Von Stephan Bernhard

Downhill-Skatern ist der Alltag zu langweilig. Deshalb rasen sie steile Straßen hinab - schneller als die Polizei erlaubt.

Eugen Forschners Augen suchen unablässig die Fahrbahn ab. Am besten findet er es, wenn die Straße tiefschwarz und frisch asphaltiert vor ihm liegt. Was er überhaupt nicht mag, ist "verdammter Kies", denn nichts lässt die kleinen Rollen eines Skateboards abrupter blockieren und führt oft zu den gemeinsten Stürzen.

downhill skateboard; dpa

Wer ohne Schutzkleidung stürzt, riskiert tiefe Schürfwunden - "Pizza" im Fachjargon genannt. (© Foto: dpa)

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Seit mehr als zehn Jahren ist das Down711 Skateboardteam auf Stuttgarter Straßen unterwegs. Ständig auf der Suche nach der perfekten und noch schnelleren Strecke, rasen die Downhiller nachts über vierspurige Schnellstraßen oder tagsüber durch ruhige Vororte der Großstadt.

"Ich brauche den Kick, an die eigenen Grenzen zu gehen", erklärt Forschner, den seine Freunde nur Huge nennen, "ansonsten ist mir das Alltagsleben einfach zu langweilig". Der 41-Jährige ist einer der Gründer des Teams, dessen Name sich von der Telefonvorwahl Stuttgarts herleitet.

Circa zehn Skater zählen zum harten Kern von Down711; darunter Softwareentwickler, Gärtner und Büroangestellte. Forschner gehört zu den Erfahrensten, jede freie Minute verbringt er auf seinem Board und hat inzwischen einen siebten Sinn für brenzlige Situationen entwickelt: "Ich spüre einfach, ob mir ein Auto in die Quere kommen kann oder nicht". Zumindest meistens, denn manchmal kann selbst er nicht mehr bremsen. So wie an einem Junitag vor zwei Jahren.

Pizza auf der Haut

Fast vier Kilometer schlängelte sich die Straße von einem Stuttgarter Villenvorort Richtung Stadtzentrum hinab. So steil, dass selbst Radfahrer lieber absteigen. Für Forschner kein Problem - um dem Fahrtwind keine Angriffsfläche zu bieten, beugte er seinen Oberkörper weit nach vorne, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und spürte sofort, wie sein Board beschleunigte.

Fast 70 km/h schnell schoss Forschner die Straße hinab; die acht Zentimeter dicken Gummirollen surrten über den Asphalt und die Kugellager rotierten so schnell, dass ein hohes Pfeifen zu hören war. Zwei ältere Damen rissen den Kopf herum, als der Skateboarder in wild flatternden Shorts und Muskelshirt an ihnen vorüberflog. Forschner sah die Fußgänger nicht.

Hinter dem schwarzen Visier des Integralhelms war sein Blick starr auf das Heck des Autos wenige Meter vor ihm gerichtet. Plötzlich leuchteten die Bremslichter auf. Reflexartig presste Forschner einen Schuh mit aller Kraft auf die Straße und hoffte, rechtzeitig zum Stehen zu kommen. Doch es war zu spät.

Forschner verlor die Kontrolle und knallte auf den Asphalt. Die Rutschpartie über den rauen Straßenbelag riss ihm handtellergroß die Haut von Schulter und Oberschenkel. Als er sich einen Augenblick später auf dem Randstein zusammenkauerte, hörte er seinen Kumpel Bassi Haller, der mit ihm in die Abfahrt gestartet war, kommen.

"Schicke Pizza", meinte Haller - so heißen solche Schürfwunden bei den Skatern. Normalerweise ist Forschner immer mit Schützern an Knie und Ellenbogen unterwegs, manchmal trägt er sogar eine Motorradkombi aus dickem Leder. Nur an diesem Tag nicht. Ein Fehler, an den ihn die Abschürfungen noch sehr lange sehr schmerzhaft erinnerten.

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