Von Ann-Christin Gertzen

Die Softshell-Jacke ist zum SUV unter den Kleidungsstücken geworden: Sie wird im völlig verkehrten Umfeld getragen und ist deshalb einfach überflüssig.

Der Sinn von Outdoor-Kleidung liegt darin, dass man sie draußen trägt. "Out" gleich "draußen", "door" gleich "Tür". Draußen vor der Tür. Da sollten die Leute bleiben, die "Outdoor"-Kleidung zur "Indoor"-Kleidung umfunktionieren.

Outdoor-Kleidung sollte da bleiben, wo sie hingehört: Draußen. (© Foto: istock)

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Nicht nur, dass Khakigrün und Schlammbraun keine erhellenden Freuden für die ohnehin vom Bürograu geschundenen Augen sind. Zudem rufen diese Farben auch noch negative Bilder hervor: Matsch, Kälte, Feuchtigkeit. Wenn es draußen regnet und schneit. Wenn die roten Herbstblätter sich in ihre Einzelteile zersetzen. Wenn jeder Schritt die Gefahr birgt, im nächsten Moment mit gebrochenem Knöchel auf dem Bürgersteig zu liegen. Im warmen Büro möchte man nicht daran erinnert werden.

Die neueste Quälerei für das Auge aller Modebewussten: die Softshell-Jacke. Dieses Material kann mehrmals von einem tonnenschweren Lastwagen überfahren werden und Hagelschauern in der Eigernordwand trotzen, ohne dass auch nur ein Faden reißt. Neuerdings scheinen sich die Menschen auch vor Hagel im Büro zu fürchten. Beim Extrem-Klettern ist so eine Jacke ja vielleicht ganz hilfreich. Im Land der Büromöbel ist sie aber völlig deplatziert.

Der freundliche Jackenträger hat gar keine andere Wahl als zum Egoisten zu werden. Ständig ist ihm zu warm, also reißt er das Fenster auf, also friert der normal bekleidete Kollege. Nimmt er Rücksicht auf den Frierenden, ist ihm zu warm und er schwitzt. Weder Kälte noch schlechter Geruch sind gut für das Betriebsklima und stören den reibungslosen Arbeitsablauf. Ein Dominoeffekt, der mit angemessener Kleidung ganz einfach vermieden werden könnte.

Bevor jetzt Einwände kommen, angemessen sei immer das, worin man sich wohl fühlt, blabla: Falsch! Angemessene Kleidung ist, worin man sich wohl fühlt und womit man andere nicht körperlich einschränkt. Wer mit seiner Kleidung indirekt dafür sorgt, dass der Kollege erfriert oder erstickt, ist unangemessen gekleidet. Auch wer das modische Auge beleidigt.

Darüber hinaus ist es ja nicht so, dass der Outdoor-Indoor-Träger keine Wahl gehabt hätte. Schließlich kommt er nicht nach einer Bergtour oder einem Survival-Camp ins Büro. Er kommt direkt aus seinem zivilisierten Zuhause, mit einer funktionierenden Dusche, einem vernünftigen Bett und einem prallgefülltem Kleiderschrank.

Irgendwo zwischen Softshell-Jacken, Trekking-Hosen und Bergsteigerstiefeln finden sich hier bestimmt auch ein leichter Baumwollpulli, eine normale Jeans und bürotaugliche Schuhe. An die kann man dann zwar keine Steigeisen schnallen, dafür riechen sie aber auch nicht wie Schweizer Bergkäse.

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(sueddeutsche.de/bilu/mmk)