Diskussion um frühe Kitaplätze:Die Bedürfnisse der Kinder

Wenn es um Kinderbetreuung geht, gilt Skandinavien als Vorbild. Doch wird beim Ausbau der Kitas vor allem auf Quantität und nicht auf Qualität geachtet. Grund ist ein kühles strategisches politisches Kalkül. Aber hat jemand überhaupt mal die Kinder gefragt?

Jesper Juul

Die Debatte um den Ausbau der Kindertagesstätten in Deutschland ist zur Zeit überhitzt, ziemlich verworren und teils mit Ideologie überfrachtet. Daran möchte ich mich nicht beteiligen. Ich kann hier auch nicht für die Eltern argumentieren, aber ich möchte versuchen, für die Kinder zu sprechen.

BESTPIX  Germany Face Shortage Of Child Day Care Capacity

Welche Bedürfnisse haben Kindergartenkinder? Um das zu erkennen, genügt es bei Weitem nicht, Kinder zu mögen und ein großes Herz zu haben. Es braucht eine qualifizierte Ausbildung.

(Foto: Getty Images)

Wenn es um Kinderbetreuung geht, wird Skandinavien in Deutschland oft als Vorbild genannt. Dazu die Ergebnisse einer neuen Studie aus Dänemark. Ihr Ziel war es, das Wohlbefinden von Kindergartenkindern im Alter zwischen drei und sechs Jahren zu ermitteln. Die Besonderheit: Erstmals wurden die Kinder selbst um Antworten gebeten, in dem sie den Fragen mehr oder weniger lächelnde Smileys zuordnen sollten.

Das Ergebnis war überraschend, antworteten doch zwölf Prozent der Mädchen, dass sie sich im Kindergarten unwohl fühlen. Bei den Jungs waren es gar ein Viertel (24 Prozent). Ich will damit nur sagen: Was auch immer Sie in Deutschland in der Frage der Kinderbetreuung tun: Idealisieren Sie nicht das skandinavische Modell!

Nach meiner Erfahrung hängt die Qualität, die ein Kind im Kindergarten verbringt, wesentlich von drei Aspekten ab:

[] Verlangt das Kind nach Trost, Fürsorge oder Sicherheit, müssen Erwachsene da sein. Allein, um dieses Bedürfnis wahrnehmen zu können, braucht es mehr Personal in den Kitas: einen Betreuer für je vier Ein- bis Dreijährige, einen Betreuer für je sechs Drei- bis Sechsjährige;

[] Ein Kind muss die Freiheit haben, zu tun, wofür es sich begeistern kann. Und das so lange, wie es das möchte;

[] Eine Kita braucht ausreichenden Platz, also mehrere Räume und die Möglichkeit, nach draußen zu gehen.

Derzeit arbeiten in deutschen Kitas zwei Gruppen von professionellen und halb professionellen Kräften: Erzieher und Pädagogen. Erzieher erfahren nur eine kurze und eher dürftige Ausbildung, auch die Ausbildung der Pädagogen ist unzureichend. Denn es genügt bei Weitem nicht, Kinder zu mögen und ein großes Herz zu haben, um in einer professionellen Kindertagesstätte zu arbeiten. Doch da Erzieher wie Pädagogen schlecht bezahlt werden, ist es schwer, qualifizierte Bewerber zu gewinnen.

Gleichzeitig grassiert geradezu die Plage, Kinderbetreuungseinrichtungen als eine Art Mini-Schulen zu betreiben. Der Grund dafür sind nicht die Bedürfnisse der Kinder. Der Grund ist das kühle und strategische Kalkül von Politikern, die Bildung und Frühförderung als den einen Weg betrachten, in Zukunft Produktion und Wohlstand zu steigern.

Folgt man diesem Gedanken, entscheiden also Politiker, die wenig oder keinen Einblick in die grundlegenden Bedürfnisse von Kindern haben, über das Wohl der Kinder. Dass vom kommenden Jahr an ein Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz besteht, wird diese Situation kaum verbessern. Denn dieser Rechtsanspruch wird nicht zu erfüllen sein, und die Folge ist, dass beim Ausbau der Kitas vor allem auf Quantität und nicht auf Qualität geachtet wird. Auch von den Medien nicht, wie ich befürchte.

Vor zehn Jahren hat die norwegische Regierung jedenfalls einen ähnlichen Rechtsanspruch beschlossen. Selbst heute entspricht die Qualität vieler Einrichtungen immer noch keinem akzeptablen Standard - ganz zu schweigen einem hohen Standard.

Nicht den Blick für das Wichtigste verlieren

Mir ist bewusst, dass der Kita-Ausbau aus der Sicht vieler Eltern keinen Aufschub duldet. Aber ich bitte die Eltern dringend darum, nicht den Blick für das Wichtigste zu verlieren: die Qualität der Betreuung und die Lebenssituation jedes einzelnen Kindes. Politiker können das nicht leisten, weil sie Kinderbetreuung kaum aus der Perspektive des Kindes sehen; die Pädagogen können es nicht, weil sie sonst ihren Job riskieren. Es bleiben also nur die Eltern, die sich für ihre Kinder einsetzen können. Nicht nur heute oder morgen, sondern jeden einzelnen Tag, den ihr Kind in einer Kita verbringt.

Eltern fragen mich oft, ob es gut für ihr Kind ist, fünf bis acht Stunden im Kindergarten zu bleiben. Die Antwort hängt vollkommen von der Qualität der Einrichtung und dem Engagement der Betreuer ab. Eine Krippe oder ein Kindergarten ist ein komplexes soziales System: Die Kinder können nicht wählen, mit welchen Kindern sie zusammen spielen, essen oder entspannen. Genauso wenig können sie sich aussuchen, mit welchem Erwachsenen sie zusammen sein wollen.

Ein Krieg ohne Gewinner

Ein anderer und vielleicht der wichtigste Aspekt: In einer Gesellschaft, in der Kinder den Großteil des Tages mit professionellen Betreuern verbringen, haben diese Menschen und deren Arbeitgeber eine wesentlich größere Verantwortung für die persönliche und soziale Entwicklung jedes einzelnen Kindes. Diese Verantwortung muss mit den Eltern geteilt werden. Aber keine der in Frage kommenden Ausbildungswege bereitet die Betreuungspersonen auf diese zentrale Aufgabe vor.

Für jedes Kind, das in eine Kita kommt, verdoppelt sich plötzlich das Netzwerk an Bezugspersonen, die Lebensqualität des Kindes hängt dann von der Fähigkeit der Betreuer zur Zusammenarbeit ab. Das ist anstrengend für viele Kinder. Nicht unbedingt schädlich, aber so anstrengend, dass es wichtig ist, dass die Erwachsenen sich untereinander gut abstimmen, um das abzufangen.

Ein Viertel der Jungen in dänischen Kindergärten fühlen sich nicht wohl. Das liegt nicht daran, dass sie keine "guten" Jungs sind. Es liegt daran, dass sich ihre Bezugspersonen im Kindergarten beschämend unprofessionell verhalten. Deshalb muss eine regelmäßige, professionelle Kontrolle integraler Bestandteil eines qualitativ guten Betreuungskonzepts sein.

Zurzeit tobt ein hässlicher Krieg zwischen Eltern, die ihre Kinder in Kitas schicken möchten oder müssen, und jenen, die ihre Kinder lieber zu Hause betreuen wollen. Beiden Seiten möchte ich sagen: Das ist ein Krieg ohne Gewinner.

Irgendwann wird vielleicht der Zeitpunkt kommen, an dem Ihre Kinder dann über die Zukunft der eigenen Kinder entscheiden werden. Sollten Sie heute ein bestimmtes Betreuungsmodell als das einzig wahre zementieren, könnte das wieder auf Sie zurückfallen. Spätestens, wenn Sie einmal Großeltern sind und Ihre Kinder ihren eigenen Willen haben.

Der Däne Jesper Juul, 64, hat als Erziehungswissenschaftler 40 Jahre lang mit Kitas in Skandinavien zusammengearbeitet.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: