Debatte Mutter = Glück?

Darf man es als Frau bereuen, ein Kind bekommen zu haben? In Deutschland ist nun ein neues Buch zum Thema "Regretting Motherhood" erschienen. Eine offene Debatte darüber wäre wichtig, doch das Tabu wirkt weiter.

Von Barbara Vorsamer

Welchen Beruf ergreife ich? Wo will ich leben? Heirate ich? Und wenn ja, wen? Will ich Kinder? Irgendwann muss jeder diese Entscheidungen treffen, wir nennen es erwachsen werden. Wir stellen die Weichen, stecken uns Ringe an den Finger, unterschreiben Verträge und nehmen Kredite mit jahrzehntelangen Laufzeiten auf. "Jetzt gibt es kein Zurück mehr", denkt man in solchen Momenten. Doch das stimmt nicht. Fast alles lässt sich rückgängig machen. Es gibt Scheidungen, Umzüge und Branchenwechsel. Alles nicht so einfach, aber möglich. Mit einer Ausnahme.

Bei Kindern gibt es weder ein Zurück noch einen Kompromiss. Wer sich für ein Kind entscheidet, der hat eines, Punkt. Auch die Entscheidung, keines zu bekommen, ist irgendwann unumkehrbar, zumindest für die Frau. Sollte ihre Entscheidung dann die falsche gewesen sein, bleibt nur die Reue - und den anderen bleibt das Mutterglück. Oder?

Reue und Mutterschaft - das Thema trifft bei vielen einen Nerv

Im vergangenen April erregte eine Studie der israelischen Soziologin Orna Dornath weltweit großes Aufsehen. Darin ließ sie knapp zwei Dutzend Mütter zu Wort kommen, die explizit sagen: "Die Mutterschaft hat meinem Leben nichts hinzugefügt, außer Schwierigkeiten und Sorgen." Könnten sie noch einmal entscheiden, sie würden keine Kinder mehr bekommen. Wichtig: Die Frauen der Studie waren mehrheitlich Mütter, die ihren Nachwuchs ganz bewusst zur Welt gebracht hatten. Sie sagten außerdem von sich, dass sie ihre Kinder über alles liebten.

Das Thema traf einen Nerv. Der erste Artikel darüber auf SZ.de wurde hunderttausendfach gelesen und zehntausendfach in den sozialen Netzwerken geteilt und kommentiert. Blogs griffen die Studie unter dem Schlagwort "Regretting Motherhood" (Die Mutterschaft bereuen) auf, es gab zahlreiche weitere Artikel und Interviews. Eine Debatte war geboren. Leider entfernte sie sich rasch vom eigentlichen Thema.

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Plötzlich ging es nicht mehr um das Tabu einer Mutter, die keine sein will. Stattdessen wurde, wie so oft, alles miteinander verrührt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das Betreuungsgeld. Die fehlenden Kita-Plätze. Die oft dramatische Situation Alleinerziehender. Die Reue der Kinderlosen. Und so weiter. Wer als Mutter Kummer hatte, fühlte sich angesprochen. Das mag im Einzelnen nachvollziehbar sein, in diesem Fall hat der vielstimmige Chor das eine wirklich neue Thema aber binnen kürzester Zeit übertönt.

Doch nun ist auch in Deutschland ein Buch zum Thema erschienen: "Wenn Muttersein nicht glücklich macht. Das Phänomen Regretting Motherhood". Geschrieben hat es die Soziologin Christina Mundlos. "Es gibt zwei Arten von bereuenden Müttern", sagt die Autorin, die ebenfalls Interviews mit betroffenen Frauen geführt hat; in ihrem Fall waren es knapp zwei Dutzend Mütter aus dem deutschsprachigen Raum mit unterschiedlichem Alter und sozialer Herkunft.

Die Soziologin Christina Mundlos erforscht die Rolle von Müttern.

(Foto: oh)

Die erste Gruppe, so Mundlos, bestehe aus Frauen, "die sehr unzufrieden mit ihren Bedingungen sind und deshalb sagen: ,Unter diesen Umständen wäre ich lieber nicht Mutter.'" Die zweite Gruppe sage von sich, dass die Mutterschaft ganz grundsätzlich nichts für sie sei. Beide litten unter dem, was die Soziologin "Muttermythos" nennt: "Die Mutterschaft ist für Frauen auch heute noch ein Muss. Dass sie zu einem Frauenleben dazugehört, wird wenig hinterfragt, und dann wird auch noch erwartet, dass Kinder glücklich machen."