Erster Weltkrieg Matthias Erzberger: Der Patriot, der den Frieden wagte

Verhandlungspartner der Siegermächte: Matthias Erzberger (li.) im April 1919 bei einer Beratung mit deutschen Diplomaten im Zug.

(Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg)

Der Konservative unterzeichnete am 1918 den Waffenstillstand zwischen den Westmächten und Deutschland - darum ermordeten ihn später Rechtsradikale. Wer war Matthias Erzberger?

Von Christian Mayer

Es ist der 26. August 1921, Spätsommer im Schwarzwald. Der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger genießt ein paar freie Tage mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter. Morgens macht er gemeinsam mit einem Abgeordnetenkollegen eine Wanderung Richtung Kniebis, ein idyllischer Bergrücken bei Freudenstadt.

Da nähern sich zwei gut gekleidete junge Männer "in strammer Haltung", wie es Erzbergers Kollege später zu Protokoll geben wird. Grußlos überholen die beiden ehemaligen Marineoffiziere Erzberger und seinen Gefährten. "Jetzt müssen wir aber umkehren, da wir um Viertel vor zwölf beim Mittagessen sein wollen", sagt der Politiker noch.

Dann hören sie Schritte, und schon stehen die Männer vor ihnen, mit gezückten Revolvern. Mehrere Schüsse treffen den Herrn mit dem Hut und dem dunklen Anzug; tödlich verwundet fällt Erzberger die Böschung hinab, sein ebenfalls getroffener Begleiter kann sich gerade noch in den nächsten Ort schleppen und die Polizei verständigen.

An jenem Tag im August stirbt nicht nur einer der bedeutendsten Politiker seiner Zeit. Der Mord im Schwarzwald, verübt von Killern der rechten Terrororganisation "Consul", soll das Staatswesen an sich treffen, die Republik von Weimar.

Die Schüsse zielen auch auf die Werte, für die der langjährige Reichstagsabgeordnete, Diplomat und Finanzminister steht: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Parlamentarismus, freie Presse. Sie zielen auf den Mann, der es als seine Pflicht ansah, am 11. November 1918 den Waffenstillstand zwischen den Westmächten Frankreich und Deutschland zu unterzeichnen.

Erzberger war ein prinzipientreuer Politiker und ein herausragender Redner, einer, der keiner Debatte aus dem Weg ging: Auch deshalb hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) dem Ältestenrat vorgeschlagen, im März ein Parlamentsgebäude am Berliner Boulevard Unter den Linden nach Erzberger zu benennen. Ein zweites Gebäude dort trägt inzwischen den Namen des Sozialdemokraten Otto Wels.

Ein Liberaler ist er nicht, aber lernfähig

Dass Erzberger fast hundert Jahre nach seiner Ermordung endlich einen angemesseneren Platz in der deutschen Erinnerungskultur finden könnte, soll ein Zeichen setzen.

Wer war dieser Mann, der es als Sohn eines Schneiders aus dem schwäbischen Buttenhausen bis zum Vizekanzler brachte? Und warum schlug ihm so viel Hass entgegen?

Erzberger ist ein Mann, der trotz seiner einfachen Herkunft nach oben will. Der 1875 geborene Volksschullehrer, der als Redakteur beim Deutschen Volksblatt in Stuttgart eine journalistische Laufbahn beginnt, gilt als großes Talent der katholischen Zentrumspartei.

Ein bisschen Frieden im Ersten Weltkrieg

Ostfront 1917: Nach drei Jahren Gemetzel tanzen deutsche und russische Soldaten auf den Schlachtfeldern. Was ist passiert? Von Jeremias Schmidt und Oliver Das Gupta mehr ...

1903 zieht er im Alter von nur 28 Jahren als jüngster Abgeordneter in den Reichstag ein: Mit 92 Prozent kann der Neuling, der den christlichen Gewerkschaften nahesteht, auf ein glänzendes Ergebnis verweisen. Weil es zu dieser Zeit noch keine Diäten gibt, verdient er sein Geld mit Zeitungsartikeln. Politik ist sein Beruf, seine Leidenschaft - dazu gehört das Aktenstudium genauso wie die Ausschussarbeit und die große Rede vor dem Reichstag.

Als Mitglied der Haushaltskommission wird er einer der führenden Finanzpolitiker. Scharfzüngig verteidigt er die Aufrüstungspolitik gegen die Kritik der Sozialdemokraten, zugleich will er die Rechte des Parlaments stärken - zum Beispiel bei der Kontrolle der umstrittenen Kolonialpolitik. Ein Liberaler ist er nicht, aber lernfähig.