Wie der Leser gemerkt haben dürfte, haben wir die Lebensmittelabteilung eines deutschen Kaufhauses betreten. Der strenge Geruch der Parfümabteilung, die wir durchquert haben, ist mit uns bis tief in das Labyrinth der Schokoladentische hineingezogen. Auch ist es vielleicht kennzeichnend für die Zufälligkeiten des globalen Warenumschlags, dass hier am Übergang zwischen den Abteilungen eine Lieferung Bonsaibäume auf gigantische Toblerone-Stangen trifft, also künstliche Zwerge und zwanghafte Riesen eine seltsame Begegnung feiern.

Einkaufen im Supermarkt, Zweikassengesellschaft

Alles so schön bunt hier - und alles so schön verpackt: Einkaufen kann ganz schön nerven. (© Foto: AP)

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Auf vielen Gebieten des Lebensmittelhandels hat sich in den letzten Jahren Enormes getan. Die Kultivierung des bitteren Urgeschmacks der Kakaopflanze auf breitester Front kann als eine der erfreulichsten Entwicklungen gefeiert werden. Jahrzehntelang haben blassbraune, milchsüße und allenfalls zartbittere Schokoladesorten den Markt beherrscht. Heute kann der Liebhaber differenzierter Nuancen in Spezialgeschäften zwischen Hunderten hoch- bis höchstprozentigen, dezent bis beißend scharf gewürzten oder fruchtig unterfütterten Kakao-Zubereitungen wählen.

Dass im Gegenzug bekannte Pralinenhersteller in ihren Sortimenten immer häufiger weiße Schokolade als optischen Kontrast verwenden, ist nicht zu begreifen, denn weiße Schokolade enthält fast nichts von den Gesundheitsstoffen und den individuellen Geschmacksvarianten der Kakaofrucht, dafür die bei der Bearbeitung abgetrennten überflüssigen Massen an Kakobutter, also pures Fett, das penetrant sahnig schmeckt und seine Liebhaber mästet. Weiße Schokolade müsste also deutlich billiger sein als dunkle. Solang sie aber zum gleichen Preis ihre Käufer findet, ist diese Unterart für den Hersteller ein gutes Geschäft.

Nur für echte Kakao-Kenner

Als Fortschritt darf auch gefeiert werden, dass bei besseren Schokoladen heute die Regionen angegeben sind, aus denen das Rohmaterial stammt. Was beim Wein schon seit langem selbstverständlich ist - weil Wein auch fast immer dort abgefüllt wird, wo er wächst - beginnt sich also auch bei anderen internationalen Edelprodukten durchzusetzen. Die Chancen auf Differenzierungen wachsen so enorm. Beim Kakao glauben die Kenner, die Finessen bestimmter Berg- oder Talregionen und die regionalen Unterschiede genau definieren zu können.

Beim Kaffee werden die Erzeugerländer zwar immer häufiger genannt, doch solange die Masse der Verbraucher auf bestimmte Marken, also auf gleichbleibende Mischungen und bestimmte Röstverfahren fixiert ist, also etwa ausschließlich italienischen Espresso verlangt, wird die mögliche Vielfalt dessen, was die Kaffeepflanze an Geschmacksstoffen bieten könnte, allenfalls zu erahnen sein.

Ein paar kleinere Erzeuger haben sich allerdings schon auf regionale Besonderheiten spezialisiert: Wenn sie nebeneinander einen kolumbianischen Kaffee zu 4,99 Euro und einen "Jamaica Blue Mountain" zu 34,99 Euro (je 250 Gramm) anbieten, deuten sie an, wie weit sich das Spektrum öffnen könnte.

Am weitesten ist man derzeit noch beim Tee von den Varianten entfernt, die hier möglich wären. Die Teepflanze wächst in extrem unterschiedlichen Klimazonen und Höhenlagen, in tropisch feuchten, üppigen Niederungen wie auch in zweitausend Metern Höhe an den schwindelerregend steilen, kargen Hängen der Himalaya-Ausläufer. Entsprechend unvergleichlich könnten die Sorten sein, die dort geerntet werden, doch die Engländer, die den Teehandel lange Zeit unter Kontrolle hatten, haben sich auf ein paar marktgängige Grundtypen geeinigt, die heute noch das Angebot beherrschen.

In Indien besinnt man sich zwar wieder auf die regionalen Besonderheiten im eigenen Land; doch wer eine Ahnung von den abenteuerlichen Möglichkeiten dieses Stoffs bekommen will, der muss sich in China einem Händler traditioneller Raritäten anvertrauen und sich in einer Zeremonie - leider für viel Geld - in die verschwiegensten Winkel des Teearchipels entführen lassen; er wird seinem Gaumen nicht trauen.

60 verschiedene Olivenölsorten

Durch die Öffnung der Märkte in Richtung Europa und darüberhinaus ist der Speise- und Getränkezettel der Deutschen in den letzten Jahren enorm viel abwechslungsreicher geworden. Wein ist das beste Beispiel dafür: Jedes größere Kaufhaus muss heute eine stichhaltige Auswahl an Rot- und Weißweinen aus allen größeren Weinerzeugerregionen der Welt bereithalten, darf dabei aber nicht unterschlagen, was im eigenen Lande an Qualitäten nachgewachsen ist.

Besonders erfreulich unter den Neuerungen, die durch die internationale Konkurrenz ausgelöst wurden, sind Wiederentdeckungen lokaler Traditionen und die kreativen Verfeinerungen bekannter Substanzen. Italien, das kulinarische Traumland der Deutschen, hat dabei oft Pate gestanden. So haben sich in die breite Phalanx italienischer Pasta-Hersteller einige deutsche und Schweizer Hersteller mit ihren handgemachten Spezialitäten mischen können.

Der völlig verwirrenden Vielfalt von bis zu sechzig verschiedenen Olivenölsorten der angeblich jungfräulichen Art aus fast allen Mittelmeerländern - sie klaffen im Preis so weit auseinander, dass alle Klassifizierungen unglaubwürdig werden - antworten heute ganze Schränke von mindestens ähnlich gesunden Hanf-, Mohn-, Raps-, Kürbiskern-, Traubenkern-, Sonnenblumen-, Distel-, Sesam- und Nussölen. Und was die Balsamico-Mode an originellen Entwicklungen im Bereich Wein- und Fruchtessig in Europa ausgelöst hat, lässt sich in den Fächern nebenan studieren. Warum aber ein winziges Fläschchen mit einem 25 Jahre alten, zähen Balsamessig aus Modena (100 ml) 99 Euro kostet, kann uns niemand erklären.

Die andere große Erneuerungsbewegung der letzten Jahre auf dem Lebensmittelsektor verdankt sich dem allmählich nachgewachsenen Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein und den vom Handel in schönem Regelmaß servierten Lebensmittel-Skandalen und Gammel-Katastrophen. Selbst wenn man sich auf das kleine, vormals sektiererische Segment Müsli beschränkt, wird man staunen über das gigantische Angebot an Varianten, das sich hier entwickelt hat.

Da sieht es beim Discounter natürlich anders aus. Zwar brüsten sich die Billigläden inzwischen auch mit abgepackten Bio-Produkten, doch die Frischwaren Obst und Gemüse unterliegen in diesen Läden anderen Gesetzen. Grünere Bananen als hier wird man nirgendwo bekommen. Wer so etwas mag, braucht woanders nicht hinzugehen. Erstaunlich ist, mit welcher Selbstverständlichkeit die Discounter einzelne Trends zu befolgen versuchen, andere strikt leugnen. An unserem Besuchstag suchte man "Olivenöl extra vergine" vergeblich, auch Balsamico war nur als "Condimento" (Dressing) in großer Flasche, nicht aber als "Aceto" (Essig) vorhanden.

Hackfleisch, Klopapier und Frischmilch

Beim Preis-Dumping werden von den Billigläden immer wieder Grenzen überschritten, die einen Normalverbraucher das Gruseln lehren. Wenn der Inhalt einer Bierflasche nur noch ein paar Cents wertvoller ist als der Pfandbetrag, der für die Plastikflasche bezahlt werden muss, oder wenn ein Zweieinhalbliterblock Vanilleeis nur 2,49 Euro, also kaum mehr als die entsprechende Menge Tafelwasser kostet, müssten bei Käufern eigentlich die Warnlampen aufleuchten.

Rätsel geben auch die Weine auf, die pauschal überschätzt werden, jedenfalls ihren Weg regelmäßig in höhere Kreise finden. Viele von ihnen können nicht einmal einen Erzeuger vorweisen; lediglich der Großbetrieb, der die Weine zusammengekauft und abgefüllt hat, wird namentlich genannt. Wem das genügt, der ist für Besseres ohnehin verloren. Bei alkoholfreien Getränken ist die Auswahl immerhin so breit, dass man die Preisunterschiede als Leistung schätzen könnte.

Inzwischen dürfte es ohnehin schon fast etwas wie ein Lebensgefühl sein, das die Stammkunden in die Discountgeschäfte treibt. Für Gelegenheitsbesucher mag das systematische Durcheinander - Hackfleisch, Klopapier und Frischmilch in einer Raumecke - zwar befremdlich sein, aber wo kann man schon zwischen Katzenfutter "Premium Select" und Knusper-Rösti-Ecken einen Seifenschrank von stattlichen eineinhalb Metern Höhe oder einen "Leisehäcksler mit großdimensionierter Trichteröffnung" erwerben? Und wo zwischen Tiefkühlpizza und "Glitter-Schminkset für Gesicht, Körper und Haare mit 20 Körpertattoos" das "kraftvoll gegen Urinstein arbeitende Dreifach-Kraft-Gel WC-Fix"?

In welchem Geschäft man seine Lebensmittel auch kauft, im Supermarkt, im Kaufhaus oder im Billigladen - die Preise differieren zwar in der Höhe, doch hinter dem Komma sehen sie alle gleich aus: ,99! Die vielen kleingedruckten Neuner hinter den großgedruckten Zahlen müssten uns eigentlich daran erinnern, dass grundsätzlich alle Artikel in den Warenhäusern einen Euro mehr kosten, als die Preisschilder suggerieren, doch wir lassen uns von ihnen willig verführen, ja ohne die Neunerschwemme blieben viele Artikel dort liegen, wo sie am besten aufgehoben sind: auf den Wühltischen.

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(SZ vom 28.02.2009/bre)