Depression "Seht ihr mich? Versteht ihr mich?"

Außergewöhnliches muss nicht sein: Heide Fuhljahn ist heute auch mit Mittelmaß zufrieden.

(Foto: privat)

Schon als Kind war ich depressiv. Als Erwachsene lebte ich sieben Jahre lang überwiegend in der Psychiatrie. Was meine erkrankte Seele heilen ließ.

Von Heide Fuhljahn
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Ausgerechnet Rammstein half mir aus der Depression. Diese Rock-Metal-Band, die bei Konzerten Pyrotechnik ohne Ende abfackelt und in deren Videos grundsätzlich zu viel Leder und martialische Gesten vorkommen. Als ich während des Kampfsporttrainings zum ersten Mal den Rammstein-Song "Ich will" hörte, traf mich das wie der kalte Guss nach der Sauna.

Normalerweise höre ich Beethoven und Songwriter-Sachen wie Jamie Cullum. Ich habe Literaturwissenschaften studiert, glaube an Multikulti-Gesellschaften und fürchte mich sogar vor Ohrenkneifern. Zu Rammstein kam ich durch Rolf. Rolf ist mein Trainer, 67 Jahre alt, ein Kampfsporter alter Schule, der hartnäckig behauptet, dass eine Ohrfeige nicht wehtut. Sein Gesicht trägt Spuren von Zigaretten und Alkohol, seinen Körper bewegt er blitzschnell. Während der sieben Jahre, die ich je zur Hälfte in der Psychiatrie verbrachte, nahm ich öfters an Rolfs Kursen teil. An die Schlagkissen und Fäuste gewöhnte ich mich nur langsam, Selbstverteidigung lernte ich mit angezogener Handbremse. Rolf wusste um meine Krankengeschichte und freute sich immer, wenn ich kommen konnte.

Die Serie "ÜberLeben"

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen und wie Menschen aus Krisen wieder herausfinden. Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de.

"Ich will eure Blicke spüren. Ich will eure Stimmen hören. Ich will, dass ihr mich gut seht. Ich will, dass ihr mich versteht", singt Rammstein-Frontmann Till Lindemann am Anfang. In der Mitte des Songs stellt er Fragen: "Seht ihr mich? Versteht ihr mich? Fühlt ihr mich? Hört ihr mich?" Am Ende antwortet der Chor: "Wir hören dich! Wir sehen dich! Wir fühlen dich!"

Nach dem Training damals erzählte ich Rolf, wie sehr mich der Song berührt hatte. Er gab mir einen Grundkurs in Rammstein-Wissen. Als ich nach sechs Wochen wiederkam, spielte Rolf wieder "Ich will" - und suchte ab diesem Tag jedes Mal meinen Blick, nickte mir aufmunternd zu. Er sah mich. Er hörte mich.

Den größten Teil meines Lebens fehlte mir genau das. Ich war schmerzhaft einsam. Und wie ich heute weiß, kann ein Kind nur im Austausch mit anderen ein stabiles Selbst entwickeln. Essen und eine warme Wohnung allein reichen nicht.

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