Christus-Kitsch für Männer "Jesus sah besser aus als ich"

Gegen die Verweiblichung des Christentums: Der Amerikaner Stephen Sawyer malt seit 15 Jahren Jesus als modernen Macho. Ein Gespräch über Männer-Helden und Heiligen-Kitsch.

Interview: Eva-Maria Geilersdorfer

Seit mehr als 15 Jahren malt der Amerikaner Stephen Sawyer, 58, im Auftrag des Herrn. Der in Kentucky lebende Künstler gilt als da Vinci der "Macho-Jesus-Bewegung", die sich seit einiger Zeit gegen eine zunehmende Verweiblichung des Christentums stellt. Sawyer zeichnet den Erlöser deshalb nicht mehr als blasse "Frau mit Bart". Sein Jesus ist braungebrannt, muskulös und tätowiert - die Religion soll so vor allem für Männer attraktiver werden.

SZ: Herr Sawyer, Jesus war also ein Macho?

Sawyer: Nein. Und doch ja.

SZ: Das verstehe ich nicht.

Sawyer: Sie wissen doch, wie Medien ticken. Da wird der Jesus, so wie ich ihn male, schnell zum "Sexy Retter" oder "Macho Messias". Aber das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich will die Männer von dem verstaubten Jesusbild befreien. Das hat vielleicht vor ein paar hundert Jahren die Menschen berührt.

SZ: Und jetzt berührt der Surfer-Jesus die Herzen der Gläubigen?

Sawyer: Männer brauchen Helden. Einen, der das verkörpert, was sie gern wären. Der Jesus, der vor über 2000 Jahren auf die Erde kam, war für mich ein echter Held. Er war klüger, stärker und sah meiner Meinung nach auch besser aus als ich.

SZ: Wie kommen Sie denn darauf, dass Jesus so gut aussah?

Sawyer: Er war mit Sicherheit kein blasser Schwächling. Er hat als Zimmermann gearbeitet und lebte in Nazareth. Es gibt also gute Gründe dafür, dass er fit und ein südländischer Typ gewesen ist. Ich glaube kaum, dass er die Geldwechsler aus dem Tempel hätte treiben können, wenn er nicht wie ein Schrank gebaut gewesen wäre. Aber das soll nicht die Botschaft meiner Kunst sein.

SZ: Sondern?

Sawyer:Jesus wäre es egal gewesen, ob sein Gegenüber ein tätowierter Biker oder ein Junkie ist. Das will ich mit meiner Kunst aussagen.

SZ: Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade Jesus ein neues Image zeichnen?

Sawyer:Eigentlich habe ich Architektur studiert und arbeite auch nach wie vor als Designer und Dekorateur. So richtig mit der Malerei ging es erst 1995 los, 20 Jahre nach dem Abschluss.

SZ: Weil Sie da Ihre Vorliebe für kitschige Jesusbilder entdeckt haben?

Sawyer:Sie finden meine Arbeit also kitschig?

SZ: Nun ja. Sagen wir mal: außergewöhnlich.

Sawyer: Das stimmt. Sie sollen Stolz vermitteln. Egal, welcher Religion man angehört. Es ist ein wenig so, wie wenn man seine Flagge ansieht und das Herz aufgeht, weil man stolz auf seine Nation ist. Ich sehe meine Gemälde an und bin stolz darauf, dass ich zu Gott gehöre.

SZ: Ein bisschen viel Stolz auf einmal, finden Sie nicht?

Sawyer:Wenn man sich das Jesusbild, so wie wir es kennen, ansieht, kann sich heute kein junger Mann ernsthaft vorstellen, dass Jesus diese spirituellen Fähigkeiten hatte, mit der er die Welt für immer veränderte. Darauf ist doch keiner mehr stolz. Wenn mehr Männer wüssten, wie großartig dieser Mann war, würden vielleicht auch mehr von ihnen gerne so sein wie er. Und dann würden auch wieder mehr Männer in die Kirche gehen.

SZ: Sie malen also eher für Männer?

Sawyer: Auch Frauen mögen meine Kunst. Sie ist für alle Menschen, egal welchen Alters oder welcher Religion. Meine jüngsten Kunden waren sieben, die haben sich kleine Lesezeichen für ein paar Dollar gekauft; der älteste war 92, ein ehemaliger Boxchampion und Priester, der sich ein Porträt gekauft hat.

SZ: Welches? Wohl nicht das mit Jesus im Boxring . . .

Sawyer:Das verrate ich nicht.