Das ewige Comeback Gespaltene Persönlichkeit

Singen zusammen: Heintje & Hein.

(Foto: Telamo)

Vor 50 Jahren wurde Heintje mit "Mama" zum Kinderstar. Nach dem Stimmbruch hörte man weniger von ihm. Nun singt er mit sich selbst.

Von Claudia Fromme

In Halle 9 ist Bescherung. Carmen Nebel feiert mit Helmfrisur und Glitzerstilettos in den Bavaria Studios in München Weihnachten. Gesendet wird an Heiligabend im ZDF, darum müssen an diesem Novemberabend alle so tun, als hätten sie dicke Wänste vom Essen. Auch die vielen Scheinwerfer leisten gute Dienste, sie machen rote Bäckchen. Dann senkt sich das Licht und es ist, als wäre eine Zeitmaschine gelandet. Heintje, der Kinderstar der Sechziger, trällert "Aba Heidschi Bumbeidschi", aber nur von der Leinwand, denn in echt sitzt er als gereifter Herr in einem Opasessel auf der Bühne und singt als Duettpartner. Die Zuschauer raunen, schunkeln, manche wirken verblüfft, eine ältere Dame aus der vorletzten Reihe wischt sich eine Träne weg.

Das ist schon ein wenig irre. Zum einen, dass Heintje immer noch zündet, auch 50 Jahre nach seinem Debüt mit "Mama" als Zwölfjähriger in der Show "Der Goldene Schuß" im Dezember 1967. Zum anderen ist es erstaunlich, dass der niederländische Kinderstar, der sich heute Hein Simons nennt und 62 ist, jetzt mit sich selbst singt. Er hat gerade ein ganzes Album mit Duetten mit seinem kindlichen Selbst aufgenommen, "Heintje und ich" heißt es, und alle Hits sind drauf: "Mama", "Oma so lieb", "Ich bau dir ein Schloss".

Aufnahmen zu montieren, das gibt es immer mal wieder. Natalie Cole hat mit alten Tonspuren ihres verstorbenen Vaters Nat King Cole eine Platte gemacht, Hank Williams Jr. montierte sich in ein Stück seines seligen Vaters Hank, es heißt: "There's a tear in my beer". Bobby McFerrin sang mehrere Spuren ein, die bei "Don't worry be happy" zusammengebastelt wurden. Aber ein ganzes Album mit seinem jüngeren Ich, das hat noch keiner gemacht.

Bis heute trifft er Leute, die zu ihm sagen: "Ich habe dich gehasst."

Trifft man Hein Simons im Hotel in München am Tag der Show, wundert man sich über seinen Bariton, gepflegt mit vielen Selbstgedrehten. "Käffchen?", fragt er jovial, schenkt ein und erzählt von seinem Reiterhof in Belgien, wo er seit 48 Jahren wohnt. 60 Pferde stehen dort, "bringt gut Geld", sagt Simons, der als Lohn für sein erstes Album auch ein Pony bekam. Es verwundert, dass da ein sehr aufgeräumter Mann sitzt, immerhin berichten seit 45 Jahren bunte Hefte regelmäßig darüber, dass er wieder ein Comeback versaubeutelt hat.

Richtig ist, dass Simons niemals wieder so erfolgreich war wie damals, als er innerhalb weniger Jahre 40 Millionen Platten verkaufte. "Sollte ich darum mit 17 Jahren in Rente gehen?", fragt Simons. Hätte er vermutlich können, schon als Kind war er Millionär. Das Geld legte er konservativ an, vor allem in Immobilien, er kommt aus einer soliden Familie, die Eltern waren Gastwirte. Zwischendurch hat er Videotheken besessen und eine Textilfirma, die erfolgreich in der Sparte Ballonseide war. Ein Star ist er bis heute in China, er tritt dort in TV-Shows auf, wie er es in den Sechzigern in den USA tat, sein Lied "Kleine Kinder, kleine Sorgen" ist Schullektüre, die alten "Lümmel"-Filme, in denen Heintje einen Lausbuben an der Seite von Peter Alexander spielt, sind in China beliebt.

Das neue Album soll nun das große Ding werden. "Es wird das erfolgreichste, was ich in den vergangenen 25 oder 30 Jahren gemacht habe", ist sich der Sänger sicher, allein die Vorverkaufszahlen seien in die Tausende gegangen. Viele Jahre hatte er geklagt, dass ihm "Mama" wie ein "Mühlenstein um den Hals hängt", alles werde damit verglichen. Und bis heute trifft er Leute, "Heintje-Geschädigte" nennt er sie, die sagten: "Ich habe dich gehasst." Eltern von revoltierenden Studenten empfahlen ihrem Nachwuchs in den Sechzigern den wohlfrisierten Heintje; wenigstens einer, der seine Mutter anhimmelte. Dann hat er Lieder gesungen wie "Im tiefsten Dschungel fällt Schnee", das mit dem Klimawandel zu tun hat. "Wollte keiner hören, wollte keiner spielen bei den Radios", sagt er. Jetzt also wieder "Mama", es ist das erste Lied auf dem Album, die alte Spur von Heintje, dazu sinnige Zeilen vom Senior in der Art: "Tage der Jugend verwehen, lang ist das alles schon her. Eigene Wege zu gehen, manchmal da fiel mir das schwer."

An die Hand genommen hat ihn der Produzent Christian Geller aus Andernach. Er hatte die Idee, dass Hein mit Heintje ein Album aufnehmen soll. Sozusagen eine Heritage-Kollektion, was sehr in die Zeit passt: Es ist in Kultur, Mode und Industrie gerade sehr modern, sich an seine Wurzeln zu erinnern. Man muss dazu sagen, dass Geller weiß, wo etwas zu heben ist in der Schlagerszene. Er hat Heinos erfolgreiche Brachialposen erfunden, zuletzt überzeugte er Thomas Anders, auf Deutsch zu singen, damit die Leute nicht mehr an Bohlen denken, wenn sie Anders sehen. Geller spricht von Zielgruppen, die klein sein müssen, von Sängern als Marken. Der Markenkern von Heintje sei der von vor 50 Jahren: "Mama". Mit ordentlich Schmalz, ohne wilde Gesten, das hätte Simons keiner geglaubt.

Dass das Album vor Weihnachten erscheint, ist wohlgeplant. Immer vorm Fest (und an Muttertag) gehen die Verkäufe der alten Platten rauf, und interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Simons an Heiligabend seine erste Platte im Kreise seiner Familie hören wird, die Mutter ist dabei, seine drei Kinder, sogar seine Ex-Frau. Jedes Jahr seit 1967 gibt es dieses Ritual.

Heintje ist der Herzenswärmer der Damenwelt, jedenfalls war das früher so, als er von gestandenen Frauen Briefe mit Heiratsanträgen bekam, in denen stand: "Warte auf mich." Als Heintje in den Stimmbruch kam und das natürliche Ende des Kinderstars nahte, sollen Menschen Spenden angeboten haben für einen Kehlkopfspezialisten. Könnte das Goldkehlchen nicht doch ein Weilchen länger trällern?

Simons lacht, Unsinn, findet er. Sowieso müssen die Mütterfans, die alten wie die neuen, jetzt ganz stark sein. Seine Mutter liebe er über alles, sagt Hein Simons noch. "Aber eigentlich war ich immer ein Papa-Kind."