Von Jeanne Rubner

Alle sagen: Eltern opfern sich, sie sind die Helden der Gesellschaft. Das kann man auch anders sehen.

Haben Sie Kinder? Früher wurde die Frage teilnahmslos gestellt, man hatte schließlich Kinder. Zwischenzeitlich - es war die Ära der Atomraketen, des Waldsterbens, der Selbstverwirklichung - klang sie mitleidig. Verantwortungslos, wer Kinder in diese Welt setzte. Von berufstätigen Frauen ("Aber Kinder haben Sie sicher keine?") erwartete man es schon gar nicht, schließlich galt es als unmöglich, Job und Nachwuchs miteinander zu vereinbaren. Und heute: Sie haben doch Kinder? Eine leichte Drohung im Unterton. Selbstverständlich haben wir Kinder.

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Mutter und Vater - die neuen Helden. Sie schenken Deutschland Kinder und retten das Land. (© Foto: iStockphotos)

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Die Stimmung ist gekippt. Mit der ihnen eigenen Gründlichkeit führen die Deutschen eine neue Kinderdebatte. Heute gilt es als asozial, im besten Fall als egoistisch, keine Kinder zu haben. Mit zufriedenem Lächeln tragen die Schwangeren ihre Bäuche vor sich her, kampfeslustig schieben Väter Kinderwägen, die nirgendwo auf der Welt so groß sind wie in Deutschland. Das Baby ist zum Symbol des politisch korrekten Deutschen geworden, auch des Mannes, der sich nun um seinen Nachwuchs zu kümmern hat (dass die meisten Herren es zu wenig tun, ist eine andere Geschichte). Und der gerne damit prahlt, dass er abends um acht Uhr daheim ist, um noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen.

Kinder sind Stress

Mutter und Vater - das sind die neuen Helden. Sie schenken Deutschland ein Kind und retten das Land. Eltern laden viel auf sich, damit die deutsche Gesellschaft nicht einmal aus lauter Greisen besteht. Mütter verzichten leise grollend auf ihre Jobs, weil man schließlich nicht Kinder bekommt, um sie dann Fremden zu überlassen. Oder sie befinden sich am Rande des Wahnsinns, weil sie sich aufreiben zwischen ihrem Halbtagsjob und der Hausaufgabenbetreuung. Kinder sind Stress, Kinder sind Mühe, so das Fazit jeder Familienserie.

Aber Eltern nehmen es nun mal auf sich - aufopferungsvoll. Wir haben uns schließlich für Kinder entschieden, heißt es voller Hingebung.

Und dazu gehört das volle Programm: Geburtsvorbereitungskurs, Kochen in der Elterninitiative, Chauffieren zur Reitstunde. Wenn wir schon Eltern sind, dann wollen wir perfekte sein. Und wer wie Ursula von der Leyen, scheinbar mühelos, sieben Kinder, Hund, Ziegen und Ministerposten vereinbart, wird gerne als Supermensch verspottet. Das kann ja nicht mit richtigen Dingen zugehen.

Ja, eine Gesellschaft braucht Kinder, und der Staat sollte die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Alles andere ist Privatsache. Niemand bekommt Kinder, weil er das Land vor dem Aussterben bewahren oder die Renten sichern will. Die Gründe sind vielfältig und fast immer sind sie egoistisch. Die einen wollen nicht allein mit ihrem Partner leben, andere im Alter nicht ohne Familie dastehen. Manche wollen ihrer eigenen Hilflosigkeit oder auch prekären Lebensverhältnissen entgehen. Manche finden, dass eine echte Familie aus Vater, Mutter und zwei Kindern bestehen muss, andere wiederum sehen ein eigenes Kind als einzige Möglichkeit, sich von ihren Eltern zu emanzipieren. Auch der Wunsch, im Nachwuchs fortzuleben, ist ein legitimer.

Haben Sie Kinder? Ja - und zwar gerne! Kinder sind wunderbar, weil sie uns Eltern bedingungslos lieben und weil sie dafür sorgen, dass wir uns und unsere Probleme nicht zu ernst nehmen. Wir Eltern haben Kinder, weil wir sie brauchen.

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(SZ Kinderleben. Das Familienmagazin, 3/2007)