Von Gottfried Knapp

Der Klimawandel macht's möglich: In Schleswig-Holstein darf künftig Wein angebaut werden. Spötter übersehen, dass sich diese Tradition bereits jahrhundertelang bewährt hat.

Der Spott dürfte den Nordfriesen und Holsteinern zunächst einmal sicher sein. Sie wollen und dürfen ab sofort offiziell Wein anbauen und vermarkten. Dazu fallen den Liebhabern klassischer Weine natürlich nur Sprüche wie dieser ein: Wer auf Sylt künftig Austern isst, kann sich, wenn er den Wein von den benachbarten Hängen trinkt, die Zitrone ersparen, denn der lokale Säuerling wird sauer genug sein.

deutscher wein

Riesling aus St. Peter-Ording und feinblumig-milder Müller-Thurgau aus der Holsteinischen Schweiz - was überraschend erscheint, wurde zuvor an vergleichbaren Orten jahrhundertelang gepflegt. (© Foto: dpa / Ein Weinberg an den Hamburger Landungsbrücken)

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Dass die sieben Bauern, die sich in Nordfriesland und Ostholstein um eine offizielle Lizenz zum Weinanbau bemüht und die Bedingungen des deutschen Weinrechts erfüllt haben, nur etwas wiederaufleben lassen, was vorher an vergleichbaren Orten jahrhundertelang gepflegt worden ist, scheinen viele Weinliebhaber vergessen zu haben.

Wein war schon immer da

In der Zeit vom hohen Mittelalter bis zum Dreißigjährigen Krieg ist zwischen Rhein und Ostpreußen fast überall an Südhängen Wein angebaut worden. Auf den Ansichten mitteleuropäischer Städte aus jener Zeit sind die stadtnahen Südhänge stets mit Reben bestockt. Und auch im 19. Jahrhundert betrieben noch viele Bauern in vermeintlich untypischen Gegenden Weinbau als Nebenerwerb und für den Eigenbedarf.

Erst die strengen europäischen Gesetze und in ihrem Gefolge das neue deutsche Weingesetz von 1971 schränkten den Weinbau auf jene eng limitierten Zonen ein, die heute noch aktiv sind und über ein bestimmtes Kontingent von Anbaurechten verfügen. So konnte sich das Bundesland Schleswig-Holstein die Rechte zur Neuanpflanzung von Weinreben nur durch einen Vertrag mit dem anbauberechtigten Bundesland Rheinland-Pfalz sichern.

Doch mehr als bescheidene zehn Hektar konnten die Norddeutschen den Pfälzern nicht entlocken; international gesehen ist das ein gerade lächerlich winziges Stück Land: Bei kalifornischen Weingroßproduzenten nimmt allein schon der Mittelstreifen der Zubringerallee, die auf den monströsen hauseigenen Vermarktungstempel zuführt, eine Fläche dieser Größe ein.

Der Klimawandel macht's möglich

Der Wunsch holsteinischer Bauern, weitab von allen klassischen Anbauregionen Wein zu produzieren, kann heute nur noch auf Südländer überraschend wirken. Fast überall in den gemäßigten Zonen des nördlichen Mitteleuropas konnte der Wein inzwischen wieder Fuß fassen. In Südengland etwa hat sich schon eine zweite Generation von Bauern und fanatischen Liebhabern mit der Sorte Müller-Thurgau und jüngeren Neuzüchtungen eingerichtet.

In den Niederlanden hat sich vor allem um Maastricht herum ein kleines Weingebiet herausgebildet. Auch in Südschweden und auf der Insel Gotland wird der seit einigen Jahren angebaute Wein mit großem Erfolg vermarktet. Der Klimawandel macht vieles möglich. Bis wir allerdings Ananas aus Alaska oder gar Cabernet Sauvignon aus Grönland beziehen, dürfte noch einige Zeit vergehen.

In Norddeutschland - in Brandenburg und in Niedersachsen - sind in den letzten Jahren mehrere Stückchen Land mit Weinreben bestückt worden. Schon der Rarität wegen verkaufen sich die Produkte dieser önologischen Exklaven zu stattlichen Preisen quasi von selbst. Doch mit den Weinen der bekannten Regionen können sie nur mithalten, wenn sie sich konsequent auf bestmögliche Qualität konzentrieren. Ob das Agrarministerium von Schleswig-Holstein allerdings gut beraten war, als es ausschließlich schnellreifend-charakterarme Reb-Neuzüchtungen wie Helios, Merzling, Ortega und Solaris zum Anbau freigab, darf bezweifelt werden.

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(SZ vom 23.04.2009)