Deutscher Ethikrat zu Intersexuellen Mehr als männlich oder weiblich

Menschen, die nicht eindeutig Mann oder Frau sind, sollen künftig im Personenstandsregister unter der Rubrik Geschlecht "anderes" eintragen können. Das empfiehlt der Deutsche Ethikrat in seiner Stellungnahme zur Situation Intersexueller. Zudem fordert das Gremium einen Hilfsfonds: Viele Betroffene seien durch ärztliche Eingriffe aufs Tiefste verletzt worden - körperlich und seelisch.

Als das Baby 1965 zur Welt kommt, stellen die Ärzte ein uneindeutiges Geschlechtsorgan fest. Das Neugeborene hat einen männlichen Chromosomensatz, im Bauchraum befinden sich Hoden, die die Mediziner entfernen. Den Eltern verschweigen sie den Eingriff, ebenso die Tatsache, dass ihr Kind chromosomal männlich ist. Sie sagen nur: "Das Kind ist ein Mädchen und wird es bleiben, die ganze Erziehung hat sich danach zu richten."

Dieses Schicksal schildert der Deutsche Ethikrat in seiner aktuellen Stellungnahme zur Situation intersexueller Menschen in Deutschland. Die Kommission empfiehlt, dass sich Menschen, deren Geschlecht nicht eindeutig feststellbar ist, nicht nur als "weiblich" oder "männlich", sondern auch als "anderes" im Personenstandsregister eintragen können sollen. Man sei der Auffassung, dass intersexuelle Menschen als Teil gesellschaftlicher Vielfalt Respekt und Unterstützung der Gesellschaft erfahren müssen, heißt es in einer Mitteilung des Rates. Zudem müssten sie vor medizinischen Fehlentwicklungen und Diskriminierung in der Gesellschaft geschützt werden.

Angesichts großen Leids für die Betroffenen fordert das Gremium zudem einen Fonds für Menschen ohne eindeutiges Geschlecht. Anerkennung und Hilfe sollten Menschen erfahren, die wie das Neugeborene von 1965 Opfer ärztlicher Eingriffe wurden, die auf eine klare Zuordnung zum männlichen oder weiblichen Geschlecht abzielten. Viele Menschen seien aufs Tiefste verletzt worden durch Behandlungen, die nach heutigen Erkenntnissen nicht dem Stand der Medizin entsprechen. "Sie haben Schmerzen, persönliches Leid, Erschwernisse und dauerhafte Einschränkungen ihrer Lebensqualität erlitten."

Der Verein "Intersexuelle Menschen e. V." wirft in seinem jüngsten Schattenbericht Ärzten vor, vielfach Behandlungen mit dem diskriminierenden Zweck durchzuführen, ein Kind in die Vorstellung von "männlich" und "weiblich" einzupassen, obwohl die dadurch erzeugten Leiden bekannt seien. Der deutsche Staat sei für "diese Folterhandlungen" letztlich verantwortlich.

Der Ethikrat plädiert in seinem Positionspapier zudem dafür, Selbsthilfegruppen Intersexueller finanziell zu fördern. Betroffene und ihre Eltern sollten nur in einem speziellen Kompetenzzentrum über die einzelnen ärztlichen Disziplinen hinweg beraten und behandelt werden. Für die regelmäßige medizinische Betreuung solle ein Netz an geeigneten Stellen geschaffen werden.