sueddeutsche.de: Erarbeiten Sie dabei auch Verhaltensweisen in der Arbeitswelt?

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Nelting: Sehr wichtig ist etwas Gestaltungsspielraum in der Arbeit. Der Vorgesetzte muss begreifen, dass es gut ist für die Firma, wenn die Mitarbeiter Spielräume haben und selbst gestalten können.

sueddeutsche.de: Wie geht das im privaten Bereich?

Nelting: Da stößt man manchmal an Grenzen. Gerade Alleinerziehende oder Frauen, die jemanden pflegen, müssen darauf achten, dass sie sich selbst Freiräume erhalten. Und wenn es ein freier Vormittag in der Woche ist, an dem man sich eine Vertretung finanziert, selbst wenn das schwierig ist. Man kann nicht permanent das gleiche Programm durcharbeiten, wenn man nicht zwischendurch mal Luft holt, und wieder ins Lot kommt. Wenn es privat zu tragischen Situationen kommt - so etwas kann man durch Behandlung allein nicht ändern. Dazu müsste sich dann auch gesellschaftlich noch mehr tun, dass Menschen in Notsituationen mehr Unterstützung erfahren. Eigenverantwortung ist wichtig, aber auch die gesellschaftliche Verantwortung wäre in manchen Fällen gefragt.

sueddeutsche.de: Warum nehmen Burn-out-Fälle in den letzten Jahren so zu?

Nelting: Früher gab es in der Arbeitswelt andere Gefahren, da gab es Unfälle, Todesfälle, Verschleißkrankheiten, aber die Arbeitsplatzsicherheit war höher. Heute hat der Anteil der psychischen Krankheiten so stark zugenommen, dass man sagen kann: Die heutige Arbeitswelt bietet nicht mehr das, was ein Mensch eigentlich braucht. Es wäre also an der Zeit, sich mal Gedanken darüber zu machen, welche Rahmenbedingungen die Arbeitswelt bieten muss, damit wir mit unserem menschlichen Regulationssystem, unserem Stresssystem noch damit zurechtkommen. Heute haben die Menschen ständig Angst, dass sie der Nächste sind bei Entlassungen. Auf allen Stufen, vom Arbeiter bis zum Vorstand. Nur dass der Vorstand noch das Glück seiner Abfindungsvereinbarung im Hintergrund hat.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielt der Sport in der Behandlung?

Nelting: Der Körper steht stark im Focus. Bei Joggen oder Tennis zum Beispiel erschöpfen sich die Menschen aber tendenziell. Doch es soll sich darum drehen, dass körperliche Kraft erzeugt wird. Alles was ich nur äußerlich mache, ist beim Burn-out falsch. Hier müssen die Tiefenmuskeln und die Wahrnehmung der muskulären Situation gestärkt werden, damit wir Qualität in die Muskulatur bekommen. Genau das macht man mit Qigong.

sueddeutsche.de: Wenn man nun an einem Burn-out-Syndrom leidet - bezahlt die Behandlung die Kasse?

Nelting: Leider ist das Syndrom noch nicht als Diagnose anerkannt. Das heißt, die Menschen kommen dann wegen der begleitenden Folgeerkrankungen, also zum Beispiel wegen eines schweren Tinnitus, Depression oder Panikattacken. Auf diese Weise kommen die Patienten aber meistens sehr spät zu uns. Burn-out müsste als eigene Diagnose anerkannt werden, auch damit rechtzeitig behandelt werden kann.

sueddeutsche.de: Wie kann man einem Burn-out vorbeugen?

Nelting: Durch Gelassenheit, Gelassenheit kann man sich auch antrainieren, man kann sich selbst wieder ins Lot bringen. Ein sehr gutes Mittel ist unserer Erfahrung nach Qigong. Damit kann ich in so viele Kreisläufe günstig eingreifen, dass man hinterher aus dem vollen, tollen Potential schöpfen kann. Nach der Behandlung muss man die Grenzen wahrnehmen. Und danach handeln. Wirksam ist auch das System der Lebenspflege, wenn man künftig in einen anderen Zustand gelangen will: Man hat mir dieses Erdendasein anvertraut, ich muss mich aber auch darum kümmern. Mit dieser Haltung kommt man eher aus einem Burn-out heraus - und bekommt auch später keines mehr.

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(sueddeutsche.de/bilu/cmat)