Neue Thronfolge-Regeln Töchter an die Macht

Königin Victoria, Queen Elizabeth, Elizabeth II.: An der Kompetenz der britischen Königinnen zweifelt niemand. Doch in der Thronfolge waren die Töchter der amtierenden Monarchen stets benachteiligt. Das ändert sich nun.

Von Wolfgang Koydl

Auf eine lange Liste von knapp fünf Dutzend Monarchen können England und das Vereinigte Königreich zurückblicken, angefangen bei König Alfred dem Großen, der vor etwa 1200 Jahren regierte. Wie in royalen Kreisen generell üblich, waren die meisten von ihnen Männer. Dennoch wird wohl kaum jemand ernsthaft bestreiten können, dass es oft Frauen auf dem Thron in London waren, die nicht nur einen bleibenden, sondern sogar überwiegend positiven Eindruck hinterließen: die erste Queen Elizabeth, Königin Victoria und die seit fast sechzig Jahren milde herrschende Elizabeth II. Ganz zu schweigen von der wilden Kelten-Prinzessin Boadicea, die den Römern so manche schlaflose Nacht bereitete.

Umso erstaunlicher ist es, dass man es Frauen auf den britischen Inseln so lange Zeit so schwer gemacht hat, die englische Königskrone zu tragen: Gab es Brüder, wurden die vorgezogen - selbst wenn sie jünger waren oder eindeutig weniger gut geeignet für den Job. Die heutige Elizabeth rückte nur nach, weil ihre Eltern keine Söhne, sondern nur sie und ihre Schwester Margaret bekommen hatten.

Grundlage für die unfaire Thronfolgeregelung ist ein Gesetz aus dem Jahre 1701: Mit dem Act of Settlement sollte damals vor allem sichergestellt werden, dass sich kein Katholik die britische Königswürde erschleicht. Nebenbei wurde auch noch der Primat männlicher Nachkommen zementiert. So dünn war seinerzeit die Personaldecke für den Top-Job, dass man erst beim Kurfürsten von Hannover fündig wurde. Doch was sind schon dreihundert Jahre im unablässigen Strom der Geschichte.

Keine elf Monarchen später wird das alte Recht nun geändert: Auf ihrer derzeitigen Konferenz im australischen Perth stimmten jene 16 Länder des Commonwealth, in denen die Queen noch Staatsoberhaupt ist, für eine Reform. "Die historischen Regeln liegen über Kreuz mit den modernen Ländern, die wir geworden sind", sagte ein sichtlich zufriedener Premierminister David Cameron seinen Amtskollegen aus Kanada, Papua-Neuguinea, Neuseeland oder dem Karibik-Inselchen Saint Lucia. Sobald die Parlamente all dieser Staaten zugestimmt haben, können in England künftig erstgeborene Töchter den Thron ersteigen.

Anderswo ist man da längst weiter: Victoria von Schweden etwa ist selbstverständlich Kronprinzessin, wird ihrem Vater Carl XVI. Gustaf also als Monarchin nachfolgen, obwohl sie mit Carl Philip einen jüngeren Bruder hat. Dafür war in Schweden allerdings eine Grundgesetzänderung fällig - sie trat am 1. Januar 1980 in Kraft. In England wird sich vorerst nichts ändern: Charles steht geduldig seit vielen Jahren bereit, und er hat mit William und Harry pflichtschuldigst zwei Söhne für die Nachfolge produziert.

Von Platz zehn auf vier

Für Connaisseure unter den Beobachtern der Royals ist allerdings bemerkenswert, dass sich Prinzessin Anne in der Thronfolge nun vom zehnten auf den vierten Platz vorschiebt, derweil ihr Bruder Andrew von Rang vier auf sieben zurückfällt. Spannend wird es natürlich, wenn die Herzogin von Cambridge - vulgo Prinzessin Kate - mit einem Baby niederkommt, was eingeweihten Kreisen zufolge nicht mehr allzu lange dauern dürfte.

Dieses Kind würde dann, unabhängig von seinem Geschlecht, eines Tages den Thron Englands besteigen. Oder, wie es Regierungschef Cameron schlichteren Gemütern auf eingängige Weise erklärte: "Einfach ausgedrückt ist das so: Sollten der Herzog und die Herzogin von Cambridge ein kleines Mädchen bekommen, so wäre dieses Mädchen eines Tages unsere Queen." Geerbt hatte Cameron die Reform von seinem Vorgänger Gordon Brown, dem sie ein Herzensanliegen war.

Ihn wird es erfreuen, dass die Commonwealth-Staaten auch einer politisch bedeutsameren Reform zugestimmt haben. Künftig dürfen Angehörige der englischen Königsfamilie einen Katholiken heiraten, ohne dadurch automatisch von der Thronfolge ausgeschlossen zu werden. Als Letztem widerfuhr dieses Schicksal 1978 dem Neffen der Königin. Prinz Michael von Kent hatte die katholische österreichische Baronin von Reibnitz geheiratet.

King Wilhelm II.

Briten wären freilich nicht Briten, würden sie nun nicht das "Was-wäre-wenn-Spiel" spielen. Was wäre geschehen, wenn Frauen schon immer gleichberechtigt auf den Thron hätten nachfolgen können? Das Ergebnis ist durchwachsen: England wären vermutlich der Bruch mit der Kirche von Rom, der Königsmord und die Revolution von 1649 erspart geblieben: Statt Heinrich VIII. hätte eine Königin Margaret regiert, statt Charles I. eine Elizabeth Stuart.

Nicht so glücklich mit der geschlechtsneutralen Nachfolgeregelung wären die Briten vermutlich nach dem Tod von Queen Victoria im Jahre 1901 gewesen. Deren erstgeborene Tochter, die ebenfalls Victoria hieß, starb nur sieben Monate nach ihrer Mutter. Dann aber hätte ihr Sohn den Thron Englands bestiegen - der deutsche Kaiser Wilhelm II.

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