Erster Kuss mit Katy Perry Niedergeknutscht statt wachgeküsst

Ein Teenager küsst zum ersten Mal in seinem Leben eine Frau - in einer Casting-Show vor Millionen Zuschauern. Die Frau, US-Sängerin Katy Perry, dachte, sie darf das. Ein Irrtum.

Von Violetta Simon

"Angst vor dem ersten Kuss? Wir sagen, was hilft!" schreibt die Bravo. Vielleicht kann sie auch Benjamin Glaze helfen. Den ersten Kuss hat der Teenager aus Oklahoma zwar geschafft. Doch die Angst davor wird er wohl so schnell nicht los werden.

Man darf annehmen, dass der 19-jährige Benjamin, der noch nie eine Freundin hatte, eine Vorstellung davon hatte, wie sein erster Kuss ablaufen könnte. Vor allem, dass er etwas Besonderes sein würde. Dieser Wunsch hat sich nun erfüllt, wenn auch anders als erwartet. Eigentlich war der 19-Jährige in der Castingshow "American Idol" angetreten, um zu singen. Statt dessen musste er eine fremde Frau küssen. Fünf Minuten später war alles vorbei. Sowohl die Sache mit dem ersten Kuss als auch der Traum von der Karriere als Musiker.

Auf einschlägigen Ratgeber-Seiten heißt es ja immer, man soll sich angemessen vorbereiten. Damit der erste Kuss unvergesslich wird, empfehlen Bravo & Co. verunsicherten Teenagern, sie sollen für frischen Atem sorgen, einen ungestörten Ort wählen, sich entspannen. Nähere dich vorsichtig an, schreiben sie. Achte darauf, dass dein Partner ebenfalls bereit ist.

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Die weibliche Jurorin der Castingshow, Katy Perry, konnte oder wollte darauf keine Rücksicht nehmen. "Komm her. Sofort!", forderte die US-Sängerin den Bewerber aus Oklahoma auf. Glaze reagierte überrumpelt, erkannte jedoch, dass Perry es ernst meinte - und gehorchte. Die beiden Mit-Juroren Lionel Richie und Luke Bryan (mit gezücktem Handy) brachten sich schon mal in in Position. Auch mehr als zehn Millionen Zuschauer durften der Initiation beiwohnen - perfekte Voraussetzungen also für den ersten Kuss.

Dann geht alles ganz schnell. Die Sängerin steht auf und hält dem Teenager ihre Wange hin. Als der 19-Jährige sich nähert, dreht sie ihm den Mund zu und presst ihn auf seinen. Der rosarote Lippenstift besteht. Benjamin hingegen taumelt und geht zu Boden. Perry reißt die Arme in die Höhe wie ein Preisboxer nach dem K.o. des Gegners, die drei Juroren klatschen ab, alle drei beglückwünschen sich gegenseitig zu dem gelungenen Coup. Geht's noch?

Einige werden dagegenhalten, Benjamin Glaze hätte nein sagen können. Sie werden sagen: Selbst schuld, warum muss er auch unbedingt verraten, dass er noch nie ein Mädchen geküsst hat. Zumal er der Expertin für unaufgefordertes Küssen, "I kissed a Girl"-Sängerin Katy Perry, gegenüberstand. Das schreit doch geradezu danach, dem jungen Mann diese Erfahrung zuteilwerden zu lassen. Schließlich haben Männer auch jahrzehntelang behauptet, dass Frauen, die Ausschnitt zu Minirock tragen, sexuell belästigt werden wollen.

Man könnte aber auch fragen: Durfte Katy Perry das? Und wenn ja, warum ging sie davon aus, dass es für einen jungen Mann das Größte ist, was ihm passieren kann? Weil Perry eine Frau ist, weiß und prominent? Was, wenn Lionel Richie oder Luke Bryan sich das herausgenommen hätten, womöglich bei einer Frau - #aufschrei!!! #metoo!!!

Kein Aufschrei

Zehn Millionen sahen zu, wie einem Teenager die Vorfreude, der Handlungsspielraum, die Souveränitat entzogen wurde. Doch der Aufschrei der Empörung blieb aus. An Weinstein im Bademantel oder Dieter Wedel im Hotelzimmer dachte in dem Moment keiner.

Stattdessen rief Katy Perry "Und jetzt sing' für uns!"

Glaze, der sich nach seinem ersten Kuss vom Boden aufrappelt, geht zurück zur Bühne und bittet um ein Glas Wasser. Dann singt er, schrammelt mit seiner Gitarre dazu, es klingt ok, aber nicht mehr. Er schafft es nicht in die nächste Runde. "Du brauchst einfach noch mehr praktische Erfahrung", gibt die Jury ihm mit auf den Weg.

Ob er zu schlecht geküsst hat oder nicht gut genug gesungen, wir wissen es nicht. Aber, hey, dafür kann er heute sagen: "I kissed a Girl". Auch wenn der zweite Teil der Strophe heißen dürfte: "And I didn't like it".

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