Diagnose Krebs "Erst in der Krise merkte ich, was in mir steckt"

Brigitte Armbruster beim Training: Für mich war der Lauf der Weg aus meinem persönlichen Tief.

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Beziehung gescheitert, Arbeitsplatz verloren, Diagnose Krebs: Brigitte Armbruster war am Ende. Doch dann lief sie ihren ersten Marathon - während der Chemotherapie. Und fand so zurück ins Leben.

Protokoll: Lars Langenau

"Eigentlich schien in meinem Leben alles in Ordnung. Mit 38 Jahren jedoch trafen mich gleich drei Schicksalsschläge: Meine langjährige Beziehung ging nach sechs Jahren in die Brüche. Einen Monat später verlor ich meinen Arbeitsplatz. Kurz danach erhielt ich auch noch eine niederschmetternde Diagnose: Lymphknotenkrebs. Innerhalb von drei Monaten war meine Lebenswelt in Trümmer zerbrochen. Ich war psychisch völlig am Ende und sah keinerlei Perspektive mehr. Mehrere Wochen lang überlegte ich sogar, die Krebsbehandlung zu verweigern, damit die Krankheit meinem Leben bald ein Ende macht. Ich fühlte keinerlei Kraft mehr zum Weiterleben; erst recht nicht für einen Kampf gegen den Krebs.

Ohne rechte Überzeugung begab ich mich schließlich dennoch in die Chemotherapie. Oder, vielmehr: Durch die vielen Diagnose- und Facharzttermine geriet ich fast von selbst in die Behandlungs-Maschinerie - ohne es recht zu wollen und ohne die Kraft zu haben, mich aktiv dagegen zu wehren. Die Chemotherapie sollte alle 14 Tage ambulant verabreicht werden und ein Vierteljahr dauern. Am 16. Juli ging es los; die nächsten Wochen verbrachte ich trotz strahlendem Sommerwetter auf dem Sofa, fühlte mich dumpf und niedergeschlagen. Ich hatte mich in meiner passiven Verzweiflung und im Selbstmitleid richtig häuslich eingerichtet. Eine enge Freundin konnte das irgendwann nicht mehr mit ansehen und sagte lakonisch: 'Dann stirb doch!'

Durch diese bewusste Provokation regte sich - endlich! - mein Widerstandsgeist. Nein - ich war noch nicht bereit zu sterben! In all meiner Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung spürte ich da auf einmal eine innere Kraft, die ich vorher nicht gekannt hatte. Diese Kraft gab mir plötzlich wieder Vertrauen und Sicherheit - und brachte mich dazu, meine "lebens-müde" Einstellung zu überdenken. Mir wurde klar, dass ich wieder zurück ins Leben wollte; und dass ich dafür eine neue Perspektive und ein neues Ziel finden musste.

Serie "ÜberLeben"

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen, tiefen Erlbenissen. Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen - vom Nachbarn über Obdachlose bis zu Prominenten. Warum sind wir das, was wir sind? Wieso brechen die einen zusammen, während andere mit schweren Problemen klarkommen? Wie geht Überlebenskunst? Wenn Sie selbst ihre Geschichte erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de

Ich würde meinen ersten Marathon laufen

Innerhalb von ein, zwei Tagen kam dann eine Idee zurück, mit der ich mich schon lange vorher immer wieder beschäftigt hatte: Ich würde in diesem Jahr meinen ersten Marathon laufen. Und zwar während der Chemotherapie!

Seit Jahren war ich eine trainierte Läuferin - dennoch rieten mir meine Ärzte dringend von meinem Vorhaben ab. 'Das ist unmöglich! Die Chemotherapie ist ohnehin eine schwere Belastung für den Körper. Sie gefährden Ihre Heilungschancen! Bewegung ja - nur bitte in Maßen!' Aus ihrer Sicht heraus konnten sie auch gar nichts anderes sagen: Es entsprach ihren Erfahrungswerten; und das, was ich da vorhatte, hatte es noch nie gegeben. Aber mein neues Ziel gab mir so viel Auftrieb, dass ich auf stur stellte. Ich wollte - nein, ich musste es zumindest versuchen! Es war für mich die einzige Chance, wieder ins Leben zurückzufinden.

Diagnose Krebs Sport während der Behandlung

Auch wenn ein Marathonlauf während der Chemotherapie ein außergewöhnlicher Einzelfall ist: Ein moderates, auf den Patienten abgestimmtes Bewegungsprogramm während einer Krebserkrankung wird heute von den meisten Onkologen befürwortet. Es kann sich auf die Lebensqualität von Krebspatienten äußerst positiv auswirken; sowohl körperlich als auch psychisch. Spezielle onkologische Sportprogramme wie etwa Walking, Rudern oder Gymnastik werden heute an vielen deutschen Krebszentren angeboten; in der Regel sind sie für den Patienten kostenfrei. Diese Programme sind selbstverständlich professionell geleitet und an der individuellen Leistungsfähigkeit der einzelnen Patienten ausgerichtet.

Ich entschied mich, mir die Haare abrasieren zu lassen. Ich wollte nicht darauf warten, dass sie mir irgendwann im Laufe der Chemotherapie ausfielen. So viel Autonomie wollte ich mir bewahren.

Und ich startete mein Marathon-Training auf eigene Faust. Meine Ärzte sahen schließlich ein, dass sie mich davon nicht abbringen konnten. Um wenigstens das Risiko zu minimieren, das ich da auf mich nahm, wiesen sie mich auf ein Sportprogramm speziell für Krebspatienten hin, das an der Uni Frankfurt damals als Pilotprojekt lief. Fortan wurde dort mein Training kontinuierlich sportmedizinisch begleitet. So konnte ich mein Laufprogramm mit wissenschaftlicher Unterstützung noch besser auf meinen Gesundheitszustand abstimmen und mich vor einer Überanstrengung bewahren, die für mich lebensbedrohlich gewesen wäre.