Christliche Feiertage Genug gefeiert

Feiertage sind super - aber auch jederzeit verhandelbar.

(Foto: Illustration: Jochen Schievink)

Norddeutsche Bundesländer wollen sich einen neuen christlichen Feiertag schenken, in Sachsen ist man dagegen. Brauchen wir wirklich freie Tage, deren Bedeutung uns immer weniger interessiert?

Von Martin Zips

Was die Zahl seiner Feiertage angeht, steht das Bundesland Sachsen nicht schlecht da. Wer in Sachsen lebt, der darf sich über bis zu zwölf Feiertage freuen, die nicht an einen Sonntag gebunden sind. Das sind zwar immer noch drei weniger, als zum Beispiel Augsburg hat (wo man im August das Augsburger Friedensfest feiert). Und blickt man nach Kambodscha (28 Feiertage), ist durchaus noch Luft nach oben. Im bundesdeutschen Durchschnitt aber sind bis zu zwölf, meist christlich geprägte freie Tage gar nicht so übel.

Und dennoch musste sich der Sächsische Landtag vor wenigen Monaten erst mit der Petition 06/01454/8 befassen. Eine Petentin, wie es im Beamtendeutsch heißt, begehrte hier "die Abschaffung aller gesetzlichen Feiertage" - mit Ausnahme des Tages der Deutschen Einheit. Ihre Begründung: Durch Feiertage werde "die freie Entfaltung der Persönlichkeit in den Bereichen Arbeit, Konsum und Vergnügen eingeschränkt". Zudem, so schrieb sie, werde ihr durch religiöse Feste eine Weltanschauung aufgezwängt, die sie gar nicht teile. Der Landtag wies die Petition ab. Die Begründung, durchaus zwiespältig: Einerseits betonte man die "gewachsene und für weite Teile der Bevölkerung bis heute fortdauernde besondere Bedeutung des Christentums". Andererseits hieß es: "Der gesetzliche Feiertagsschutz ermöglicht Ruhe, Erholung und Zerstreuung, unabhängig von religiösen Zugehörigkeiten." Mit anderen Worten: Freu dich, dass du frei hast, und frag nicht lange nach dem Grund.

Schleswig-Holstein und Hamburg schenken sich nun einen neuen, christlich geprägten Feiertag. Auch Bremen und Niedersachsen werden den 31. Oktober wohl zum arbeitsfreien "Reformationstag" machen. Zudem will sich Berlin einen neuen freien Tag geben, aber eher politisch geprägt als religiös.

Widerstand war zuletzt aus Sachsen zu vernehmen, ausgerechnet. Von "Übermut" sprach Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) mit Blick gen Norden. Er warnte vor den wirtschaftlichen Folgen für alle Deutschen.

Andererseits: Hatte Kretschmers norddeutsche Parteifreundin, Bundestagsfraktionsvize Gitta Connemann, nicht recht, als sie kürzlich in einem Interview sagte: "Wer jetzt die Einführung weiterer Feiertage fordert, sollte dafür nicht die Religion missbrauchen"? Schließlich, so meinte sie, wüssten die meisten Menschen doch gar nicht, warum sie an einigen Tagen ausschlafen dürften. "Sofern es nur um mehr freie Zeit geht, sollte man das auch so benennen. Das wäre ehrlich." In das gleiche Horn stieß gerade erst wieder eine Stiftung, die sich nach dem im Jahr 1600 von der Inquisition zum Tode verurteilen Priester und Astronom Giordano Bruno benannt hat und in verschiedenen deutschen Städten, etwa am Karfreitag, "Heidenspaß"-Partys veranstaltet. Ihr Argument: Ostern sei zum Beispiel in Sachsen (etwa 75 Prozent Nicht-Christen, deutschlandweit sind es nur 44 Prozent) "längst kein christliches Fest" mehr, sondern "ein volkstümliches Frühlingsfest". Warum nicht abschaffen oder umbenennen? Eine spannende Koalition, die sich da zwischen Konservativen und Freigeistern bildete!

Und gar nicht ungewöhnlich. Schon im 16. Jahrhundert hatte ein Herr namens Johann Lachmann mehrere kirchliche Feiertage in Heilbronn streichen lassen. Lachmann nannte sie "Fülltage", da an ihnen aus seiner Sicht vor allem getrunken, gegessen und gefeiert wurde. Und selbst wenn Lachmann nicht ganz so für weltanschauliche Neutralität eintrat, wie es heute etwa die Hochschulinitiative "Die Laizisten" oder die Ruhrpott-Truppe "Religionsfrei im Revier" tun, interessant ist schon, dass er lutherischer Theologe war.

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Sollte man in einer Zeit, in der immer weniger Menschen etwas mit Worten wie Fronleichnam, Himmelfahrt, Pfingsten oder Epiphanie anfangen können, nicht tatsächlich überlegen, das Christlich-Religiöse auf den Sonntag zu verlegen, wie es zum Beispiel Italien macht? "Wenn wir die Feiertage zweckentfremden, verdienen wir sie nicht mehr", predigte jüngst der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Der "Bund für Geistesfreiheit", der vor zwei Jahren vor dem Bundesverfassungsgericht mit seiner Forderung nach mehr Ausnahmen von der Pflicht zur Ruhe an bestimmten Feiertagen Erfolg hatte, würde es halt ein bisschen anders formulieren.

In Artikel 140 des Deutschen Grundgesetzes, der Text stammt noch aus der Weimarer Reichsverfassung von 1919, heißt es: Sonn- und Feiertage "bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt". Doch je vielfältiger die Gesellschaft, umso verschiedener die Ansichten, was mit Erhebung gemeint sein könnte. Und: Feiertage kommen und gehen. Das ist normal. Den Sedantag zum Beispiel, an dem im Deutschen Kaiserreich an die Kapitulation der französischen Armee im Jahr 1870 gedacht wurde, den gibt es schon längst nicht mehr.

Am Ende haben sie halt alle recht. Die Verfasserin der Petition 06/01454/8, Ministerpräsident Kretschmer, Fraktionsvize Connemann, Erzbischof Schick und alle Organisatoren von Heidenspaß-Partys: Feiertage sind super - aber auch jederzeit verhandelbar. Gut also, sich einmal mehr mit ihren tieferen Inhalten zu befassen.

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