Deutschland Unfreiwillig ohne Kinder

Kein Partner, zu viel Stress oder einfach unfruchtbar: Rund ein Fünftel der Deutschen möchte Kinder, sieht sich jedoch zum Verzicht gezwungen.

Kein Partner, kein Geld oder zu viel Stress im Job: Rund ein Fünftel der Menschen in Deutschland bleibt nach einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach unfreiwillig ohne Kinder.

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Viele Deutsche wünschen sich Nachwuchs, bekommen aber keinen.

(Foto: Foto: dpa)

Unter rund 3500 befragten Männern und Frauen zwischen 25 und 59 gab fast die Hälfte an, nicht den richtigen Partner zu finden oder rechtzeitig kennen gelernt zu haben. Ein Viertel verzichtete laut Umfrage aus beruflichen, ein weiteres Viertel aus finanziellen Gründen auf Nachwuchs.

13 Prozent der Befragten oder zwei Millionen Menschen wünschen sich sehnlichst Kinder, doch es klappt auf natürlichem Wege einfach nicht mit der Schwangerschaft.

Nach der Allensbach-Untersuchung, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde, haben 70 Prozent der 25- bis 59-Jährigen in Deutschland Kinder, 30 Prozent sind ohne Nachwuchs.

Doch nur acht Prozent der Kinderlosen wollen oder wollten bewusst kein Kind. Der Rest, immerhin 22 Prozent, wünscht sich nach der Umfrage sehnlichst ein Baby - oder hat diesen Traum nur aus Altersgründen aufgegeben. Dabei ist der Kinderwunsch bei Frauen laut Umfrage stärker ausgeprägt als bei Männern.

Viele Kinderlose über 30 überschätzen in der Umfrage auch das "Zeitfenster" für ein Kind. "Schwanger wird man am besten zwischen 20 und 30 Jahren", sagte die Berliner Ärztin Bettina Pfüller vom Kinderwunsch-Zentrum der Charité. Ab 35 Jahren nehme die Fruchtbarkeit bei Frauen stark ab. Auch der Reproduktionsmedizin mit der Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung seien dann größere Grenzen gesetzt.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, das unter anderem mit Hilfe der Allensbach-Zahlen eine Studie mit dem Titel "Ungewollt kinderlos" erarbeitete, setzt dagegen große Hoffnung in die künstliche Befruchtung. Rund 10.000 Babys pro Jahr kämen in Deutschland nach einer Reagenzglasbefruchtung zur Welt.

Seit der Gesundheitsreform 2004 übernehmen die gesetzlichen Kassen jedoch nur noch die Hälfte der Kosten für maximal drei Behandlungen. In den Vorjahren erstatteten sie diese Kosten ganz. Die Quote der deutschen "Retortenbabys" sank nach Angaben des Instituts von 2,6 Prozent im Jahr 2003 auf ein Prozent im Jahr 2005.

Das Berlin-Institut forderte die Gesundheitspolitik deshalb zum Nachdenken auf, ob nicht an der falschen Stelle gespart werde. Immerhin gaben bei der Allensbach-Umfrage neun Prozent der kinderlosen Paare an, aus finanziellen Gründen auf eine künstliche Befruchtung zu verzichten. Dabei ließe sich nach Einschätzung des Instituts mit Hilfe der künstlichen Befruchtung auch die demografische Krise in Deutschland abmildern.

Würde die so genannte In-vitro-Fertilisation (IVF) in Deutschland in vergleichbarem Ausmaß wie in Dänemark angewandt, dem Land mit der höchsten Zahl künstlicher Befruchtungen pro Einwohner, hätte sie nach Ansicht der Experten einen wesentlichen Einfluss auf die Geburtenstatistik in Deutschland.

In Dänemark bekommen Paare mit unerfülltem Kinderwunsch drei Behandlungen voll bezahlt. Dort lag der Anteil in diesem Zeitraum bei 3,96 Prozent, also fast zweieinhalb Mal höher als in Deutschland.

Nach dem "dänisches Modell" würden in Deutschland bis 2050 1,6 Millionen Kinder zur Welt kommen, die direkt oder indirekt auf eine Befruchtung außerhalb des Körpers zurückgingen.

Das Fazit der Studie: Neben einer modernen Familienpolitik und verstärkter Prävention zur Vermeidung medizinisch bedingter Unfruchtbarkeit könnte die Medizin Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch helfen und damit in gewissem Umfang die Geburtenstatistik erhöhen.