Ehe für alle "Es war überwältigend"

Alfred Kaine, 88, und John Günther, 82, haben an diesem historischen 1. Oktober geheiratet.

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Seit 56 Jahren sind Alfred Kaine und John Günther ein Paar. Und seit heute verheiratet. Gemeinsam mit anderen Frischvermählten feiern sie in Hamburg auch all jene, die für diesen Moment gekämpft haben.

Von Thomas Hahn, Hamburg

Katharina Fegebank, Hamburgs Gleichstellungssenatorin, hatte das Podium erklommen. Sie blickte in die erwartungsvollen Gesichter der Festgäste beim Senatsempfang im Rathaus. Sie sagte: "Begrüßen Sie mit mir die frisch getrauten Hochzeitspaare." Und dann kamen sie. 15 Paare, die kurz zuvor Ja gesagt hatten zu sich und zur Homo-Ehe. Hochzeitsmusik spielte, als die Paare durchs Spalier der anderen schritten. Beifall und Jubel begleiteten sie. Manche im Publikum schwenkten Regenbogen- Fähnchen, ein paar Tränen flossen auch. Die Zeremonie war einfach, aber bewegend. Und es war, als läge im anhaltenden Applaus, der durch den prunkvollen Saal brandete, die ganze große, verdiente Anerkennung für all jene, die Jahrzehnte für diesen Moment gekämpft haben.

Im Hamburger Rathaus kann man normalerweise nicht heiraten, schon gar nicht sonntags. Aber für die Homo-Ehe, die seit diesem 1. Oktober Gesetz ist, hat die Hansestadt eine Ausnahme gemacht. Die Stadt Hamburg ist stolz auf ihre Geschichte als Vorreiterin der Gleichstellungsbewegung und Erfinderin der sogenannten Hamburger Ehe, die homosexuellen Paaren 1999 die Möglichkeit gab, sich in ein Partnerschaftsbuch des Standesamtes einzutragen. Hier wurde früher als anderswo verstanden, dass man keine Unterschiede herbeireden muss, wo keine sind. Und hier ist am Sonntag auch sehr deutlich geworden, wie bedeutsam dieser 1. Oktober ist als Vollendung eines Anspruchs, der im Grunde schon immer Normalität hätte sein müssen.

Mit einem Staatsakt feiert Hamburg die Ehe für alle.

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Gleiches Recht für gleiche Liebe - das ist die simple Formel, die auch die Deutschen erst in den vergangenen zwanzig Jahren so richtig für sich entwickelt haben. In ihrer Ansprache erinnerte die grüne Senatorin Fegebank daran, wie lange es dauerte, bis gleichgeschlechtliche Paare sich Rechte erstritten hatte, die für Heterosexuelle selbstverständlich sind. Sie dankte allen Initiativen und Vorkämpfern für ihre Beharrlichkeit, und sie schloss eines der getrauten Paare namentlich in diesen Dank ein: Die Pinneberger Werner und Wolfgang Duysen hatten 2010 vor dem Bundesverfassungsgericht ein Grundsatzurteil zur Hinterbliebenenversorgung erwirkt. "Erzählen Sie davon", rief Katharina Fegebank den Duysens zu. Niemand soll vergessen, dass nichts einfach war auf dem langen Weg zur Homo-Ehe.

"Endlich ist sie da", sagte Katharina Fegebank, und man nahm der jungen Zweiten Bürgermeisterin ab, dass sie sich auf diesen Tag gefreut hatte. Fast hatte man den Eindruck, sie heirate selbst. "Ich habe schlecht geschlafen, weil ich so aufgeregt war", sagte sie in ein Radio-Mikrofon, "ich dachte mir, wie wird es da erst den Hochzeitspaaren gehen?"

Ein Saal voller Glück und eine Regenbogen-Torte

Gute Frage. Hochzeiten sind normalerweise etwas Privates, die im Hamburger Rathaus dagegen waren nur in Teilen privat. Sie waren auch ein Medienereignis auf Einladung der Stadt. Zehn Paare hatten sich für den großen Tag bewerben können, fünf weitere Ehepaare mit längerer Geschichte wählte die Gleichstellungsbehörde aus. Und allen, die mitmachten, war klar, dass ihr Fest Journalisten zuhauf anlocken würde. Manche wollten sich dem nicht aussetzen und lehnten Interviews ab. Andere wiederum redeten gerne über den Wert dieser Feier, auf die sie so lange gewartet hatten. "Es ist schon sehr bedeutend, an diesem historischen Tag teilhaben zu können, an dieser Geschichte", sagte Marion Eggers, 57, die mit Undine Maria, 50, 1999 schon die Hamburger Ehe eingegangen war. Und Alfred Kaine, seit 56 Jahren mit John Günther zusammen, sagte: "Es war für mich überwältigend."

Der Saal war voll vom Glück der Paare, als die Festgesellschaft nach dem offiziellen Teil die Regenbogen-Torte anschnitt. Manche wagten einen Blick zurück auf jene Zeit, als ihre Liebe verboten war. John Günther zum Beispiel. Beim Podiumsgespräch berichtete er von einem Nachbarn, der gegen ihn und Alfred eine einsame Petition verfasste. Die jüngeren Paare zollten den älteren Respekt. "Man ist schon sehr dankbar dafür, dass man nicht selbst den Kampf ausfechten musste", sagte Tobias Gaschler, der Ehemann von Jan Eger. Und wieder andere blickten nach vorne. Katharina Fegebank zum Beispiel: "Wir müssen uns immer wieder neu damit auseinandersetzen, wir dürfen es uns nicht bequem machen." Marion Eggers merkte an, dass die Verwaltung sich mit ihren Formulierungen noch etwas besser auf die Homo-Ehe einstellen könnte. "´Ehegatte I und II` ist eigentlich nicht tragbar", sagte sie und lächelte.

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