten. Die Botschaft an Ihre Kinder ist dann jedoch: Unser Familienhamster ist es nicht wert, dass man ihm hilft. Das sollten Sie sich, bevor Sie eine Entscheidung fällen, klarmachen. Wenn Sie beim Tierarzt sind, wird dieser sicher ohnehin mit Ihnen besprechen, was im Sinne des Tierchens ist.

Katia Saalfrank Katia Saalfrank ist Pädagogin, Musiktherapeutin und wurde als Fachberaterin in der Sendung "Die Super Nanny" bekannt. Heute arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis in der Eltern- und Familienberatung.

Haben Sie auch eine Frage? Schreiben Sie eine E-Mail an: familientrio@sueddeutsche.de