68er-Bewegung Elf Dinge, die uns die 68er-Bewegung hinterlassen hat

Rainer Langhans bei seiner Festnahme auf dem Kurfürstendamm in Berlin; Archivfoto vom 30.September 1967. Langhans war Bewohner der 'Kommune 1' - welche noch heute Sinnbild für die sexuelle Befreiung und neue Wohnformen ist.

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

Befreite Sexualität, Rock, Kinderläden, Reformunis, Emanzipation, Drogenexperimente, linker Terrorismus. Das wahre Erbe der 68er.

Von SZ-Autoren

"1968 fing der Planet Feuer", sagte Daniel Cohn-Bendit einmal und bezeichnete damit eine politische und kulturelle Revolte, die nationale Grenzen sprengte. Für den ehemaligen Anarchisten, Studentenführer und früheren grünen Europapolitiker ist die damalige Bewegung, die fast alle westlichen Staaten erfasste, ein Symbol für den Aufbruch in eine bessere, gerechtere, und ja, schönere Welt.

"Wir haben uns immer mit den edlen Verlierern der Geschichte identifiziert", so Cohn-Bendit vergangenes Jahr im Spiegel. Das Eintreten für die Unterdrückten in aller Welt war ein wichtiges Motiv für viele, die in der 68er-Bewegung aktiv waren. Dabei habe man sich keiner starren Ideologie unterordnen wollen. Man lehnte sowohl das kapitalistische System unter Führung der USA als auch den real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion und seinen Satellitenstaaten strikt ab.

Wohin die Bewegung führen sollte, war vielen damals Beteiligten unklar. Man sprach - in Marx'scher Diktion - von der historischen Notwendigkeit, mit der der Kommunismus kommen würde und von der Revolution, die unmittelbar bevorstünde. Doch die konkreten Ziel bleiben wolkig. Selbst Rudi Dutschke, der Anführer der Studentenunruhen in Berlin, ließ das Ziel des Protestes bewusst offen.

50 Jahre 68er-Bewegung - ein Schwerpunkt

Vom tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg über die Massendemonstrationen bis zum blutigen Terror der RAF: Alle Analysen, Interviews und Fotos zur 68er-Bewegung finden Sie hier.

So richtig viel ist von den "Irgendwas-mit-Sozialismus"-Ansätzen der 68er nicht geblieben: Weltweit gibt es kein überzeugendes linkes Projekt auf Staatsebene. Die Studentenbewegung zersplitterte schnell in viele kleine, oft untereinander verfeindete Gruppen, von denen sich die meisten irgendwann auflösten. Größer war die Wirkung, die die 68er auf die Alltagsgesellschaft, die Popkultur und unsere Moralvorstellungen hatten. Der Philiosoph Jürgen Habermas, der die rebellischen Kräfte in der Hitze der Auseinandersetzungen einmal "Linksfaschisten" nannte, revidierte später seine Aussage und deutet die 68er-Bewegung heute als Triebfeder für die "Fundamentalliberalisierung" der deutschen Gesellschaft.

Dieses Verdienst wird seit einigen Jahren infrage gestellt, von konservativen Kulturkritikern wie dem ehemaligen Spiegel-Journalisten Matthias Matussek und von neorechten Kräften um AfD und Pediga, die in den 68ern die Zerstörer der guten Sitten sehen, die die Deutschen letztendlich einem riesigen Umerziehungsprojekt unterworfen haben. Was also bleibt 50 Jahre später noch von den 68ern? Eine Bestandsaufnahme:

"Befreite" Sexualität

Freie Liebe, weibliche Lust, Orgasmus für alle - die Zeit war Ende der sechziger Jahre reif für eine sexuelle Revolution, die Erwartungen entsprechend hoch. Da gab es die Pille, die das Ausleben der Lust ohne Angst vor Konsequenzen ermöglichte. Da war Rainer Langhans, Mitbegründer der Kommune I in Berlin, der eifrig Ekstase-Erfahrung sammelte, Beziehungsarbeit praktizierte und in seinem Umfeld nicht nur Privateigentum und Monogamie abschaffte, sondern auch gleich die Klotüren aushängte. Und natürlich Uschi Obermaier, die schöne Gefährtin aus München-Sendling, deren Brüste sich so wunderbar als politisches Signal eigneten.

Für die 68er-Generation war die Unterdrückung der sexuellen Triebe gleichbedeutend mit einer Deformierung der Persönlichkeit, vielen galt sie gar als Ursache für die Gräueltaten im Dritten Reich. Was ist aus der sexuellen Revolution geworden? Längst haben sie die Klotür wieder eingehängt, jede von Langhans' Haremsdamen lebt heute in ihrer eigenen Wohnung. Und der Kommunarde gestand 50 Jahre später: "Ich fand es schrecklich, jeden Tag Sex haben zu müssen."

Was damals undenkbar war, ist heute normal: die wilde Ehe. Der "Kuppeleiparagraf" wurde 1974 abgeschafft. Auch der sogenannte Schwulenparagraf wurde 1969 erstmals entschärft und 1973 reformiert, so dass Homosexuellen keine Verfolgung mehr drohte - endgültig gestrichen wurde er 1994.

Heute, so scheint es, muss sich niemand mehr befreien. Jeder kann und darf wie und mit wem er will, niemand muss sich mehr verstecken. Das ist gut, kann aber auch anstrengend sein: Die Möglichkeit, jederzeit seine sexuellen Bedürfnisse auszuleben, ist zur Pflicht geworden. Überdruss und Leistungsdruck liegen mit im Bett, kein Wunder bei dem Überangebot.

Eine Befreiung von der sexuellen Befreiung - womöglich wäre das die Lösung.

(Violetta Simon)