sueddeutsche.de: Das klingt alles ganz locker und ermutigend. Dennoch schreiben Sie Dinge, wie "Das Runner's High gibt es nicht" und "Läufer sind schlechte Liebhaber". Das klingt weniger motivierend.
Matthias Marquardt arbeitet in der internistischen Abteilung einer Klinik in Hannover. Außerdem gibt er Laufseminare. (© Foto: Südwest Verlag)
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Marquardt: Ich will unnötige Illusionen nehmen. Läufer lesen in Büchern und Zeitschriften von dem Phänomen "Runner's High" und schon denken sie, sie kämen nach ein paar Laufrunden völlig befreit von Kummer und Stress zurück. Doch das sind leider mystische Erzählungen von Exzessläufern, die 280 Kilometer in der Wüste zurückgelegt haben. Aber selbst Läufer, die an der Weltspitze mitlaufen und den Iron Man auf Hawaii bestehen, sprechen eher von Quälerei als von Hochgefühlen. Wer sich auf 42 Kilometer vorbereitet, weiß sehr wohl, dass das unangenehm werden kann. Und klar ist auch, dass nach anstrengenden Trainingstagen oder nach einem langen Tag im Büro mit anschließendem Zehn-Kilometerlauf wohl kaum jemand zum rasanten Liebhaber mutiert. Das ist ganz natürlich. Mir geht es darum, dass die Leute trainieren - und es locker angehen.
sueddeutsche.de: Ist Joggen denn wirklich ein Jedermann-Sport?
Marquardt: Die meisten Deutschen sind zu dick. Deshalb würde grundsätzlich jedem Laufen guttun. Aber es gibt natürlich Ausnahmen: Wenn jemand eine schwere Gelenkfehlstellung - etwa ein schlimmes O-Bein - oder einen Gelenkschaden hat. Auch mit einer schweren Stoffwechselstörung, einem Diabetis mellitus zum Beispiel, muss man das Laufen genau mit dem Arzt absprechen. Wenn jemand schwer übergewichtig ist, sollte er erst mal mit einem Geh-, Schwimm- oder Radtraining beginnen, ehe er zum effektiveren Laufen übergeht.
sueddeutsche.de: Was halten Sie von den großen Volksläufen?
Marquardt: Manchmal tun mir tatsächlich die Augen weh, wenn ich besonders krude Laufstile oder völlig falsches Schuhwerk bei Marathonläufern sehe. Da muss sich noch einiges tun. Als die Nordic-Walking-Welle auf ihrem Höhepunkt war, hat jeder, der das lernen wollte, von seiner Krankenkasse einen Kurs bezahlt bekommen. Will aber jemand mit dem Laufen beginnen - einer sehr viel effektiveren Sportart - heißt es: Kauf dir Schuhe und lauf mal los. Es findet keine professionelle Beratung statt. Dennoch ist es mir lieber, die Leute tun etwas für sich. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, durch Sport 2000 Kilokalorien zusätzlich zu verbrauchen, als wir ohnehin umsetzen. Bringt es jemand mit nicht ganz regelmäßigen Läufen auf 1200 oder 1500 verbrannte Kalorien, ist das auch völlig in Ordnung. Er tut in jedem Fall etwas für sein Herz-Kreislauf-System.
sueddeutsche.de: Was halten Sie von Laufmagazinen? Sind sie verantwortlich für die Ammenmärchen, mit denen Sie aufräumen wollen?
Marquardt: Ich selbst schreibe hin und wieder für ein Triathlon-Magazin. Natürlich sind Journalisten dazu angehalten, immer wieder plakative Dinge vorzuführen - um gehört und gelesen zu werden. Dazu kommen ökonomische Abhängigkeiten - zum Beispiel Anzeigenkunden, die Schuhtests sponsoren. Die Fachpresse ist nicht grundsätzlich schlecht. Die Läufer wollen sich über die neuesten Schuhmodelle auf dem Markt informieren und wechselnde Experten äußern sich dazu. Natürlich wird aufgrund von Verkürzungen hin und wieder auch Falsches geschrieben, aber ebenso auch Richtiges und Kritisches.
Matthias Marquardt: "77 Dinge, die ein Läufer wissen muss". Südwest Verlag, 176 Seiten, 14,95 Euro
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(sueddeutsche.de/mmk/jja)
Mir tun diese missverstandenen Läufer sehr leid. Aber ist nicht auch andere Auslegeware betroffen? Ein mir sehr nahestehender (bzw. -liegender) Teppich klagte mir neulich sein Leid:
"Alle trampeln auf mir rum! Und dann saugen sie mich aus! Manche hängen mich sogar über eine Stange und prügeln mich mit einem Klopfer!"
Fazit: Nicht nur Läufer verdienen unser Mitgefühl!
aber ich habe meine Zweifel bzgl. der Aussage, extensives Laufen wirke sich, wenn überhaupt, nur positiv auf die Knorpel aus.
Ich kenne jetzt gerade mal einen Nichtläufer, der Probleme mit seinen Knien hat, und der ist übergewichtig und Installateur, - also viel auf den Knien.
Aber ich habe schon zwei oder drei Endvierziger kennengelernt, die erklärte Hobby-Langstreckenläufer waren, und über Knieprobleme klagten. Am extremsten war wohl ein ehemaliger Radiologe von mir, seines Zeichens auch Marathon-Teilnehmer, der mir "Runners-High" in den schönsten Farben geschildert hatte, nur um im nächsten Halbsatz zu erwähnen, dass er nun, nach der vierten Knie-OP, mit dem Laufen aufhören muss.
IMHO ist es auch beim Laufen, wie in fast jeder Hinsicht: In vernünftigen Umfang ist gut für uns, übertreibt man es, geht man über die Verschleißgrenze. Mit ungefähr Mitte 30, Anfang 40 läuft wohl die Garantie ab. Alles was danach kommt und fortgesetzt betrieben werden kann, ist nette Zugabe. Einesteils gilt wohl der amerikanische Grundsatz: Use it, - or loose it. Anderenteils gehe ich davon aus, dass zu exzessives Verfolgen bestimmter Aktivitäten den Verschleiß fördert.
Naturvölker, selbst wenn sie im leichten Trab unterwegs sind, bewegen sich erheblich langsamer, als viele Hobbysportler; ich gehe davon aus, dass Ersteren ihr Instinkt und/oder gesunder Menschenverstand sagen, was am besten ist.
Hauptsache, man findet eine möglichst interessantes aktives Betätigungsfeld. Inzwischen dürften in unserer Trägheit, die uns die moderne Gesellschaft ermöglicht, viel mehr Probleme ihre Wurzeln haben, als in Überlastungen.
Jeder, der mit einem kleinen Wehwehchen los läuft, hat vermutlich schon gemerkt, dass er das nach ca. 15 Minuten kaum noch spürt. Besoffen wird man davon aber nicht, das geht besser mit ein paar kräftigen Schlucken aus der Pulle.
Matthias Marquardt: "77 Dinge, die ein Läufer wissen muss". Südwest Verlag, 176 Seiten, 14,95 Euro
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die sueddeutsche als auch der südwest verlag gehören beide der medienholding.
deswegen diese versteckte buchwerbung.
Sehe ich auch so. Und wer schonmal einen Wettkampf durchgelaufen ist, weiß das auch aus eigener Erfahrung. Und zwar ganz deutlich.
Und: Atemübungen helfen zumindest MIR sehr gut gegen Seitenstechen, heißt natürlich nicht, dass das generell so ist...
Insgesamt gefällt mir der Artikel trotzdem, scheint ein vernünftiger Mensch zu sein, der eben ein Buch verkaufen will ;)
Paging