Von Claudia Sohnius

Natürlich kann man es ohne Fernsehen aushalten - wenn da nicht dieses Gefühl wäre, etwas verpasst zu haben.

Es wäre der perfekte Fernsehabend. Ich bin die ganze Strecke vom Hochhaus nach Neuhausen geradelt, ich habe sturmfreie Bude und überhaupt nichts vor. Mir wäre jetzt nach einer halbwegs anspruchsvollen Romanze, als Gesellschaft nur meine Lieblings-Schokolade. Aber ich darf nicht. Nicht einmal eine Minute. Ich will eine Woche ohne Fernsehen verbringen - und jetzt ist erst Mittwoch.

Freude über das Ding im Wohnzimmer - aber es geht auch ohne. (© Foto: Istock)

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Ich schlage die Zeitung auf und lese alles über Obama und die gewonnene Wahl. Dann klingelt das Telefon - da ich keine TV-Schmonzette gucken darf und viel Zeit habe, gehe ich ran. Es ist meine Mutter, wir quatschen los, und als ich auflege, sehe ich auf dem Display die Gesprächsdauer: eine Stunde und 37 Minuten. Das ist rekordverdächtig.

Eine Woche ohne Fernsehen, das hört sich so einfach ein. Am Sonntag war der offizielle TV-Abschied beim Zapping zwischen "Ocean's Twelve" und "Spiderman 2". Vor mir lag das Fernsehprogramm. Ich wollte nachsehen, was ich in dieser Woche so alles verpasse. Ich bin kein Serienjunkie, der auf durchgeknallte Hausfrauen oder freundliche Serienkiller oder sonstige Spukgestalten verzichten müsste. Wenn ich genau darüber nachdenke, gibt es gar keine Sendung, die ich am Samstagabend vermisse - abgesehen von den Nachrichten. Warum schaue ich dann sonst eigentlich fern? Es wird eine einfache Woche. Denke ich.

Der Montag wird anders. Zum einen steht ein neuer Arbeitsweg an, die SZ hat ihre Zelte im Herzen der Stadt abgebrochen und residiert nun im Glashaus im Steinhausener Outback. Statt Fahrrad heißt es S-Bahn und früher aufstehen. Was noch wichtiger ist: Heute morgen gibt's keinen TV-Nachrichten-Quickie, die Scheibe bleibt matt. Das bedeutet, dass ich nicht weiß, was so los ist in der Welt zum Start der Woche. Ahnungslos setze ich mich auf mein Fahrrad und trete los. Ein Erdbeben in Indonesien? Waldbrand? Promi-Scheidungen? Ich habe keine Ahnung.

An den beiden Abenden bleibt der Fernseher aus, weil mich Nonsens-Komödien wie "Zum Ausziehen verführt" nicht interessieren - und ich gerate ins Grübeln, warum ich mir an manchen Abenden meine freie Zeit von einem Fernseher stehlen lasse. Es gibt so viele andere Sachen zu tun! Hatte Marcel Reich-Ranicki am Ende doch recht mit seiner Kritik? Wäre es nicht besser, seine Zeit sinnvoller zu nutzen, als auf der Couch herumzulümmeln und in dieses schwarze Gerät zu starren?

Was wäre, wenn ich das Ding, auf das ich mein Wohnzimmer ausgerichtet habe, nun für immer abgäbe? An die Nachbarn verschenken, im Internet verticken? Ich schaue mal kurz rüber, da steht er: dunkel und ganz still. Klar will er eingeschaltet werden, weil so ein dunkler und stiller Fernseher irgendwie trostlos wirkt. Die Fernbedienung hat Staub angesetzt, mein Freund hat sich meinem TV-Boykott angeschlossen. Auch er hat nun offenbar mehr Zeit - gestern fand er ein Spiel auf meinem mobilen Organizer ("Bubble Breaker" oder so ähnlich), dem er sich voller Faszination für lange Minuten hingab.

Immerhin: Surfen im Internet ist erlaubt, sofern ich dort nicht auf die Idee komme, IP-TV oder Online-Videos anzugucken. Da ich nun so viel Zeit habe, schaue ich mal kurz nach, wie es um die aktuelle TV-Mediennutzung in Deutschland bestellt ist. Bin ich allein mit meinen Boykott oder gibt es noch mehr Verweigerer? Die Sache ist eindeutig: Tendenz im Sinkflug, offenbar zugunsten der Internetnutzung (ACTA, Oktober 2008). Na bitte, ich liege voll im Trend - wenn da nicht das diffuse Gefühl wäre, etwas verpasst zu haben.

Eine Sendung, über die am nächsten Tag alle reden, eine Meldung oder eine interessante Reportage. Vielleicht täte es aber mal gut, auf all dies länger zu verzichten - wie diese "Informationsexzentriker". Wäre vielleicht alles gar nicht so schwierig - sofern man sich kein Verbot auferlegt. Denn das ist es, was mich schon die ganze Woche begleitet: "Ich darf nicht!" Vieles wäre einfacher, wenn ich daraus ein "Ich muss nicht" machen könnte.

Die Testwoche neigt sich dem Ende zu - und wie nach einer Fastenkur muss auch ich mich langsam wieder an das "Leben davor" gewöhnen. Plötzlich die Glotze anzuschmeißen, das wäre zu radikal. So erscheint mir ein Kinoabend am Samstag als fairer Kompromiss. Am Sonntag habe ich vor lauter Freizeitstress gar keine Zeit für den Fernseher. Zuerst war ich bei einer Künstlerin am Ammersee, dann habe ich mich mit Freunden getroffen - und am Abend schwamm ich 1000 Meter. Und da war es: Ich musste nicht fernsehen, sondern durfte etwas anderes tun. Es war kein Verzicht, sondern eine Befreiung.

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(sueddeutsche.de/jüsc)