Ein Leben ohne Alkohol Aussaufmodell

Alkohol macht gesellig? Von wegen. In Wirklichkeit braucht man ihn, um die Gesellschaft seiner Mitmenschen zu ertragen. Aber ist ein Leben ohne Alkohol dennoch möglich? Ein Selbstversuch.

Von Jochen Schmidt

Seit einem Jahr ziehe ich der Phantasie der Berauschung die Phantasie der Entgiftung vor und lebe abstinent. Ich war ja immer ein schlechter Trinker, Obstsaft schmeckte mir viel besser als Bier oder Schnaps, weshalb es als Kind auch so schön war, krank zu sein, weil man dann eine kostbare Flasche Sanddornsaft für sich alleine bekam. Die Enthaltsamkeit war in unserer Familie erblich, es wurde fast nie getrunken, nur eine Flasche Eierlikör zur Weihnachtszeit. Ich trank nicht einmal zur Jugendweihe, weil ich dieses Ritual ja ablehnte, das normalerweise mit dem ersten offiziellen Besäufnis im Familienkreis endete.

Noch bei der Armee trank ich keinen Tropfen, auch wenn ich immer "ein Rohr" vom Ausgang mitbringen musste. Sie spritzten sich Alkohol in die Orangen, füllten Kondensmilchdosen mit Schnaps und löteten das Loch zu, sie hätten sich auch einen Flachmann in den Oberschenkel eingenäht, vermutlich waren sie schon als Alkoholiker gekommen, wenn nicht, dann wurden sie durch den Stumpfsinn dieser 18 Monate in Gesellschaft von ihresgleichen dazu. Schnaps und Bockwurst haben die DDR so lange am Leben gehalten.

In der Jugend glaubt man eine Weile, dass es auf ein reiches Innenleben schließen lässt, wenn man öffentlich trinkt, man trägt an irgendeiner Last, und das schmückt einen in den Augen der anderen. Aber wenn ich ein Glas zu viel trank, erlebte ich eine dieser Höllennächte, in denen der Magen bis auf den bitter-ätzenden Grund entleert ist, das Bett aber immer noch durch die Luft kreiselt. Angeblich hilft es, zum Bremsen ein Bein raushängen zu lassen, bei mir klappte nicht einmal das.

Trotzdem war der Alkohol eines der großen Erlebnisse des Erwachsenwerdens, lange bevor an Mädchen zu denken war. Da war zum Beispiel diese Tramptour nach Prag, bei der uns nur ein russischer Militär-Lkw mitnahm, der immer 50 Meter zum Bremsen brauchte. "Maslo" stand auf der Armatur, das hieß "Öl". Das jahrelange Lernen dieser verhassten Sprache hatte sich also doch noch gelohnt. Als wir endlich den Fahrer eines leeren tschechischen Reisebusses, der eine Panne hatte, überreden konnten, uns einsteigen zu lassen, waren wir mit der Welt für ein paar Stunden im Reinen. Aber dann ließ er uns an der Grenze sitzen, und wir mussten zu Fuß weitergehen, durch die vom sauren Regen zerstörten Wälder. Dass es so anstrengend war, Abenteuer zu erleben! Wo war denn das On-the-road-Gefühl, von dem immer die Rede war? Ich hatte nur ein Ungeduscht-Gefühl, und es wurde schon dunkel.

Auf dem Parkplatz eines Hotels an der Landstraße mit blondierten Frauen im Foyer - ich wusste damals nicht, dass es ihren Beruf im Sozialismus überhaupt gab -, stand ein kleiner Kiosk. Der junge Verkäufer drehte seine Bob-Dylan-Platte immer wieder um, diese Lizenz-Platte zu ergattern, war ein Grund für unsere Reise gewesen. Es war klar, dass wir unter dem Schutz dieses heiseren Amerikaners standen, solange seine Stimme zu hören war. Wir tranken Flaschenbier und beschlossen spontan, mit dem Rauchen anzufangen. Es machte solchen Spaß, dass wir uns die Zigaretten zwischen die Finger steckten und mehrere auf einmal rauchten. Irgendwann gab mir der Verkäufer kein Bier mehr: "Du hast genug."

Wir legten uns unter das Vordach des Kiosks, der Nieselregen tropfte auf die Schlafsäcke, morgen wollten wir in Prag sein, Abenteuer erleben, oder einfach Knödel essen, man konnte ja die Zeche prellen, oder wenigstens überall die Salzstreuer klauen. Nachts musste ich immer wieder den klemmenden Reißverschluss aufzerren, um mich an den Straßenrand zu stellen, die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Lkw streichelten meinen Rücken, mir war schlecht. Jetzt hatte ich auch eine dieser Geschichten, die man nur erlebte, um sie sich später mal erzählen zu können wie Kriegserlebnisse. Ich zweifelte nicht daran, dass mir das Leben auch in Zukunft jede zusätzliche Freude teuer in Rechnung stellen würde.

Aber im Alter trinkt man ja nicht mehr, um sich zu berauschen, sondern zur Entspannung und zum Trost, wozu eigentlich immer irgendein Anlass besteht, weil unsere Seelen unter den Belastungen des Daseins ächzen. Ständig und überall wird an irgendwelchen Getränken genuckelt. Ich komme mir dabei immer wie einer dieser Gamma-Menschen aus "Schöne neue Welt" vor, die nur zum Auf- und Zumachen von Türen eingesetzt werden und mit ihrer täglichen Dosis "Soma" zufrieden sind.

Um auch weiterhin ein wacher und kritischer Geist zu sein, habe ich deshalb im letzten Jahr beschlossen, eine Weile abstinent zu leben, und - auch wenn es mir ein bisschen peinlich vor den Idolen meiner Jugend ist, vor Gainsbourg und Bukowski zum Beispiel -, der Alkohol fehlt mir noch weniger als früher die Zigaretten. Meine einzige Sorge ist, ob es egoistisch von mir ist, so sorgsam mit mir umzugehen. Es gibt ja keine andere Erzählung vom kreativen Schaffen als die vom Pakt mit dem Teufel. Leistung wird mit Leben bezahlt, ob im Sport oder in der Kunst. Der Künstler muss verrückt werden, sich mit Syphilis anstecken, fremdgehen und seine Familie zerstören, gefoltert werden oder im Exil verhungern, sonst wächst er nicht über sich hinaus. Und als Ersatz für das alles kann auch Alkohol herhalten.

Der Gruppenzwang, sich dysfunktional zu verhalten, ist erheblich. In meinem Lesungs-Vertrag steht, dass ich Anspruch auf eine gute Flasche Rotwein habe. Das liegt daran, dass meine Agentur auch andere Autoren vertritt und unsere Vertragsformulare wohl dieselben sind. Da ich nach Lesungen morgens laufen gehe, gebe ich den Rotwein immer gleich an die Zuschauer weiter, dann hat sich der Abend wenigstens für sie gelohnt.

Sein irdisches Leben opfern, um sich einen Platz im Olymp zu verdienen, diese Logik kommt mir so abgenudelt vor, dass ich gar nicht anders kann, als das Gegenteil zu tun. Im kosmischen Maßstab ist es doch egal, ob ich mich selbst zerstöre oder einfach ein paar Jahre später von den Würmern gefressen werde. Entgrenzung und Exzess sind doch pathetische und pubertäre Konzepte, im Moment finde ich Askese und Konzentration viel attraktiver. Was Alkohol aus einem edlen Menschen wie mir machen konnte, das hatte ich in zahlreichen Indianerfilmen gesehen, in denen sich die größten Krieger mit dem vom weißen Mann zur Verfügung gestellten Feuerwasser zugrunde richteten. Ein betrunkener Indianer, das war ein traurigeres Bild als ein betrunkener Cowboy.