Eine ganz besondere Uhr Ich habe ihr nichts getan

Diese Uhr war eine Anschaffung fürs Leben. Warum geht sie dann ständig nach? Protokoll einer gescheiterten Beziehung.

Von Oliver Gehrs

Was hätte ich denn mit 3200 Euro machen sollen? Einen gebrauchten Mercedes kaufen? Urlaub in der Karibik? EM-TV-Aktien? Etwa sparen? Ich entschied mich vor vier Jahren für die Panerai Luminor.

Laut Quittung saß ich Heiligabend 2002 um die Mittagszeit bei Wempe am Kudamm herum und ließ mir ein Glas Champagner servieren. Ich stieß mit dem Verkäufer an, der mich beglückwünschte. Um mich herum saßen, daran erinnere ich mich, ein paar Mittfünfziger, die kurz vor Ladenschluss noch schnell eine goldene Rolex kauften, vermutlich für die Tochter, die nicht jedes Jahr ein Rennpferd bekommen kann.

Meine Frau, die nun nicht mehr meine Frau ist, und ich hatten entschieden, uns mal nichts zu Weihnachten zu schenken. Es war aber nicht darüber gesprochen worden, ob es okay oder nicht okay ist, sich selbst etwas zu schenken. Außerdem war es ja mein Geld, ich war der Verdiener, meine Frau "macht die Kinder". So dachte ich. Ich dachte ja auch, ich hätte eine großartige Uhr erworben.

Weihnachten mit einer Uhr

Der Irrtum fing also Heiligabend an. Wir saßen beim Bescherungsessen mit Freunden. Die Gespräche wurden immer langweiliger. Sie waren selbst durch weitere Flaschen Rotwein nicht mehr zu retten. Aber ich hatte ja noch etwas in petto. Mein Geschenk. Ich hatte es heimlich unter den Baum gemogelt und tat nun erstaunt. Es war sehr groß, obwohl es eine Uhr war. Uhren werden ab einer bestimmten Preisklasse in einer Art Kindersarg geliefert, in dem dann die Uhr unter mehreren Samtschichten ruht.

Ich holte also die große, von Wempe aufwendig verpackte Kiste hervor und begann sie auszupacken - unter den ungläubigen oder besser: feindseligen Blicken meiner damaligen Frau. Ich ließ mir den Spaß nicht verderben und freute mich wie ein Kind, als die Panerai schließlich unter dem Samt hervorlugte. Niemand von uns am Tisch hatte Ahnung von Uhren. Aber jeder sah sofort, dass das, was ich da auswickelte, den Gegenwert eines schönen Urlaubs hatte.

Was für ein Wecker! Die florentinische Firma Panerai wirbt damit, dass ihre Uhren früher ausschließlich von Marine-Angehörigen getragen wurden, Kampftauchern, die sich die Uhr über den Neoprenanzug streiften. Dennoch ist die Uhr von unprätentiöser Schönheit: Sie ist seit 1938 unverändert und hat ein schlichtes dunkles Ziffernblatt, eine leicht eckige Form und keinen Schnickschnack wie andere Uhren, also keine weiteren Zifferblätter, Mondphasen oder Sekundenzeiger. Ich hatte mir diese Uhr lange ausgeguckt.

Es gibt bis heute keine schönere.

Für 3200 Euro bekam ich nicht nur den Kindersarg, ich bekam auch eine Menge zu lesen. Urkunden, auf denen stand, wie außergewöhnlich meine Uhr sei. Sie hat zum Beispiel ein Chronometer-Zertifikat, das heißt, sie ist vom unabhängigen Schweizer Oberservatorium Contrôle Officiel Suisse des Chronomètres (C.O.S.C.) 15 Tage lang bei drei Temperaturen und 23 Prozent Luftfeuchtigkeit auf ihre Genauigkeit geprüft worden. Außerdem hat sie eine 48-stündige Gangreserve. Wenn man die Uhr mal durch die Bewegung des Handgelenks in Schwung gebracht hat, geht sie zwei volle Tage weiter, auch wenn man sie mal nicht trägt zwischendurch. Man kann also gut schlafen und die Uhr dabei aufs Nachttischlein legen.

Eine Uhr für Generationen

Das alles bestärkte mich in meinem Eindruck, dass ich etwas für die Ewigkeit erworben hatte. Dass ich mit 50, schon ein wenig ergraut, meinen dann 18-jährigen Sohn bei Seite nehmen würde, um ihm - mit einem gewissen Pathos auf das Leben und den Lauf der Dinge verweisend - die Panerai seines Vaters zu geben. Er würde sie dann irgendwann seinem Sohn vererben. Und die Gangreserve, sie würde immer noch funktionieren! So hatte ich mir das gedacht.

Und so denkt man ja auch. Man kauft zum ersten Mal in seinem Leben keine Uhr für 100 Euro, sondern eine Uhr für das Dreißigfache. Man glaubt, eine gute Investition gemacht zu haben, weil all die Generationen, die die Uhr über etliche Jahrzehnte tragen werden, in der selben Zeit etliche blöde japanische Uhren verschleißen würden. Und was ist dabei, eine deutsche Sekundärtugend mit italienischem Design und Schweizer Präzisionsarbeit zu feiern? Ich bin immer pünktlich. Ich finde, Menschen, die unpünktlich sind und andere Menschen warten lassen, schlicht asozial.

Daher traf es mich besonders, als meine Panerai schon bald nachging. Und zwar ständig. Ungefähr fünf Minuten. Gott sei Dank war ich in der Garantiezeit. Ich ging zu Wempe an der Friedrichstraße, obwohl sie dort unfreundlicher sind als am Kudamm, aber das Geschäft war einfach näher. Man betritt diese Läden wie einen Nachtclub. Man muss erst klingeln und dann am Türsteher vorbei. Hinter dem Tresen stand ein kleiner Mann, der aussah, wie man sich jemanden vorstellt, der den ganzen Tag kleinteilige Arbeit macht.

Er hatte eine riesige Lupe im rechten Auge klemmen und betrachtete meine Uhr. Ich lernte an diesem Tag, dass sich eine automatische Uhr erstaunlicherweise an den Rhythmus ihres Besitzers erst gewöhnen muss. An dessen Bewegungen, seinen Takt. Das kann dauern. Aber irgendwann geht sie dann richtig. Der Mann mit dem Monokel justierte irgendetwas nach und gab sie mir wieder mit. In den Monaten darauf ging die Uhr nicht fünf, sondern nur noch zwei Minuten nach. Ich war ihr noch zu schnell.

Erst hatte ich gehofft, dass mich die Uhr irgendwann verstehen, mein Tempo aufnehmen würde. Ich ging nicht noch einmal zu Wempe, sondern entschied, fortan (und bis meine Uhr sich an mich gewöhnt hatte), jeweils zwei Minuten dazuzuzählen. Die Uhr war ja immer noch sehr schön. Manchmal lag ich abends im Bett und schaute sie mir an. Wie ein Kind, das am Heiligabend seine Geschenke neben das Bett legt, um kurz vor dem Einschlafen einen Blick darauf zu werfen und kurz nach dem Wachwerden den nächsten. Meine Liebe zu meiner Uhr war nicht abgekühlt.

Die Uhr blieb daheim

Weil die Schließe der Uhr mit der Zeit etwas ausleierte, nahm ich die Uhr dann nicht mehr mit in den Urlaub, weil ich Angst hatte, sie könnte mir vom Arm rutschen oder geklaut werden. Panerai war inzwischen sehr beliebt. In Hochglanzzeitschriften sah ich ständig die schönen schwarz-weißen Anzeigen, auf denen Matrosen von früher verwegen an Bord stehen und ins Ungefähre schauen. Diese Uhr, so las ich von beflissenen Redakteuren, die ein anzeigenaffines Umfeld redaktionell betreuten, werde übrigens viel von jungen, reichen Männern getragen, denen eine Rolex zu spießig sei. Manchmal wurde ich auch tatsächlich von Männern jenseits der 50, die so taten, als seien sie Mitte 30, mit Kennerblick darauf angesprochen, ob meine Uhr eine "echte Panerai" sei.

Im dritten Jahr mit der Uhr wachte ich einmal morgens auf und sah auf das Ziffernblatt. Es war zwei Uhr nachts. Draußen war es hell. Die Uhr war stehengeblieben, obwohl ich sie gestern noch getragen hatte. "Die Gangreserve!", schoss es mir durch den Kopf. 48 Stunden. Nein, so lange hatte ich nicht geschlafen, das war unmöglich. Ich nahm die Uhr und schüttelte sie wie Tom Cruise seine Mixgetränke in dem Film "Cocktail".

Irgendwann bewegten sich die Zeiger wieder. Die Uhr ging, sogar genau. Ich hatte großes Glück gehabt, denn die Garantie war zu diesem Zeitpunkt schon erloschen. Sie betrug nur zwei Jahre, was mich angesichts all der Zertifikate anfangs verwundert hatte. Ich hatte mich damit getröstet, dass es bei einer Uhr, die für die Ewigkeit geschaffen wurde, für U-Boot-Kapitäne und Torpedoschützen - dass es also bei so einer Überuhr egal sei, ob sie drei Wochen oder drei Jahrzehnte Garantie hat.

Doch die Abstände wurden kürzer. Manchmal reichten schon drei Stunden, und die Uhr blieb stehen. Vier Jahre nach dem Heiligabend, an dem ich mich so reichlich beschenkt hatte, saß ich wieder bei Wempe am Kudamm. Ein anderer Monokel-Mann schaute in die Uhr und sagte, dass man sie zu Panerai schicken müsse. Nur dort könne man sie verlässlich untersuchen und gegebenenfalls reparieren. Ich stimmte zu.

Der Zahn der Uhr

Wenige Tage später bekam ich einen Anruf von Wempe. München habe sich gemeldet. Dort sitzt der Luxuskonzern Richemont, der sich Panerai einverleibt hat. Und dort saßen Menschen, die nun fragten, warum die Uhr auf der Lunette - das ist der metallene Kreis um das Ziffernblatt - Kratzer habe. Ich antwortete in die Stille am Telefon, dass ich die Uhr nunmal getragen hätte. Ob sie runtergefallen oder irgendwo drangestoßen sei, wurde ich gefragt. Ich versicherte, dass ich - abgesehen von meinen Kindern - nichts so sehr behütet hätte wie diese Uhr. München sagte: Soso. Einige Tage später sprach ich wieder mit den Richemont-Menschen. Es sei jetzt eindeutig, dass die Uhr entweder gefallen oder irgendwo drangestoßen sei, sagten sie. Es gebe entsprechende Spuren. An der Stelle, wo das Lederarmband angebracht wird, sei zudem ein Zahn verbogen.

Ich wusste weder, was ein Zahn an einer Uhr ist, noch, dass einer davon kaputt war. Ich beteuerte nur, dass ich die Uhr so gut behandelt hatte wie noch nie eine Uhr in meinem Leben. Viel, viel besser zum Beispiel als die ganzen Festinas und Fossils, die bei mir in einer Schale auf der Fensterbank im Bad liegen und seit Jahren unablässig und leider auch zuverlässig vor sich hin ticken.

Nie, flehte ich am Telefon, hätte ich meine Panerai fallen lassen. Nie gestoßen, nie geworfen. Nicht mal am Strand bin ich damit gewesen, nicht unter der Dusche. Immer nur habe es die Panerai gut bei mir gehabt. Die Frau von Richemont sagte: Soso. Jedenfalls werde man mir wohl bald ein Angebot unterbreiten.

Das Angebot kam über Wempe, per Mail und per Post. Darin stand, dass man "im Uhrenatelier des Herstellers festgestellt" habe, "dass die komplette Revision Ihrer Uhr erforderlich ist". Ich erfuhr, dass man auch bei einer Uhr einen Ölwechsel vornehmen muss, um die Ganggenauigkeit zu gewährleisten. In dem Schreiben stand, dass meine Uhr einen Schlag oder Stoß erlitten habe, wodurch die "Automatikbrücke beschädigt" worden sei, die es nun zu ersetzen gelte. Zudem schrieb man, dass die "Kronenbrücke verbogen" sei. Auch sie müsse erneuert werden.

Eine Uhr wie eine Stadt

So viele Brücken - und alle kaputt. Eine Uhr wie die Innenstadt von Bagdad. Alles in allem belief sich der Kostenvoranschlag auf 600 Euro. Ich habe natürlich eingewilligt. Was soll ich sonst mit 600 Euro machen? Mir ein Fahrrad kaufen? Eine Uhr von Mido (meine zweitliebste Uhr, schön, nicht ganz so teuer und möglicherweise haltbarer)? Etwa sparen?

Seit Februar ist meine Panerai nun in Reparatur. Mein Nachttischlein ist leer. Zwischendurch habe ich noch einmal die Zertifikate durchgekramt und gelesen, dass es sich bei meiner Panerai um eine ganz besonders einzigartige Uhr handelt. Ich hätte sie auch gern wieder. Darum habe ich neulich eine weitere Mail an Wempe geschrieben und gefragt, ob ich auf ein Wiedersehen mit ihr hoffen kann. Die Antwort von Herrn Lauritzen, von dem ich nicht weiß, ob er es war, der mir damals den Champagner gebracht hatte, kam postwendend: "Sie werden es kaum glauben", begann sein Schreiben, Panerai habe gerade angerufen: "Ihre Uhr wird in drei Wochen bei uns sein. Sowie die Uhr im Hause ist, melde ich mich."

Ich freue mich noch immer über diese Mail. Klingt, als könnte meine Uhr diesmal pünktlich sein.

Oliver Gehrs ist Chefredakteur des Gesellschaftsmagazins "Dummy". Er lebt in Berlin.