Demenz Du weißt nicht einmal mehr, wie ich heiße

Ein wenig vertrauter als die Pflegerinnen - aber wie lange noch?

(Foto: dpa)

Wie ist das, wenn aus der Mutter eine hilflose Frau wird, die sich an immer weniger erinnern kann? Die vergessen hat, wer das eigene Kind ist? Der Erfahrungsbericht einer Tochter.

Von Maja Linthe

Als ich eintrete, hat sie Tränen in den Augen, obwohl sie meinen Namen nicht mehr kennt, obwohl das Wort Tochter für sie keinen Sinn mehr ergibt. Tochter bin ich nur noch auf Angehörigentreffen. "Wie geht es deiner Mutter?", hat mich eben noch eine Freundin am Telefon gefragt, und eigentlich meinte sie: Wie weit hat sie sich mittlerweile von der Frau entfernt, die einmal deine Mutter war? An ihrer statt ist jemand anderes in mein Leben getreten, ein Mensch jenseits jeglicher Verantwortlichkeit und jenseits aller gesellschaftlichen Konventionen, ein Mensch hinter einer unsichtbaren Wand.

Ich begrüße sie mit einem Kuss auf die Wange, und sie lächelt, streichelt meine Hand. Ich sehe sie vor mir, wie sie sich früher mit demselben Handrücken die Lachtränen aus dem Augenwinkel gewischt hat. Manchmal meine ich, dass etwas in ihr gleich geblieben ist. "Kommst du auch mal wieder?!", begrüßte sie mich noch beim letzten Mal. Und es schien mir so treffend zu sein, das Aufblinken eines alten Zeitgefühls, die passenden Wörter. Aber es sind nur die Hülsen, die sie manchmal noch findet in sich.

Ich möchte mit ihr spazieren gehen und suche nach ihrem Mantel, ihren Schuhen, bereite sie langsam darauf vor, dass wir in den Park gehen werden. Es ist schwierig geworden, ihr die Schuhe anzuziehen, weil sie nicht mehr weiß, wie es geht, wie sie den Fuß halten soll, wann sie drücken soll und womit, auch, weil sie niemandem mehr wirklich vertraut.

Obwohl sie schon so vieles losgelassen hat, fürchtet sie sich davor, sich völlig zu verlieren. Sie will sich nicht hinsetzen, will nicht aufstehen, weil sie Angst hat, die Kontrolle zu verlieren über den Raum, so wie sie schon die Zeit verlor. Sie ist ständig in Abwehrhaltung. Es ist, als zöge die Krankheit sie immer tiefer zu sich hinein, und ich ziehe gleichzeitig an ihrem rechten Fuß, versuche ihr diesen Mutterschuh wieder anzupassen. Er muss einfach noch passen, wenigstens das Spazierengehen dürfen wir nicht verlieren. Aber unsere Runden werden jedes Mal kleiner. Sie schafft nicht mehr so viel.

Ich ziehe sie aus dem Stuhl heraus, beim Mantelanziehen muss mir eine Pflegerin helfen. Es ist schwer, Arme in Ärmel zu stecken, wenn der Mensch nicht versteht, was er tut. Dann biete ich ihr meinen Arm, und sie schaut sich ängstlich um, bittet die Pflegerin mit den Augen um Erlaubnis, spazieren gehen zu dürfen. Sie ist zu meiner Herausforderung geworden.

Ein wenig ist sie das schon als Mutter gewesen. Wir hatten viel Streit. Während ich an meiner Doktorarbeit schrieb, hat sie mir Stellenanzeigen für Sekretärinnen geschickt. Ich sollte nicht überkandidelt werden. Heute ist es ihr egal, was ich bin, heute bin ich für sie nur ein Mensch, zu dem sie tief in ihrem Inneren eine emotionale Bindung hegt. Den Grund dafür hat sie vergessen. Damit muss ich auskommen. Wut ist keine Lösung, und mit meiner Trauer versuche ich sparsam zu sein, denn schließlich lebt sie noch, und für wie viele Jahre würde meine Trauer wohl reichen?

Die Vergangenheit beweisen

Ich ziehe an der schweren Tür, die den acht Demenzkranken der WG das Fortlaufen erschweren soll, und gehe mit ihr nach draußen. Endlich riecht es nicht mehr nach Urin. Was wird sein, wenn sie gar nicht mehr rausgehen kann? Was mache ich dann mit ihr, wenn ich sie besuche? Reden tut sie nicht mehr. Ich lese ihr den Zauberlehrling vor: "Walle, walle . . ." Den mag sie am liebsten. Ich schaue mit ihr alte Fotoalben an, hole sie hervor, als wollte ich ihr die Vergangenheit beweisen.

"Wer ist denn das neben Ihnen?", fragte die begutachtende Ärztin sie, als es um die Pflegestufe 3 ging. Sie aber schaute mich an, lächelte, öffnete den Mund, schloss ihn wieder, verzweifelt. Ich griff nach ihrer Hand. "Ja", sagte die Ärztin endlich und machte sich eine Notiz, "das ist Ihre Tochter, nicht?" Ihr gelang ein Nicken. Und ich dachte, vielleicht, wenn ich fest daran glaube, dass sie noch meine Mutter ist, vielleicht gibt ihr das Halt und sie glaubt es auch. Und ich schaute sie an, wie sie da saß und mit den Augen im Raum herumsuchte, irgendetwas suchte, das es schon lange nicht mehr gab, vielleicht noch nie gegeben hatte. Meine Mutter ist nicht mehr da, dachte ich. Sie ist jemand anderes.

Sie freut sich besonders über die kleinen Kinder, die uns auf der Straße entgegen kommen, deutet auf sie, lacht. Ich erzähle ihr von meinen Kindern, an die sie sich nicht mehr erinnern kann. Meine Tochter will nicht mehr zu Besuch kommen. Das letzte Mal, als das Kind da war, hat sie es unwirsch beiseite geschubst: "Gehen Sie, ich kenne Sie nicht!" Und meine Tochter sagte unter Tränen zu ihr: "Aber du bist doch meine Oma!" Da hat sie ihr über den Kopf gestrichen, hatte Mitleid mit diesem fremden, weinenden Mädchen, das seine Oma suchte und nicht mehr fand.

Was bleibt, sind Emotionen

Die Familienbeziehungen haben für sie die Bedeutung verloren. Was bleibt, sind Emotionen, die sie für den Moment verteilt. Noch bekomme ich mehr als die Pflegerinnen, die sie am liebsten mag. Noch strahlt sie besonders, wenn sie mich sieht. Aber was wird sein, wenn sie sich den Schuh gar nicht mehr anziehen lässt?

Uns kommen andere Mütter entgegen, mit ihren erwachsenen Töchtern ins Gespräch vertieft. Manchmal werde ich traurig davon, aber sie beachtet sie nicht. Vielleicht ist sie lange genug Mutter gewesen, hat es sich ausgemuttert für sie? Sie blickt sich suchend auf der Straße um, bleibt mit den Augen bei mir hängen, lächelt mir zu.