Deutschlands erstes Demenzdorf Eingezäunte Freiheit

Die Flachbauten des Demenzdorfs am Rande Hamelns wirken wie eine freundliche Ferienanlage. Eine Bushaltestelle gibt es auf den 11 000 Quadratmetern nicht.

(Foto: Julius Tönebön Stiftung)

In Deutschlands erstem Demenzdorf sind noch zahlreiche Plätze frei. Das liegt auch an der Debatte um den Zaun, der das Gelände umschließt. Kritiker empören sich, dass Menschen mit Demenz einfach weggesperrt würden - Angehörige und Pfleger halten dagegen. Ein Besuch.

Von Felicitas Kock, Hameln

"Wie viele Kinder haben Sie?" "Zwei." " Söhne oder Töchter?" "Einen Sohn und eine Tochter." "Wie alt ist ihre Tochter?" Ann Meyer, so soll sie in dieser Geschichte heißen, zögert, zieht die Schultern nach oben. "Eher 20 oder eher 30 Jahre?", fragt die Pflegerin. Es dauert, die Stille dehnt die Zeit. "Eher zwanzig", antwortet die Frau mit dem strähnigen schulterlangen Haar. Ihre Stimme wirkt unsicher, die Kehle plötzlich rau. Frau Meyer sinkt tiefer in den Stuhl, wie niedergedrückt von der Diagnose, die im Raum steht, sobald sie eine Frage nur mit Achselzucken beantworten kann: Demenz.

Später wird die Pflegerin wissen wollen, wo sie die vergangenen Jahre gewohnt, welchen Beruf sie gelernt hat. Die Mittfünfzigerin wird keine Antworten finden. Nur, dass sie keine Muscheln mag, weiß sie sicher. Und dass ihr Großvater einst Wellensittiche gezüchtet hat.

Ann Meyer sitzt im Café des ersten Demenzdorfs Deutschlands in Niedersachsen. Das Gespräch mit der Pflegerin gehört zur sogenannten Biografiearbeit. Die Mitarbeiter der Einrichtung wollen erfahren, was die Frau, die sich nicht mehr an das Alter ihrer Tochter erinnern kann, in der Vergangenheit erlebt hat, was sie gut kann und gerne tut. Der Informationsaustausch soll ihr das Leben in ihrem neuen Zuhause erleichtern. Seit ein paar Tagen wohnt sie im Demenzdorf "Tönebön am See", das Mitte März am Stadtrand von Hameln eröffnet hat.

Der Name der Einrichtung verspricht etwas für deutsche Maßstäbe völlig Neues: ein Pflegeheim mit Dorfcharakter. Schon die Bezeichnung "Dorf" lässt Bilder im Kopf entstehen. Von einem beschaulichen Lebensabend in idyllischer Landschaft. Oder von einem abgeschotteten Stück Pampa, wo Menschen an einer Haltestelle sitzen und auf einen Bus warten, der nie kommt.

"Wenn ich es ausspreche, wird es wahr"

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Tatsächlich wirken die Flachbauten der Julius Tönebön Stiftung am Rande Hamelns wie eine freundliche Ferienanlage. Eine Bushaltestelle gibt es auf den 11 000 Quadratmetern nicht, dafür ein Haupthaus mit Rezeption, Verwaltungsräumen, Supermarkt und Café und, rund um den zentralen Dorfplatz, vier Wohnhäuser mit großen Fenstern und klingenden Namen wie "Villa am Reiterhof" und "Villa am See". 52 pflegebedürftige Menschen sollen einmal hier leben, zurzeit, fünf Monate nach der Eröffnung sind es 33. Die Zahl der Bewohner, wie die Patienten hier genannt werden, wächst langsamer als gedacht - das liegt auch an der Debatte um den Zaun. Schulterhoch umschließt der Maschendraht das Dorf, kreisrund und türlos. Wer hinaus will, muss an der Rezeption im Haupthaus vorbei.

Auf der Innenseite des Zauns beginnt das Leben morgens, halb sieben, mit dem Schichtwechsel. Während die Frühschicht über die Vorkommnisse der Nacht informiert wird, wandern die ersten Bewohner über die Flure. Ilsemarie Busch liegt um diese Zeit noch im Bett. Die 94-Jährige gehört zu den Langschläfern im Dorf, weil sie nachts lange fernsieht: Tatort, CSI Miami, Hauptsache Krimi. Geweckt wird sie erst zwischen acht und neun. "Die Generation, die heute in Heime geht, möchte alles etwas lockerer", sagt Einrichtungsleiterin Petra Visser. Das Personal richte sich deshalb so weit möglich nach dem Rhythmus der Bewohner, nicht umgekehrt.

Das erste deutsche Demenzdorf - weggesperrte Patienten oder gutes Konzept?

In Deutschlands erstem Demenzdorf sind noch zahlreiche Plätze frei. Das liegt auch an der Debatte um den Zaun, der das Gelände umschließt. Kritiker empören sich, dass Menschen mit Demenz einfach weggesperrt würden - Angehörige und Pfleger halten dagegen. Wie finden Sie das Konzept? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

"Wir sperren die Leute weg - was soll das?"

Außerhalb des Zauns, am anderen Ende Hamelns, trinkt Frau Buschs Tochter um halb sieben ihre morgendliche Tasse Kaffee. Susanne Schreiter ist ausgeschlafen, das war nicht immer so am frühen Morgen. "Meine Mutter hat zwanzig Jahre bei uns gewohnt", sagt Schreiter, "eine schöne Zeit, aber 2010 ist sie langsam in die Demenz abgeglitten. Wir haben sie noch einige Zeit gepflegt, dann ging es nicht mehr." Auch wenn die 94-Jährige ihre Krankheit nach außen gut verbergen könne - einen dementen Angehörigen zu betreuen, sei von einem gewissen Krankheitsstadium an ein Vollzeitjob: 24 Stunden Wachdienst für jemanden, der tags vergisst zu essen und nachts orientierungslos durch die Wohnung irrt.

Ilsemarie Busch zog deshalb als eine der ersten Bewohnerinnen ins Demenzdorf. "Weil die Atmosphäre hier sehr angenehm und familiär ist", begründet ihre Tochter die Entscheidung, "und weil den Leuten ihre Freiheit gelassen wird."

Ilsemarie Busch, hier mit ihrer Tochter Susanne Schreiter, zog als eine der ersten Bewohnerinnen ins Demenzdorf.

(Foto: )

Freiheit in einer Einrichtung, die von einem schulterhohen Zaun umgeben ist? Kritikern stößt das bitter auf. "Alte, kranke Menschen werden einfach ausgelagert, das wirkt wie eine Art Aussätzigendorf", sagt Reimer Gronemeyer. Der Soziologie-Professor ist Mitglied im Stiftungsrat der Deutschen Hospiz- und Palliativstiftung, hat mehrere Bücher über das Altern im Allgemeinen und das Altern mit Demenz im Besonderen geschrieben. "Wir sperren die Leute weg, damit sie uns Gesunden nicht vor der Nase herumtanzen", sagt er über das Konzept Demenzdorf. "Was soll das?"

Zum Dorf in Hameln gehört auch der "Tönebön's Minimarkt". Die Pfleger geben freitags die Essenspläne der kommenden Woche ab, inklusive Zutatenliste. Die Zutaten werden dann von einem Großmarkt geliefert und in die Regale des Markts gestellt. Dort können sie von Bewohnern und Pflegekräften beim gemeinsamen Einkaufsbummel erworben werden. Die Idee haben die Hamelner vom großen Vorbild in den Niederlanden übernommen - dem Demenzdorf "De Hogeweyk" nahe Amsterdam. Aus der ganzen Welt reisen Träger sozialer Einrichtungen dorthin, um sich inspirieren zu lassen.