Diskriminierung in Deutschland Wenn es eng wird

In der Wirtschaftskrise sinkt die Solidarität, Feindbilder gewinnen an Stärke, Diskriminierung nimmt zu. Warum sich die Menschen in Apathie und Resignation flüchten.

Von P. Fahrenholz

Es gibt unzählige Studien über alles Mögliche, nicht immer ist die Grundlage ausreichend, und manchmal verrät bereits der Auftraggeber das Ergebnis der Untersuchung. Für das Forschungsprojekt der insgesamt 15 Wissenschaftler um den Bielefelder Soziologen und Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer gilt das nicht. Das von diversen Stiftungen, darunter die Volkswagenstiftung, sowie dem Suhrkamp-Verlag unterstützte Projekt ist eine auf zehn Jahre angelegte repräsentative, weltweit einzigartige Langzeitstudie.

Sie erforscht seit 2002, welchen Vorurteilen und Diskriminierungen schwache Gruppen in der deutschen Gesellschaft ausgesetzt sind und hat dafür das "Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" entwickelt. Übersetzt heißt das, dass Feindbilder gegenüber Schwachen oder gesellschaftlichen Minderheiten miteinander zusammenhängen. Wer etwas gegen Schwule hat, neigt auch eher zu Fremdenfeindlichkeit oder zur Diskriminierung von Behinderten und Langzeitarbeitslosen.

Alarmierende Zahlen

Der aktuelle Jahresbericht, den das Forscherteam an diesem Freitag in Berlin präsentiert, kommt zu einem alarmierenden Befund: Unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise bröselt der gesellschaftliche Zusammenhalt, werden zentrale Normen wie Solidarität, Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit von Menschen in Frage gestellt. So glauben fast 65 Prozent derjenigen Befragten, die sich von der aktuellen Krise selbst betroffen fühlen, dass in Deutschland zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden müssen.

Dabei ist die Krise in ihrer vollen Wucht noch gar nicht bei den Deutschen angekommen. Das wird nach Einschätzung der Forscher erst dann der Fall sein, wenn sie ihr drittes Stadium erreicht und nach der Finanz- und der Wirtschaftskrise auch die Fiskalkrise dazukommt. Wenn also wegen fehlender öffentlicher Mittel staatliche Leistungen gekürzt werden müssen.

Angst vor sozialem Abstieg

Doch bereits jetzt sind die ersten Anzeichen zu messen. Es frisst sich eine Angst in die deutsche Gesellschaft, Angst vor der Zukunft, vor dem eigenen sozialen Abstieg. Noch reagieren viele Menschen nach den Erhebungen der Wissenschaftler mit einer Art Aufspaltung ihrer Ängste: Sie sehen ihre eigene Situation verhältnismäßig positiv, empfinden die Lage insgesamt aber als belastend.

Fast die Hälfte aller Befragten fühlt sich durch die Krise angegriffen, bereits 40 Prozent sehen sich persönlich betroffen. Interessant dabei ist, dass sich Angehörige der Mittelschicht noch stärker von der Krise bedroht fühlen als Befragte aus unteren sozialen Schichten. Sie fürchten offenbar den sozialen Abstieg, den andere bereits hinter sich haben.

Bestätigt wird durch die Bielefelder Studie, was schon andere Erhebungen der jüngeren Zeit ergeben haben: Die globale Krise hat das Vertrauen in das kapitalistische Wirtschaftssystem so nachhaltig erschüttert, wie das vor kurzem noch undenkbar gewesen wäre. Zwar glauben fast 90 Prozent, dass Banker und Spekulanten die Hauptschuldigen an der Krise sind, mehr als 70 Prozent sehen die Verantwortung dafür aber auch beim Wirtschaftssystem an sich.

Die politische Reaktion der Deutschen auf die Krise ist für das Land zwar auf den ersten Blick beruhigend, auf den zweiten Blick hingegen beklemmend. Denn anders als es sich beispielsweise die Linkspartei erhofft hatte, findet im Zeichen der Krise keineswegs eine Repolitisierung der Bevölkerung statt.

Soziale Unruhen, wie sie SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan vor einigen Monaten noch an die Wand gemalt hat, drohen nach Einschätzung der Bielefelder Wissenschaftler nicht. Es findet genau das Gegenteil statt: Die Menschen flüchten sich in Apathie und Resignation, es breitet sich, so die Studie, eine "hoffnungslose Unzufriedenheit" aus. Für die Politik scheint das zunächst bequem zu sein: keine brennenden Vorstädte oder besetzten Fabriken wie anderswo.

Apathie und Resignation

Die langfristige Wirkung dieser Haltung ist jedoch fatal: Immer weniger Deutsche glauben daran, dass die Politiker die Probleme lösen können. Selbst aus den oberen sozialen Schichten haben 57 Prozent der Befragten dem Satz zugestimmt: "Leute wie ich haben sowieso keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut", im unteren Segment der Gesellschaft sehen das mittlerweile fast 75 Prozent der Befragten so.

Die Forscher sehen in dieser Teilnahmslosigkeit "Anknüpfungsmöglichkeiten für rechtspopulistische Mobilisierer" - die es in manchen Nachbarländern längst gibt. Es bestehe die Gefahr, "dass feindselige Mentalitäten den trügerischen sozialen Frieden von innen zersetzen". Eigentlich müssten die jährlichen Berichte des Heitmeyer-Teams die Politiker elektrisieren. Doch davon spürt Heitmeyer wenig. Otto Schily habe als Innenminister wenigstens "öfter nachfragen lassen", sagt Heitmeyer. "Von Seiten der CDU gab es wenig Interesse."

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