Demographie Junge Frauen entscheiden sich wieder häufiger für Kinder

Bislang war es nur ein gefühlter Babyboom: Straßen, Cafés und Spielplätze sind voller gebildeter, junger Mütter und Väter. Nun ist es Wissenschaftlern gelungen, den ersten wissenschaftlichen Beleg für die demographische Trendwende zu finden: In Deutschland bekommen junge Frauen wieder mehr Kinder.

Von Felix Berth

Die Geschichte des vermeintlichen Babybooms vom Prenzlauer Berg wird gerne erzählt. In dem trendigen Stadtteil Berlins, so hört man immer wieder, gebe es besonders viele gebildete junge Mütter und Väter, die ihre schicken Kinderwagen durch die Straßen schieben, ständig unterwegs zwischen Szenecafé, Kreativjob im Altbaubüro und Fitnessstudio. Die coolen "Latte-macchiato-Mütter", so scheint es, haben das Viertel erobert. Doch bisher war es allenfalls ein gefühlter Babyboom: Kein Demograph konnte belegen, dass junge Frauen mehr Kinder bekommen als ältere - das galt für den Prenzlauer Berg genauso wie für den Rest der Republik.

Nun ist es Wissenschaftlern gelungen, den ersten seriösen Beleg für eine Trendwende zu finden. Joshua Goldstein und Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für demographische Forschung stellen in einem Aufsatz für die Population and Development Review fest, dass sich in den vergangenen Jahren offenbar etwas geändert hat: "Die Geburtsjahrgänge um 1970 scheinen die Trendwende zu markieren", sagt Institutsdirektor Goldstein. Die Frauen, die nach diesem Jahr geboren wurden - also heute 41 Jahre und jünger sind -, entscheiden sich häufiger für Kinder als die älteren.

Das ist noch kein neuer Babyboom, aber es deutet sich ein Wandel der Lebenseinstellungen an. Westdeutsche Frauen, die heute fünfzig sind, mussten sich oft zwischen Kind und Karriere entscheiden, weshalb bei ihnen die Kinderlosigkeit enorm hoch ist - höher als in fast allen Ländern. Doch die 30- und 35-Jährigen von heute scheinen das anders zu sehen. Sie wollen beides, Job und Nachwuchs. Und sie geben, wie sich in den Statistiken erstmals andeutet, keinen der beiden Wünsche vorschnell auf.

Nach der Rechnung der Rostocker Demographen dürften Frauen, die heute Mitte dreißig sind, im Schnitt etwa 1,6 Kinder bekommen. Für die etwas älteren, die derzeit Anfang vierzig sind, errechnen Goldstein und Kreyenfeld nur knapp 1,5 Kinder. Das klingt wie eine Petitesse, doch verbergen sich hinter einem Wert von 0,1 Kindern pro Frau etliche zehntausend Kinder jährlich. Außerdem ist es denkbar, dass der Wert nach der beobachteten Trendwende weiter steigt.

Wichtig ist allerdings, dass dies zum Teil noch Schätzwerte sind: Eine Frau, die heute Mitte dreißig ist, hat noch etwa zehn Jahre Zeit zum Kinderkriegen. Wie viele Kinder sie wirklich bekommt, weiß man erst in einem Jahrzehnt. Dennoch haben die Rostocker Forscher nicht blauäugig auf die Möhrenbrei-Offensive spekuliert. Für die älteren der Frauen stützen sie sich auf die realen Kinderzahlen der Meldebehörden; für die jüngeren Frauen arbeiten sie mit einer Fortschreibung des beobachteten Trends.

Die demographische Wende ist auch ein Politikum. Denn sie legt die Vermutung nahe, dass das Elterngeld und der Ausbau der Kitas langfristig doch Einfluss auf die Geburtenraten haben. "Die jungen Frauen sind die Ersten, die vom Ausbau der Kinderbetreuung profitieren", stellen Goldstein und Kreyenfeld fest. Auch das Elterngeld, das seit 2007 gezahlt wird, könnte zu der Trendwende beigetragen haben. Das wäre ein später Triumph für die frühere Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. Die CDU-Politikerin hatte ihre Familienpolitik stets auch mit der Hoffnung begründet, dass diese Politik zu mehr Kindern in Deutschland führen würde. In den vergangenen Jahren aber hatte kaum noch jemand an eine Umkehr des Trends zu weniger Kindern geglaubt.