Ein Hormon, das den Turbo im Blut zündet.

Wenn nichts mehr geht, verleiht Erythropoetin (Epo) neue Kräfte. Epo ist ein körpereigenes Hormon, das die Bildung roter Blutkörperchen stimuliert. Diesen Effekt schätzen Sportler ungemein, denn werden mehr rote Blutkörperchen produziert, kann der Körper mehr Sauerstoff aufnehmen und in die Zellen transportieren - deshalb ist er leistungsfähiger.

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Epo kann aber noch mehr. Es stimuliert offenbar die Neubildung von Blutgefäßen in Muskeln und wirkt Übersäuerung entgegen. Epo wird größtenteils in der Niere gebildet. Man verordnet es Patienten mit chronischem Nierenversagen oder Blutarmut bei Krebs. Es wird in die Vene oder unter die Haut gespitzt. 1977 wurde Epo erstmals aus menschlichem Urin isoliert. Seit 1985 kann es gentechnisch hergestellt werden.

Durch die vermehrte Produktion roter Blutkörperchen (Erythrozyten) nach Epo-Gabe wird das Blut dickflüssiger. Der Hämatokrit-Wert, der anzeigt, wie hoch der Anteil der Erythrozyten am Blut ist, liegt normalerweise zwischen 42 und 45 Prozent. Ab einem Hämatokrit von 50 Prozent besteht Verdacht auf Doping. Bjarne Riis hatte wegen seiner hohen Werte unter den Radfahreren den Spitznamen ,,Mister 60 Prozent''.

Wenn das Blut durch Epo-Doping immer zähflüssiger wird, besteht höchste Gefahr für die Athleten. Gerinnsel bilden sich leichter, die Blutgefäße können sich aufgrund von Thrombosen verschließen. In der Folge drohen Herzinfarkt und Schlaganfall. In Untersuchungen an Patienten wurden zudem ein erhöhtes Krebsrisiko und mehr Todesfälle nach Epo-Gebrauch beschrieben.

Eine besondere Gefahr beim Epo-Doping besteht darin, dass - anders als beim Doping mit Eigenblut - die Zahl der roten Blutkörperchen und damit der Hämatokritwert rasant steigt, weil keine weitere Flüssigkeit zugeführt wird. Um den Hämatokrit in den erlaubten Bereich zu senken, müssen Sportler viel trinken, mittels Infusionen Flüssigkeit bekommen oder das Blut medikamentös verflüssigen. Der daraufhin stark schwankende Hämatokrit-Wert wird unter Doping-Experten als Sachenbacher'sches Paradox bezeichnet.

Epo-Doping kann im Urin (und im Blut) seit 1997/98 nachgewiesen werden. Der Test setzte sich jedoch erst seit dem Jahr 2000 zunehmend durch - die Messung des Hämatokrits ist einfacher. Der Epo-Test beruht darauf, dass sich körpereigenes Erythropoetin und das künstlich zugeführte, zumeist gentechnisch hergestellte Hormon geringfügig unterscheiden. Anhand verschiedener Zuckermoleküle, die an dem Hormon hängen, können Doper überführt werden.

Der Unterschied zu Höhentraining und Eigenbluttherapie ist, dass Epo effektiver wirkt. Selbst austrainierte Spitzensportler erreichen mit Epo eine Leistungssteigerung um etwa fünf Prozent. Die ist ein enormer Sprung, da die Unterschiede in der Weltspitze nur im Promillebereich liegen.

Diese neue Dimension des Dopings haben Sportler in den 90er-Jahren besonders drastisch erlebt. Der fünfmalige Tour-de-France-Sieger Miguel Indurain war 1996 verwundert darüber, warum plötzlich so viele Fahrer an ihm vorbeizogen und der Däne Bjarne Riis gewann. So alt sei er in dem Jahr seit seinem Tour-Sieg 1995 doch nicht geworden, habe Indurain angeblich gesagt.

Experten schätzen, dass weltweit mindestens fünfmal so viel Epo hergestellt wird, wie für den medizinischen Bedarf nötig wäre. Epo gehört zu den zehn erfolgreichsten Medikamenten überhaupt und beschert den Herstellern jährlich Milliardenumsätze.

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(SZ vom 7.7.2007)