Die Mode reagiert auf die Wirtschaft: Je besser oder, populär ausgedrückt, je fetter die Zeiten werden, desto kürzer sind die Röcke.

Wenn die Rede von der Verschlankung geht, fangen empfindsame Naturen sofort an zu zittern, denn Verschlankung bedeutet in der wirtschaftlichen Welt, dass demnächst wohl wieder ein paar Leute aus der Firma fliegen werden. Mag sein, dass es in Einzelfällen Lösungen gibt, mit denen dann, wie man so sagt, beide Seiten leben können.

Auch auf den New Yorker Laufstegen warem sie zu sehen: Minis. (© Foto: Reuters)

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Für ein paar andere werden Sozialpläne geschmiedet, hier und da Abfindungen ins Spiel gebracht; aber letzten Endes müssen sich alle, die im Betrieb nicht mehr gebraucht werden, mit der großen Verschlankung abfinden, welche dem Flaggschiff bei seiner Odyssee durch die Ströme der Globalisierung neue Leichtigkeit und hübschen Drive verleiht.

Nun steht dieses Land seit neuestem aber vor der schönen Aussicht wachsender Prosperität. Die Prognosen werden günstiger, immer mehr Leute bekommen Arbeit und werden dadurch dick und froh und dermaßen selbstbewusst, dass sie ihr Dick- und Frohsein zur Schau stellen könnten, was das Zeug hält. Interessanterweise tun sie das aber nicht.

Das Deutsche Mode-Institut in Köln hat in letzter Zeit nämlich Folgendes beobachtet: Je besser oder, populär ausgedrückt, je fetter die Zeiten werden, desto kürzer sind die Röcke der Frauen respektive schmaler die Krawatten der Männer. Die Mode reagiert, und jetzt kommen doch noch einmal die Ökonomen mit ihrer gepflegten Fachsprache zum Zug, sie reagiert antizyklisch und damit in hohem Maße souverän. Die Exegeten des nationalen Rock- und Schlipsverhaltens deuten diese Hinwendung zum Schmalen als augenzwinkernde Reverenz an das Bewährte und Klassische.

Wir Deutsche sind zwar wieder gut aufgestellt, aber wir wissen auch, was uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind, nämlich unser Adenauerscher Imperativ: keine Experimente! Auch die Dominanz der Farben Braun, Schwarz und Weiß - offenbar handelt es sich bei ihnen um die klassischen Arbeitsteamfarben - zeige, dass individuelles Ausscheren aus dem Erfolgsprojekt Deutschland unerwünscht ist.

Bunte Hemden, breite Krawatten und ausladende Buntröcke tragen nur Hallodris, die ihr individuelles Süppchen kochen wollen. Für sie ist in der Küche unseres Staatshaushalts kein Platz, und den Namen des Küchenmeisters müssen wir wohl auch nicht mehr nennen.

Das wirklich Anmutige an der ganzen Sache ist, dass die Deutschen sich zum ersten Mal in ihrer Geschichte radikal politisch kleiden, ohne dabei auf die Uniform zurückgreifen zu müssen. Ihr Ziel ist der Aufschwung, ihre Triebkraft die Reduktion, weshalb für die Frau mit dem Minirock dasselbe gilt wie für den Mann mit dem schmalen Schlips: "Der Blick richtet sich in die Zukunft." Ein guter Satz - er stammt übrigens von Hannovers einstigem Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg.

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(SZ vom 23.5.2007)