Von Violetta Simon

Die öffentlichen Verkehrsmittel, der Computer, das Leben überhaupt - zum Aufregen gibt es immer einen Grund. Doch was, wenn man nicht darf?

"Das Ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nutzen", hat Tucholsky einmal gesagt. Der Mann hat recht. Aber deswegen kann ich noch lange nicht ohne weiteres damit aufhören.

eine woche ohne aufregen

Ich bin der weibliche Louis de Funès. Und ich will es so. (© Foto: iStockphotos)

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Die S-Bahn kommt nicht und lässt mich im Regen stehen. Ein Haufen Arbeit wartet, aber der Computer stürzt ab. Der Chef trampelt auf meiner Menschenwürde herum. Und da soll ich mich nicht aufregen???

Genau. Und zwar eine ganze Woche lang. Vielleicht sollte ich noch erwähnen: Aufregen gehört für mich zum Leben wie Atmen und Essen. Ich tue es automatisch, da gibt es keine Schwelle. Ich bin quasi der weibliche Louis de Funès. Ebenso wenig wie ich aufhören könnte zu atmen, wird es mir gelingen, mich plötzlich nicht mehr aufzuregen. Allerdings - eine Woche Fasten habe ich ja auch schon einmal hinbekommen ...

Der Hals schwillt

Der Tag beginnt mit den üblichen Gemeinheiten: Die Zeit arbeitet gegen mich, obwohl ich extra früh aufgestanden bin. Das Fahrrad wirkt schwer wie ein Panzer, das Kind trödelt. Nein - ich sag nix! Ich denk nicht mal dran. Der Blutdruck steigt trotzdem, ich kann spüren, wie mir der Hals schwillt.

Ich bleibe ruhig und sage mir: Die meisten Dinge, über die ich mich aufrege, habe ich selbst verursacht oder hätte sie zumindest verhindern können, wenn ich besser darauf vorbereitet gewesen wäre. Soll ich mich also für den Rest meines Lebens über mich selbst aufregen? Eben.

In der Redaktion stürzt nicht einfach nur der Internet Explorer ab, oh nein! Er verschwindet ohne jede Vorankündigung und reißt sämtliche geöffnete Browserfenster mit sich. Vom Coolbleiben bin ich so weit entfernt wie siedendes Öl. Ich zetere herum, springe auf, laufe durch die Gegend. Dabei rege ich nicht nur mich, sondern auch noch meine Kollegen auf. Statt so ein Theater zu machen, solle ich lieber die Nummer der Technik-Hotline wählen, rät man mir sichtlich genervt.

Ich beruhige mich also und sage mir: Die Leute haben recht! Ganz gleich, ob ich hyperventiliere, wie das HB-Männchen zerplatze oder den Kasten durch die geschlossene Fensterscheibe katapultiere - die Gegebenheiten zeigen sich von meiner Reaktion völlig unbeeindruckt und nehmen ihren Lauf. Soll ich mich aufreiben und zermartern wegen etwas, das ich hinnehmen muss? Eben.

Am Abend verkündet ein auffallend blasser Junge während des Essens, dass er - jetzt sofort und auf der Stelle - schlafen möchte. Das Kind wird gewaschen, umgezogen und ins Bett gelegt. Kaum ist das Licht aus, übergibt es sich. Ich ertappe mich bei dem gar nicht mütterlichen Gedanken: "Hätte er das nicht zuvor im Bad machen können?" Aber da der Kleine mir leidtut und ich außerdem einen Auftrag habe - ruhig bleiben! -, verwerfe ich diese Frage gleich wieder und wische ihm lächelnd Erbrochenes aus seinem Ohr, ziehe Decke, Matratze und Kissen ab, stopfe alles in die Waschmaschine und beziehe das Bett neu.

Als wir wieder am Tisch sitzen, sehen wir das mittlerweile erkaltete Essen an und haben keinen Appetit mehr. Wir wären ohnehin nicht weit gekommen. Das Kind ruft: "Ich hab schon wieder!" Ich seufze. Ausgerechnet auf die frisch bezogene ... ups! Mein Sohn ist krank, und ich? Rege mich auf über den drohenden Wäscheberg. Hektisch ziehe ich das übelriechende Kissen vom Bett - und die Hälfte landet auf dem Teppich. Oh Mann! Ich würde jetzt gern den Raum verlassen und etwas kaputtmachen. Weil ich so doof bin. Aber ich wollte mich ja nicht mehr über mich selbst aufregen.

Yoga, Autosuggestion, Gin Tonic

Das Projekt "Ruhig bleiben" ist nicht das erste für mich. Ich habe es mit Yoga versucht. Mit Autosuggestion. Mit Gin Tonic. Habe eine Gelassenheitstrainerin engagiert. Jede Methode hat geholfen - für einige Minuten oder Stunden. Dann war ich wieder die Alte.

Das Ganze schaffe ich nur aus einem Grund: nächste Seite ...

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