Empfehlungen zur Ernährung von Kindern "Akademiker sind oft Überzeugungstäter"

Enagiert sich für frühkindliche Gesundheit: Berthold Koletzko, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Abteilungsleiter an der Haunerschen Kinderklinik in München.

Junkfood und süße Getränke sind schlecht für Kinder, Diäten und vegane Verpflegung aber auch. Der Kinderarzt Berthold Koletzko erklärt, wie Essen mit Bildung zusammenhängt und warum falsche Ernährung in den besten Familien vorkommt.

Von Violetta Simon

Sie essen zu viel und bewegen sich zu wenig: Der Anteil übergewichtiger Kinder ist in den vergangenen 15 Jahren enorm gestiegen - um 50 Prozent. Mindestens 20 Prozent der deutschen Kinder sind zu dick, auch Kleinkinder sind betroffen. Die Bundesregierung hat nun erstmals bundesweit einheitliche Empfehlungen zur Ernährung und Bewegung von Kleinkindern vorgestellt.

Wie sinnvoll sind solche Maßnahmen? Professor Berthold Koletzko ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Abteilungsleiter im Dr. von Haunerschen Kinderspital in München.

Brauchen Eltern eine Anleitung, um ihre Kinder zu ernähren und für Bewegung zu sorgen? Haben sie nicht im Gefühl, was gut für ihre Kinder ist?

Gerade beim ersten Kind sind viele Eltern verunsichert und deshalb dankbar für Hilfe. Mit den "Handlungsempfehlungen für Ernährung und Bewegung" haben wir erstmals deutschlandweit eine einheitliche Orientierung, basierend auf dem heutigen Wissenstand, formuliert. Im Kleinkindalter sind die Vorgaben dann auch nicht mehr so klar wie im Säuglingsalter, wo man sich nur zwischen Stillen und Säuglingsnahrung entscheiden muss. Bei einem Dreijährigen stellen sich viele Fragen: Darf mein Kind Pommes essen? Soll Zucker in den Tee, ist Fruchtsaft besser?

Zucker in den Tee - wissen Eltern Ihrer Erfahrung nach so wenig über gesunde Ernährung?

Das hängt sehr stark ab vom sozialen Hintergrund, vom Bildungsgrad und Interesse der Eltern. In den unteren sozialen Schichten erfolgt Fehlernährung häufig durch schlechte Lebensmittelqualität, zu viel Junkfood und gesüßte Getränke.

Die alte Leier also - und die gebildeten Gutverdiener machen alles richtig?

Auch bei Akademikern gibt es das Problem der Desinformation, gerade weil zu viele ungesicherte Informationen, etwa aus dem Internet, auf sie einströmen. Auch die Experten haben in der Vergangenheit nicht immer das Gleiche empfohlen. Solche widersprüchliche Botschaften verunsichern.

Wie wirkt sich diese Desinformation in dieser Gruppe aus?

Akademiker sind oft Überzeugungstäter. Die Häufigkeit von Einschränkungen etwa aufgrund vermuteter Lebensmittelunverträglichkeiten, ist hier viel höher. Oft erfolgt Fehlernährung durch restriktive Diäten, zum Beispiel ist das Konzept der veganen Ernährung gerade schick - das gibt es in den unteren sozialen Schichten nicht. Dabei ist den Eltern oft nicht bewusst, dass pflanzliche Ernährung zwar Vorteile hat, bei einem Kleinkind jedoch zu Mangelerscheinungen führt. Wir haben nicht nur eine Zunahme an Übergewicht, sondern auch eine erhebliche Unterversorgung, vor allem an Eisen, Jod, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren.

Ihr Programm widmet sich auch dem Aspekt der Bewegung. Was können Eltern da falsch machen?

Kleinkinder muss man nicht zur Bewegung anregen, die haben einen natürlichen Drang dazu - allerdings muss man ihnen die Möglichkeit geben, sich auszutoben. Im Alltag schränken wir Erwachsenen unsere Kinder ein, indem wir sie in Lauflernhilfen zwängen oder sie aus Angst vor Verletzungen nur in kleinen Räume spielen lassen, wo sie sich nicht ausreichend bewegen können.

Gibt es da auch von Bildung und Einkommen abhängige Unterschiede?

In bildungsfernen Familien wird mehr ferngesehen. Das ist der Killer für die Gesundheit, ein normales Gewicht und die psychische Entwicklung. Studien haben ergeben, dass bereits ein beträchtlicher Anteil an Erstklässlern aus niedrigen sozialen Schichten einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer hat. Unkontrollierter Medienkonsum unterdrückt das Gespräch in der Familie und hat weitreichende Konsequenzen - auch für die Lernfähigkeit und die soziale Kompetenz der Kinder. Bis zum Alter von drei Jahren sollten sie ganz ohne Bildschirm aufwachsen.

Wie kann der Staat diese Eltern erreichen und motivieren?

Über so genannte Multiplikatoren, also Fachkräfte. Unsere ersten Ansprechpartner sind vor allem Kinder- und Jugendärzte, die zu allen sozialen Gruppen Kontakt haben, aber auch Hebammen und Frauenärzte. Der Vorteil ist: Ärzte haben eine große Glaubwürdigkeit, mehr als beispielsweise ein Zeitungsartikel oder eine Erzieherin in der Kita.

Aber sind es nicht gerade Familien aus bildungsfernen Schichten, die nur unregelmäßig bis gar nicht einen Arzt aufsuchen?

Über die Frauenärzte und die Säuglingsuntersuchungen erreichen wir mehr als 95 Prozent. Auch der Nutzungsgrad der Kinderuntersuchungen ist ausnehmend hoch und geht durch alle sozialen Schichten. In Bayern ist die Teilnahme an der Vorsorgeuntersuchung sogar verpflichtend. Diese Früherkennungsuntersuchungen sollen übrigens erweitert werden auf konkrete Präventivmaßnahmen - das ist sogar Teil des Koalitionsvertrags.