Drogensucht in den USA Alle sieben Stunden eine Überdosis

Alltag in Huntington: Die Polizei nimmt bei einer Razzia 20 Junkies fest.

(Foto: Sholten Singer/The Herald-Dispatch)

In Huntington, West Virginia, sind 14 Prozent der Einwohner abhängig von Heroin und anderem Stoff. Die Feuerwehr löscht dort keine Brände mehr. Sie kämpft gegen eine Epidemie.

Von Hubert Wetzel, Huntington

Die junge Frau ist fast tot, als die Retter sie finden. Sie liegt da mit verdrehten Augen, schlaff und bleich, in einem verlassenen Haus, zwischen Schutt und Scherben und gefrorenen Kothaufen. Das bisschen Herzschlag, das sie noch hat, pumpt das Heroin durch ihre Adern. Nur ein paar flache Atemzüge trennen sie vom Tod. Die Männer packen die Frau und schleifen sie raus ins Freie, wo sich die roten und blauen Flackerlichter der Polizei- und Feuerwehrwagen zu einem ekligen, giftigen Lila mischen.

"Überdosis, und was für eine", sagt die Sanitäterin. "Weiß jemand, wie sie heißt?" "Der da vielleicht", sagt ein Polizist und zeigt auf einen Mann in dreckigen Jeans, der heulend herumsteht und seine Haare zerwühlt. Der Polizist geht auf den Junkie los. "Hey, Mann, ist das deine Freundin?", faucht er. "Wie heißt sie? Und was sollte das überhaupt, sie in diese beschissene Hütte zu bringen?" Der Junkie jammert. "Vorsicht, Nadeln", ruft ein Feuerwehrmann, der aus dem Haus kommt. Aus seiner Faust ragen drei dünne Spritzen. Die Sanitäterin beugt sich über die junge Frau und macht sich an die Arbeit.

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Es ist früher Abend in Huntington, einer kleinen Stadt in West Virginia. Die Sonne ist hinter den schwarzen Bergen versunken, es wird eine eisige Nacht werden. Eine Frau liegt im Sterben, ihr Freund flennt, Helfer kämpfen um ein verlöschendes Leben, die Nachbarn glotzen, angelockt von dem bunten Geblitze und dem Lärm. "Es ist ein Albtraum", sagt der Polizist.

Aber eigentlich ist an diesem Abend alles nur wie immer.

Der Albtraum in Zahlen: Scott Lemley hat sie gesammelt. Er ist Mitte dreißig, ein drahtiger Mann. Lemley war schon immer gut in Mathe, deswegen hat ihn das Huntington Police Department zu seinem Statistiker gemacht. In seinem Büro verwaltet er Excel-Tabellen, Grafiken und Karten, alle sehr ordentlich und präzise. Aber wenn man sie zu einem Bild zusammensetzt, ergeben sie ein Höllengemälde.

Huntington hat 50 000 Einwohner, zusammen mit dem umliegenden Landkreis, Cabell County, sind es etwa 100 000. Lemley schätzt, dass 14 Prozent dieser Menschen drogenabhängig sind, die meisten von sogenannten Opioiden. Dazu zählt Heroin, das als graues oder braunes Pulver gehandelt wird; aber es gibt auch andere Opioide wie Oxycodon und Hydrocodon, starke Betäubungsmittel, die in Schmerztabletten enthalten sind, die die Junkies auflösen und spritzen oder schnupfen.

Oft geht das schief: 2015 gab es in Cabell County 944 amtlich erfasste Opioid-Überdosen, 70 davon endeten tödlich. Der älteste Tote, so steht es in Lemleys Listen, war 77 Jahre alt. Der jüngste Tote war zwölf.