Christoph Meckel Ein Menschsein für alle

Christoph Meckel ist einer der einflussreichsten Lyriker. Seine Zeichnungen und die Unlust, öffentlich aufzutreten, machten ihn zum großen Geheimnisvollen.

Von Hilmar Klute

Ob es das wirklich gibt: einen Schriftsteller, der sich ein Leben lang hinter, vor oder in seinem Werk verstecken kann? Dessen Gedichte ihren festen Platz im Kanon der Nachkriegslyrik einnehmen, obwohl es von ihrem Autor nur eine Handvoll Fotos gibt. Der die Novelle "Licht", eine Liebesgeschichte, geschrieben hat, deren grausam-poetische Höllenfahrt in die Katastrophe heute noch bewegte Leser findet - weil sie sich wie ein großes Gedicht liest und gleichzeitig eine ungeheuer aufwühlende Erzählung über Geheimnis und Elend der großen Leidenschaften ist. Und dessen literarisches Porträt seines Vaters, welcher so teuflisch leise in das NS-Regime verstrickt war, vielleicht das wichtigste Buch einer ganzen Generation von Söhnen darstellt: weil es ohne Hass und ausgestellten Ekel auskommt und deshalb so klar und unmissverständlich zeigt, wie ein Mensch auf eine so monströse Weise schuldig werden kann.

"Ich habe nie angefangen, ich habe immer etwas gemacht."

Christoph Meckel ist das große Phantom der deutschen Literatur. Einer, der mit seinen fantastischen Gedichten und seinen geheimnisvollen Bildern einen eigenen Kosmos bestellt, hinter welchem der Künstler beinahe vollständig verschwindet. Auch weil wir es mit unserem auf Zuständigkeiten beschränkten Begriff von Arbeit und Schaffenskraft kaum vorstellbar finden, dass hinter diesem gewaltigen Werk eine einzige Person steht. Und es gibt sogar eine hochinstanzliche Beglaubigung für diesen Zweifel, nachzulesen in einem Brief, den Hans Werner Richter, der Zuchtmeister der Gruppe 47, Anfang 1967 in sein Tagebuch notierte: "Meckel gibt es eigentlich gar nicht. Er ist seine eigene Erfindung." Und Meckel selbst? Er schrieb ein Gedicht, darin heißt es: "Ihr seht mich nicht, rief ich, doch hör ich euch alle mit guten Ohren!"

Aber jetzt muss auch Schluss sein mit der Legendenrankerei, denn es gibt schließlich diese Hunderte Gedichte, die man nun alle in einem prächtigen bei Hanser erschienenen Band nachlesen kann: "Tarnkappe" heißt der, natürlich, der Mann ist ja unsichtbar. Und die Auszeichnungen, die er erhalten hat? Rilke-Preis, Breitbach-Preis, Bremer Literaturpreis, Schiller-Medaille und was nicht alles? Sind die an einen Faun verliehen worden, einen Schatten, der mit Windrädern über die Häuser fliegt - wie die Figuren in seinen fantastischen Zeichnungen? Ja, Meckel ist auch ein berühmter Grafiker, Holzschneider, Lithograf.

Natürlich gibt es Christoph Meckel. Er wohnt in Freiburg und wird in ein paar Wochen 80 Jahre alt. Und hat an allen möglichen Orten der Welt gelebt, im Kellerloch-Paris der Fünfziger, im literarischen Soziotop Berlin-Friedenau der Sechzigerjahre, in einem Bauernhaus in der Drôme, in den Megacitys Asiens und Lateinamerikas. Er war mit den Großen der Nachkriegsliteratur befreundet, mit Günter Eich, Peter Huchel, mit Johannes Bobrowski und Günter Grass. Manche von ihnen hat er selbst in zauberhaften Porträts am Leben gehalten. Eines beginnt so: "Nebel und Rauhreif im Dezember. Lautloser Tagbeginn auf dem Land. Die badischen Obstgärten hochzeitlich weiß, kristallweiße Weinberge des südlichen Schwarzwalds und das Dorf Sankt Ulrich lichtlos hell verschollen. An einem solchen Tag besuchte ich Marie Luise Kaschnitz in Bollschweil."

Der Tag, an dem Christoph Meckel in Freiburg besucht wird, ist sommerlich hell, von der Sonnhalde aus sieht man auf den Schwarzwald und auf das Münster, das jetzt mit einem Gerüst umkleidet ist - der Turm hat Risse bekommen, man befürchtet, dass er einstürzt. Christoph Meckel steht in der Tür, eine schlanke Gestalt, freundlich lächelnd, und nachdem er das mit dem Münster erzählt hat, muss er auf die Risse in seinem Leben zu sprechen kommen, den Zusammenbruch, den er hatte, Wochen im Koma, den mühsamen Weg zurück ins Leben, also in die Kunst, in der er lebt, seit er zwanzig ist.

"Ich habe nie angefangen, ich habe immer etwas gemacht", sagt er und das heißt, immer etwas gezeichnet, geschrieben, das Geschriebene wie Steinchen in die Jackentasche gesteckt und bei allen Gelegenheiten hervorgeholt, geschliffen, bis es ein Gedicht war. Man muss ihn nicht nach Vorbildern fragen, nach Lehrmeistern, denn in seinem Buch "Nachricht für Baratynski" steht ja der Satz: "Der Krieg war mein Lehrer, ich war mit den Toten allein."

Meckel war neun Jahre alt, als er durch das zerbombte Freiburg lief, den Leichen die Decke von den Gesichtern riss, kindlich neugierig und dann tief verstört angesichts der Schrecken. Das war die Wirklichkeit des Kindes, des Jugendlichen, des jungen Poeten, der mit zwanzig seinen ersten Gedichtband veröffentlichte und sich wie eine wilde Katze aus der verlogenen Behaglichkeit des Elternhauses wand: "Auf dem Boden der Tatsachen war kein Platz für mich."

Denn auf dem Boden der Tatsachen stand der Vater, Eberhard Meckel, immerhin selbst Schriftsteller, wenn auch ohne Begabung. Er schnüffelte in den Schubladen des Sohnes herum, fand ein paar Verse und stellte ihn kalt und unbarmherzig zur Rede: "Du magst vielleicht Talent haben, aber das nützt dir nichts, glaub nicht, dass du ein Dichter bist." Christoph Meckel hatte bald mit seinen Gedichten Erfolg, der Vater ging mit den Texten des Sohns auf Lesungen und stellte sie vor, als seien es seine eigenen. "Es war erbärmlich", sagt Meckel. "Ich habe mich für ihn geschämt. Er ist immer nur sich selbst hinterhergehinkt."

Als Eberhard Meckel gestorben war, übernachtete der Sohn in dessen Zimmer, entdeckte die Tagebücher des Vaters und fand dort die Notizen eines Mannes, der für sich in Anspruch nahm, "ein deutscher Soldat" zu sein. Solche Sätze standen darin, auch dieser: "Mein Gott, die Juden: ein dreckiges elendes Pack." Eberhard Meckel hatte in Litzmannstadt die Wirklichkeit des Ghettos gesehen. Der Sohn las die Aufzeichnungen eines kalten Hassmenschen. "Da wusste ich, dass mein Vater ein Antisemit war." Christoph Meckel fing an, Berichte zu sammeln, Zeugnisse von Zeitgenossen; Stück für Stück setzte er das Bild eines bildungsbürgerlichen Anpassers zusammen, eines Verführten, der bald zu einem mit allen Wassern der Niedertracht gewaschenen Nazi wurde: das Porträt seines Vaters. Aber Christoph Meckel erinnerte sich auch an Ausflüge, schöne Erlebnisse mitunter: "Er konnte zauberhaft sein, wenn ich mit ihm durch die Landschaft fuhr, es war wunderbar, er war zuständig." Es gibt eine Wahrheit, die sich aus vielen Wahrheiten zusammensetzt.

Als 1980 das Buch "Suchbild. Über meinen Vater" erschien, hatten die Deutschen noch nicht viel Übung im Umgang mit den Verbrechen ihrer Väter. Für gewöhnlich ähnelten derartige Texte selbstreinigenden Schlachtfesten: Bernward Vespers quälende Zerfleischung "Die Reise", Niklas Franks Hass-Feier über seinen Vater, den NS-Massenmörder Hans Frank. Meckels Buch ist anders, ruhig und genau - es erzählt die Geschichte eines talentlosen Dichters, der von Genies umgeben ist, aber auch von Verbrechern - und der aus Mangel an Talent von den Verbrechern geschluckt wird. "Ich habe meinen Vater nicht gehasst. Hass ist unbeendbar und hat keine wechselhafte Geschichte", sagt Christoph Meckel, "Hass ist ein Stillstand."

Da sitzt man jetzt in dieser sommerhellen Wohnung mit den Commedia- dell'Arte-Zeichnungen an der Wand, dem mit Dutzenden Gedichtbänden vollgestopften Regal und möchte eigentlich nur über diese auf seltsame Weise verzaubernden Meckel-Texte reden, die bis ins Verrückte schönen, wilden Verse: "Steigendes Dunkel und Nacht, hinauf in die schwarzen Azure, da schwer das Bocksgestirn im Winde schwingt; Schutzengel Gottes kichert im Kellerloch." Die geheimnisvoll-verlorenen Gedichte über die Liebe und die Frauen: "Reizender Anblick wie sie den Mokka nippte und Paradies mit Haut und Haaren spielte." Die so leicht hingetupften Wort-Aquarelle, die rauschenden Oden, die strengen Sonette - Christoph Meckel, der in tausend Stimmen, Formen und Sprachen dichten kann, ohne den selbstfälligen Zweiflerton der Sprachpuristen anzuschlagen, ohne den ironischen Umgang mit der Tradition zu kultivieren, der bei manchen Lyrikern so verklemmt-parodistisch herüberweht.

(Foto: B. Friedrich/ullstein bild)

Aber man kommt doch am Ende immer wieder bei der einen Sache heraus: der Geschichte, der Schuld und den vielgestaltigen Versuchen, sie abzutragen, zu leugnen oder in Legenden umzudeuten. "Es gibt in meiner Generation viele Selbstgerechte", sagt Christoph Meckel. Und er habe es immer wieder mit Kollegen zu tun gehabt, die ihm das parteipolitische Engagement als Erlösung angepriesen haben. Aber das sei ihm nicht möglich gewesen, zu keinem Zeitpunkt. Er musste die Politik mit der Sprache betreiben, seine Zeitkritik fand in den Gedichten statt, in seinen Erzählungen und Essays, die anfangs wie Luftballons aufsteigen, mit Nichtigkeiten spielen und am Ende oft dort niedergehen, wo Meckel das Feuer seiner Poesie geholt hat: in den Bombennächten von Freiburg und Erfurt, dort erlebte er das Ende des Krieges.

"Ich empfinde keine Schuld" sagt er, "aber ich gehöre einer Generation an, die das alles aufnehmen musste und damit umgehen musste, und zwar so, dass es geklärt wird - einer Generation, für die es unwider-rufbar war, sich mit der Sache auseinanderzusetzen."

"Ich hatte auch meinem Vater gegenüber kein Sieger sein wollen."

Meckel kommt auf Günter Grass zu sprechen, den er einen Freund nennt, "eine gute Freundschaft", sagt Meckel, auch wenn sie zu der Zeit endete, als Grass seine Kollegen aufrief, für die SPD Wahlkampf zu machen. "Am meisten gewundert haben mich die belehrenden Reden, die er über die Scham hielt", sagt Meckel. "Es ist irrsinnig, wie Günter Grass sich verhalten hat als maßgeblicher Ratgeber, der Brandt muss unter ihm geächzt haben." Dass Brandt in der Tat geächzt hat, weiß man seit der Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen ihm und Grass.

Und Meckel, der doch immerhin die Geschichte seines eigenen Vaters öffentlich machte, eines Vaters, gegenüber dessen mangelndem Unrechtsempfinden sich der Sohn ohne Weiteres hätte ins Recht setzen können? Meckel sagt: "Ich hatte keinen festen Boden in meinem Rechthaben. Ich habe Rechthaben nie für möglich gehalten; ich hatte auch meinem Vater gegenüber kein Sieger sein wollen - ich musste ihn und seine Zeit verstehen."

Für Meckel wurden Kunst und Literatur zum probaten Gegengift wider die Rechthaberei: "Das Gedicht ist nicht der Ort, wo die Wahrheit verziert wird", schrieb er. Aber dass er die "Erklärung der Menschenrechte" mit seinen Zeichnungen illustriert hat, ist für Meckel mehr als die Beigabe des Grafikers zu einem Text: "Für mich ist das eine politische Arbeit." Er stellt einen großen Karton auf den Tisch: seine Manuskriptbilder. Das sind Kreidezeichnungen und Acrylfantasien, die er über Texte gelegt hat - man sieht seine exzentrisch-feine Handschrift fast untergehen in den Farben. Er dreht Blatt um Blatt um und schweigt dazu. Wenn man ihn fragt, was die vielen Kinderräder in seinen Bildern machen, sagt er: "Es sind Kinderräder." Man soll ihn nicht festlegen; er hat sich auch nicht festgelegt. Nicht auf ein Land, nicht auf eine künstlerische Form und schon gar nicht auf eine politische Parole. Aber einen Satz gibt es, den Christoph Meckel über sein Werk schreiben könnte: "Ich brauche ein Leben für mich und ein Menschsein für alle." Die Kunst als Spielart des Menschseins - man kann es kaum politischer sehen.

Jetzt verbringt er seine Tage mit Zeichnen, für das Schreiben ist die Zeit noch nicht gekommen, sagt er, "aber ich bin ganz damit einverstanden." So wie er damit einverstanden ist, ein Leben am Rand der Öffentlichkeit verbracht zu haben, als Name existent und zitiert, als Person verschleiert und selten abrufbar - was nicht immer zum Vergnügen der Verlage ausfiel, die ihre Autoren gerne auf Lesebühnen sehen. Jetzt lebt Meckel wieder in Freiburg, der Stadt seines Vaters, seiner Kindheit am Rande Deutschlands - "um die Option des Aufbruchs zu haben".

In einem seiner Gedichte steht: "Am Rand der Straße hockt er noch immer/ und zählt wie die Katze seine sieben Leben." Eine Bekannte, erzählt Christoph Meckel, besaß einen Kater; dieser Kater hatte einen verletzten Hinterlauf, der musste amputiert werden. Als der Hinterlauf weg war, lief der Kater für immer davon.