Doktorspiele unter Kindern Alles nur ein Spiel?

Etwa ab dem dritten Lebensjahr beginnen Mädchen und Jungen, ihren Körper und den anderer Kinder spielerisch zu erforschen.

(Foto: KAETHE8 / photocase.de)

Immer mehr Kinder werden angezeigt, weil sie sich sexuell an anderen Kinder vergriffen haben sollen. Sind sie enthemmter geworden? Oder Eltern nur schneller alarmiert? Und wann geht ein Doktorspiel wirklich zu weit?

Von Christina Berndt

Javed Khan ist "zutiefst beunruhigt". Der Geschäftsführer der britischen Wohltätigkeitsorganisation Barnardo's hat kürzlich einen Bericht veröffentlich, dessen Zahlen tatsächlich erschrecken: In England und Wales wurden im vergangenen Jahr fast doppelt so viele Kinder wie 2013 angezeigt, weil sie sich sexuell an anderen Kindern vergriffen haben sollen. Auch in Deutschland ist die Zahl solcher Anzeigen bei der Polizei seit dem Jahr 2000 um die Hälfte gestiegen.

Was ist da los in Schulen und Kindergärten? Sind die Kinder von heute durch die sexualisierte Welt, in der sie leben, sexuell enthemmt oder gar gewalttätig geworden? Spielen sie mehr sexuelle Spiele als früher oder drastischere? Doktorspiele 2.0? Man müsse erwägen, dass Internet und Smartphones zu einer solchen Entwicklung beitragen, sagt Javed Khan.

Andere Experten sind mit der Interpretation dagegen vorsichtiger. Womöglich seien Eltern nur schneller alarmiert, meint Andrej König, Forensischer Psychologe an der Fachhochschule Dortmund und Autor der von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studie "Sexuelle Übergriffe durch Kinder und Jugendliche". Manche sehen sexuellen Missbrauch, wo Kinder einfach nur spielen.

Kinder sind sexuelle Wesen - von Anfang an

Viele Eltern haben mit der Sexualität ihrer Kinder ein Problem. Ist es ein Mädchen oder ein Junge? Rund um die Geburt ist die Frage nach dem Geschlecht eines Kindes noch beherrschend. Doch von da an spielt sie allenfalls als Grundlage für die Kleiderwahl oder als Erklärung für die Vorliebe zum Kriegspielen eine Rolle. Wenn es nach Eltern geht, sollen kleine Kinder, bitteschön, lieber nichts mit Sexualität zu tun haben. Und wenn kleine Mädchen dann doch einmal berichten, dass sie den Pimmel von ihrem Kindergartenfreund angefasst haben, müssen Eltern oft kräftig schlucken. Und gehen bei drastischeren Erzählungen immer häufiger zur Polizei.

Dabei sind Kinder sexuelle Wesen - von Anfang an. Schon gleich nach der Geburt können Jungen und Mädchen eine Erektion haben. Und etwa ab dem dritten Lebensjahr beginnen sie, ihren Körper und den anderer Kinder spielerisch zu erforschen. "Es gibt eine ganze Bandbreite von normalem sexuellen Kinderverhalten", sagt der Sexualforscher und Pädagoge Uwe Sielert von der Universität Kiel. Auch verschiedenste Formen von Selbstbefriedigung sind schon in frühem Alter normal.

Aber es gibt auch Regeln, die Eltern dabei helfen, gefährliche Spiele zu erkennen und sexuelle Übergriffe unter Kindern zu verhindern. Lesen Sie den großen Report, mit SZ Plus.

Doktorspiele 2.0?

Seit Jahren steigen die Fälle von sexuellem Missbrauch unter Kindern. Viele Eltern sind verunsichert, weil sie nicht wissen, wann sie eingreifen müssen. Von Christina Berndt mehr...