Debatte Hat der Feminismus die Liebe kaputt gemacht?

War das mit der Liebe früher leichter? (Szene aus dem Film "Dirty Dancing)

(Foto: dpa)

So ein Quatsch, findet unsere Autorin. Feminismus ist kein Programm zum Befolgen, sondern eine Aufforderung, über Gleichberechtigung nachzudenken. Im Job, in der Liebe, und überhaupt.

Von Hannah Beitzer

Platons Vorstellung vom Menschen als einer unvollständigen Kugel, der sein Leben nach die zweite Hälfte sucht, ist fatal. Das findet Zeit-Chefredakteurin Sabine Rückert - und rät Frauen dazu, sich im Leben lieber auf sich selbst zu verlassen, anstatt der verlorenen Kugel-Hälfte hinterher zu jagen. Das gelte auch im Job: Ein Mentor sei fein, doch letztlich zähle die eigene Leistung. Frau müsse auch aufpassen, niemandem etwas schuldig zu sein. Blödsinn, widerspricht ihre Kollegin Mariam Lau: Sie plädiert für die Gemeinschaft, für die Liebe, für die Teamarbeit, gegen das Alleinsein als Idealzustand.

Der Feminismus macht es niemandem recht

Beides sind spannende und inspirierende Texte, gerade für alle, die noch ein paar Jährchen jünger sind als die Autorinnen. Schade ist nur: Beide geben nebenbei "dem Feminismus" eins mit. Der "gegenwärtige Feminismus", so schreibt es Sabine Rückert, führe Frauen in einen "dauerhaften Opferstatus". "Natürlich bin ich nicht selbst schuld, wenn ich vom 'Sexmob' angegangen werde. Aber ich bin schuld, wenn ich darüber schweige und den Übergriff nicht anzeige.", schreibt sie zum Beispiel. Ein ganz anderes Problem hat Mariam Lau mit dem Feminismus: Viele Frauen hätten aus ihm den Schluss gezogen, dass Liebe automatisch Abhängigkeit schaffe.

Beides führt bei mir zu dem Gedanken: Mich dürfte es eigentlich gar nicht geben. Ich glaube an die Liebe. Ich fühle mich nicht als Opfer. Ich bin Feministin. Und ich merke immer wieder, dass ich vom Feminismus eine andere Vorstellung habe als viele seiner Kritikerinnen. Für mich war Feminismus noch nie ein abgeschlossenes Programm, nach dem ich mich zu richten habe, das mich irgendwo hin "führt" - schon gar nicht in einen Opferstatus oder in die Einsamkeit. Er ist kein Befehl, wie ich mein Leben zu leben habe. Sondern die Aufforderung, mich mit der Frage zu beschäftigen: Was ist das eigentlich, Gleichberechtigung - im Job, in der Liebe und überhaupt?

Gleichberechtigung bedeutet nicht, sich selbst zu optimieren

Die Antworten auf diese Frage sind dabei viel zu widersprüchlich, als dass man sie zu einem in sich abgeschlossenen feministischen Programm verdichten könnte. Zum Beispiel teile ich Mariam Laus Abneigung gegenüber Ellenbogen-Mentalität im Job und der Vorstellung vom Büro als Haifischbecken. Und trotzdem hat mir beruflich wenig so geholfen wie die Durchsetzungs-Tipps von Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, die denen von Sabine Rückert in vielem ähnlich sind. Mariam Laus Rat "Probieren sie das nicht aus", kann ich deswegen leider nicht unterschreiben.

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Viel wichtiger aber ist: Für mich dreht sich Feminismus nicht nur darum, das eigene Leben zu optimieren. Dass ich beruflich einigermaßen erfolgreich bin, in einer gleichberechtigten Beziehung lebe, noch nie Gewalt von einem Partner erfahren habe und auch sonst meistens gut gelaunt bin, ist natürlich fein. Aber mein alleiniger Verdienst ist es nicht. Ich hatte zum Beispiel das Glück, von relativ gut situierten, gebildeten Eltern erzogen worden zu sein, für die meine Bildung und Durchsetzungskraft immer wichtiger war als mein Aussehen oder vermeintlich mädchenhaftes Benehmen. Doch vielen anderen geht es halt nicht so - und die gehen mich als Feministin auch was an.

Das eindimensionale Bild von Frauen als gehorsamen, anschmiegsamen, schönen Geschlecht hält sich, in der Werbung, in Filmen, im Fernsehen. Für eine wie mich, deren Eltern ihr jahrelang Ronja Räubertochter und Pippi Langstrumpf vorgelesen haben (um bei einem Beispiel von Mariam Lau zu bleiben), mag das kein großes Problem sein. Die verkraftet auch Germany's Next Topmodel. Vielmehr: Für sie ist sogar wichtig, sich auch mit Frauenbildern auseinanderzusetzen, die ihr bei näherer Betrachtung nicht erstrebenswert erscheinen oder schlicht optisch nicht erreichbar sind. Doch das gilt eben nur, solange es alternative Frauenbilder im Angebot gibt. Wenn jedoch schon in der eigenen Familie weibliche Schönheit und Unterordnung mehr gilt als Wissensdurst und Abenteuerlust, muss man sich als Feministin fragen, wo alternative Rollenbilder für Mädchen sonst noch herkommen können.