Die Zahl dicker Kinder nimmt nicht weiter zu, für Entwarnung aber besteht kein Anlass.
Die "Generation XXL" ist eine traurige Wahrheit. 1,8 Millionen Kinder in Deutschland sind dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (kurz Kiggs) des Robert-Koch-Instituts zufolge übergewichtig, 770.000 von ihnen sogar krankhaft. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte die Bundesregierung daher mit einem Aktionsplan reagiert. "Fit statt fett", lautete der Slogan eines umfassenden Programms. Es soll verhindern, dass die Zahl dicker Kinder ansteigt.
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Obst statt Fastfood - die predigten scheinen zu wirken. (© Foto: iStock)
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In Schulen und Kindertagesstätten wird seither größerer Wert auf gesundes Essen gelegt, öffentliche Einrichtungen sind angehalten, ein gutes Vorbild in punkto Körpergewicht zu sein, der Ausbau von Spiel- und Sportplätzen wird gefördert und auch die Forschung profitiert von dem mit 15 Millionen Euro geförderten Plan.
Mit Unbehagen betrachten auch jene, die vor allem "den Standort Deutschland" im Auge haben, die immer voluminöseren Kleidergrößen der Kinder und Jugendlichen im Lande. Sie befürchten explodierende Kosten im Gesundheitswesen und einen Rückgang der wirtschaftlichen Produktivität.
Doch ausgerechnet auf dem Höhepunkt des allgemeinen Erschreckens scheint es Anlass zum Durchatmen zu geben. Aus den USA, wo 40 Prozent aller Kinder zu dick sind, kommt die erleichternde Nachricht, dass der Trend nun gebrochen zu sein scheint. "Zwischen 1999 und 2006 gab es keinen belastbaren Anstieg mehr an übergewichtigen Kindern und Jugendlichen in den USA", berichtet ein Wissenschaftlerteam um Cynthia Ogden von den US-Gesundheitsbehörden CDC nun im Journal of the American Medical Association (Bd.299, S.2401, 2008).
Die Forscher analysierten Größe und Gewicht von mehr als 8000 Kindern und Heranwachsenden. Zehn Jahre davor, so das Team, hatte sich noch eine drastisch wachsende Zahl junger Amerikaner übermäßige Fettpolster zugelegt.
Auch in Deutschland ergibt sich ein ähnliches Bild. "Bei den Einschülern ist seit einiger Zeit keine generelle Zunahme des Übergewichts mehr zu verzeichnen", sagt Joseph Kuhn vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit . "In vielen Bundesländern zeigen die Schuleingangsuntersuchungen einen leicht rückläufigen Trend." Darunter sind Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hessen und Bayern; in Brandenburg geht sogar der Anteil dicker Erstklässler zurück - was sicher nicht dem eben erst ins Leben gerufenen Aktionsplan zu verdanken ist.
Vergleichsdaten fehlen
Glücklich ist Kuhn trotzdem nicht. "Das soll keine Entwarnung sein, die Zahlen stagnieren nur auf hohem Niveau", sagt er. Nach wie vor seien 15Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zu dick. Ohnehin entspannt sich die Situation bisher nur bei den Kleinen. Unter älteren Kindern und Jugendlichen nimmt der Anteil an Dicken und Fettleibigen Kuhn zufolge sogar weiter zu. "Die Frage ist, ob die jungen Leute nur später an Gewicht zulegen oder ob Ernährungs- und Informationsprogramme wider Erwarten doch geholfen haben", sagt er.
Die Frage lässt sich aber nur schwer beantworten, weil ausführliche Datenerhebungen wie jene in den USA hierzulande mit der Kiggs-Studie gerade erst begonnen haben. "Uns fehlen einfach die Vergleichsdaten", sagt Thomas Lampert, der am Robert-Koch-Institut an der Kiggs-Studie mitarbeitet.
Selbst die Amerikaner wissen noch nicht so recht, wie sie ihre neuen Ergebnisse einordnen sollen. "Es ist noch zu früh, um sagen zu können, ob diese Daten wirklich ein Plateau zeigen oder nur eine statistische Abweichung darstellen", so Cara Ebbeling und David Ludwig vom Kinderkrankenhaus Boston. Womöglich breite sich "die Fettleibigkeits-Epidemie unaufhaltsam weiter aus" und werde in einigen Jahren ihren Tribut in Form von lebensbedrohlichen Komplikationen fordern.
Schon heute gibt es reichlich junge Menschen, die an Typ-2-Diabetes leiden, der früher einmal "Alterszucker" hieß. Dicken drohen außerdem schon in recht jungen Jahren Gelenkverschleiß, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall. Auch die Seele leidet, bei Kindern besonders.
Das allerdings, meint der Soziologe Friedrich Schorb vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen, werde durch Aktionspläne wie "Fit statt fett" nicht eben besser. Sie trügen vielmehr noch zur Stigmatisierung bei und seien schlecht für das Selbstbewusstsein. "Das Motto künftiger Gesundheitskampagnen sollte daher lieber ,Fit und fett' oder ,Gesund und rund' lauten", fordert Schorb, "denn körperliche Bewegung, gesunde Ernährung und Übergewicht müssen sich keinesfalls ausschließen." Schon jetzt, so der Forscher, leiden viele Dicke stärker unter Diskriminierung als unter den gesundheitlichen Folgen ihrer Leibesfülle.
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(SZ vom 28.05.2008)