Von Karin Prummer und Stefan Ulrich

Weil das einstige Luxusgetränk Champagner derzeit verschleudert wird, herrscht Panik bei den Produzenten.

"Nach dem Sieg verdienst du ihn, nach der Niederlage brauchst du ihn." Dieses Bonmot über den Champagner soll Napoleon geprägt haben, dem sein wechselhaftes Waffenglück reichlich Gelegenheit bot, diesem Schaumwein zuzusprechen.

Champagnerflaschen; Reuters

Champagner gibt es für viele Menschen nicht mehr nur zu besonderen Anlässen, auch im Alltag schätzt man das perlende Getränk immer mehr. (© Foto: Reuters)

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Zur Zeit aber muss sich der Champagner selbst mit Niederlagen herumschlagen. Nach Jahren, in denen Umsatz und Preis überschäumten, sackten die Verkaufszahlen auf einmal ein. Wurden vergangenes Jahr weltweit 323 Millionen Flaschen abgesetzt, dürften es dieses Jahr nur mehr 280 Millionen sein. Schlimmer noch für die elitäre Branche: In Frankreich und Deutschland wird derzeit Champagner unter flugs geschaffenen Phantasie-Etiketten für elf Euro und weniger pro Flasche unters Volk gebracht. Für Traditionalisten kommt das fast einem Waterloo gleich. Viele Jahre Arbeit am Image des Champagner würden "hinweggefegt", klagt etwa Pierre-Emmanuel Taittinger, der Präsident des gleichnamigen Hauses.

Das Leid der Produzenten ist die Freud vieler Konsumenten. Ob sie nun zum Luxus-Cuvée oder zum Standard-Brut greifen, sie können mit kräftigen Rabatten rechnen. Deutsche und Franzosen kaufen deswegen zum Jahresende umso bereitwilliger. Gerhard Schnell etwa, der auf dem Weg vom Sauerland in den Urlaub am Tegernsee ist. Bei einem Zwischenstop steht er nun an der Champagnerbar eines Münchner Kaufhauses und prostet seiner Frau zu. Doch was heißt hier prostet? Er hebt dezent das Glas und unterstreicht diese Geste durch ein kurzes Heben der Augenbrauen. "Vier- bis fünfmal im Jahr gönnen wir uns Champagner", sagt Schell. Er habe ja gehört, der sei jetzt billiger zu haben. 6,50 Euro für 100 Milliliter zahlt er, das klingt vielleicht nicht nach Schnäppchen. Dennoch hat Schnell recht.

Preise im Keller

Etliche Händler in Deutschland haben die Preise gesenkt. In der Lebensmittelabteilung des Münchner Kaufhauses ist etwa die Hälfte der 25 angebotenen Sorten reduziert. Am deutlichsten die teuren Marken. Eine 0,75-Liter-Flasche Dom Pérignon kostet nun 99 statt 139 Euro. Der Billigdiscounter ein paar Meter weiter verlangt 11,49 Euro für einen Veuve Monsigny AC Brut. Dafür gibt es hier weder eine stilvolle Champagnerbar noch Flaschen in edlen Holzschränken. Der Champagner steht auf der Platte neben dem Ramazotti-Verschnitt und den 99-Cent-Fläschchen Kräuterschnaps. Ein Sakrileg? In Frankreich, dem Land der Gourmets, sieht es nicht anders aus. Hier bieten Supermarktketten die Flasche teils für unter 10 Euro an. "Die Tendenz geht zur Zeit zum low cost", stellt Daniel Lorson vom Champagner-Dachverband Civic in Epernay fest.

Der Grund für den Preisverfall ist naheliegend: die Weltwirtschaftskrise. "Sie hat zwei unselige Folgen für den Champagner-Konsum", klagt man beim Civic. "Einerseits stagniert die Kaufkraft, andererseits gibt es weniger Gründe zu feiern." Besonders im Ausland sinken die Verkaufszahlen teils drastisch. Ließen etwa die russischen Manager in den Boomjahren reichlich die Korken knallen, so ging der Export nach Russland in den ersten acht Monaten dieses Jahres um 80 Prozent zurück. Auch in England und den USA, den wichtigsten Abnehmerländern nach Frankreich, wird der Schaumwein aus der Champagne deutlich weniger nachgefragt. So steigen die Lagerbestände. Sie werden derzeit auf insgesamt mehr als 1,2 Milliarden Flaschen geschätzt.

Krise in den Champagnerhäusern

Die Schaumwein-Krise bringt nicht wenige Champagnerhäuser in ernste Bedrängnis. Sie haben in den fetten Jahren für viel Geld Trauben zugekauft, um für den vermeintlich andauernden Boom gerüstet zu sein. Nun, in mageren Zeiten, müssen sie die Kredite bedienen. In ihrer Not bringen sie daher Champagner zu Schleuderpreisen auf den Markt. Doch die Champagner-für-alle-Welle bedeutet nicht, dass alle etwas Gutes bekommen. Was in der Zehn-Euro-Flasche vom Discounter drin ist, gerät zur Glückssache. "Ist das guter Champagner?", fragt die Wochenzeitschrift Le Point und antwortet: "Er ist ideal, um die Pensionierung eines unangenehmen Kollegen zu feiern."

Rufschädigend

Dem Ruf des Champagners tut dies nicht gut. Durch die Dumpingpreise werde das Produkt selbst entwertet, klagt Paul-François Wranken von dem Unternehmen Wranken-Pommery. Allerdings sehen die Erzeuger bereits wieder bessere Zeiten heraufziehen. Der Champagner sei generell noch nie so gut wie heute gewesen und die Leute wollten sich auch weiterhin einen solchen Luxus gönnen, heißt es bei Taittinger.

Der Erzeuger-Verband Civic hofft, eine Erholung der Weltwirtschaft werde auch die Champagnerpreise beleben. Fürs Erste sorgten Weihnachten und nun Neujahr für kräftige Verkäufe. Besonders die Franzosen, die mehr als die Hälfte der Gesamtproduktion trinken, mögen selbst in der Krise nicht auf ihre Edelbrause verzichten. Fragt man herum, bekommt man zu hören, der Champagner sei ein "Synonym für Festtag" und Neujahr ohne den Feinperligen schlichtweg undenkbar.

Viele Menschen in Deutschland sehen das genauso, und die verlockenden Preise zeigen Wirkung. Ein Feinkosthändler in München bestätigt, er habe nicht weniger Champagner bestellt als sonst und die Kunden kauften. Ein Kaufhaus im Zentrum Münchens setzt derzeit bis zu tausend Flaschen ab - pro Tag.

"So viel wie noch nie", sagt Uwe Homann, der Leiter der Lebensmittel-Abteilung. Allerdings eben auch so günstig wie schon lange nicht. Sogar die Russen deckten sich derzeit bei ihm angeblich "wie verrückt" ein. Unlängst sei ein besonders reicher Mann aus dem Osten da gewesen. "Der hat Champagner für 12 000 Euro eingekauft", freut sich Homann. Und dann schenkt er dem Ehepaar Schnell auf ihrem Weg nach Tegernsee noch einmal 100 Milliliter nach.

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(SZ vom 30.12.2009/dog/pfau)