Am deutlichsten lässt sich die angestrebte molekulare Verunklärung der Grundbestandteile beim Hamburger mit dem polyglotten Namen "Filet-o-Fish" erleben: Da ragen aus dem üblichen Teigrundling vier aggressiv knusprige Zipfel eines panierten Fischquadrats heraus. In dieser Kombination kulminiert die molekulare Verwandlungskunst des Hauses. Die Semmel ist rund und kissenweich, der Fisch viereckig und knackighart, die Sauce: nass, der Geschmack: null. Übrigens: Saucen unterscheiden sich bei McD weniger durch ihren Geschmack als durch ihre Farbe.

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Die Brüder McDonald

Vor genau 60 Jahren, am 20. Dezember 1948, haben die Brüder McDonald im kalifornischen San Bernardino ihr erstes Selbstbedienungslokal im Mc-Stil eröffnet. Seither hält sich der Hamburger mit seinen mehrgeschossigen Varianten so hartnäckig im Bewusstsein der Menschheit, dass selbst anspruchsvollere Lokale ihm zeitweilig Reverenz erwiesen haben. Bei McDonald's ist zum Urtyp nicht mehr allzu viel dazugekommen. Ob die aus der Hühnerbrust geschnittenen und panierten McNuggets irgendwann geräuchert worden sind, wagen wir nicht zu entscheiden; an unserem Tag schmeckten sie so, als seien sie über einem Aschenbecher gegart worden.

Dass dem Fäustling namens Hamburger, diesem archaischen Vorläufer der Fingerfood-Mode, irgendwann andere essbare Nahrungsgreifgeräte folgen würden, hätte man erwarten können. Mit einem maulartig geöffneten Hamburger lässt sich beispielsweise sperriges Grünzeug nur schwer schnappen. Aus diesem Grund hat ein Fastfood-Ingenieur den "Wrap" erfunden, den essbaren "Umhang", in den sich alles Denkbare stopfen lässt. Seit diese quergeschnittenen, hautig schlaffen Teigbeutel in Vitrinen liegen, sind weibliche Stehcafébesucher für etwas anderes kaum mehr zu haben; ja vielerorts wurde die Wurstsemmel schon abgeschafft.

Die Unterschiede der Chicken-Wraps

Bei McD knüllt der Wrapper einen kleinen, runden, mit Sauce beschmierten Pfannkuchen zu einer Tüte zusammen und steckt oben ein paar Sachen hinein. Als wir den "Chicken Wrap" aus dem Papier wickelten, rollte er sich von selber auf und legte sich flach auf den Rücken wie ein Hund, der gekrault werden will. So konnten wir den spärlichen Inhalt inspizieren, ohne das Ganze verzehren zu müssen. Auf dem Saucenfleck waren ein paar Salatkrümel und ein halbierter Riesen-McNugget hängengeblieben; die herausgeschleuderten trockenen Käsespäne lagen verstreut auf dem Papier herum.

Von dieser erdhaften Kreation gibt es auch eine gehobene Variante: Wird in den Beutel ein einziger kleiner Tomatenschnitz gesteckt, heißt das Ganze "Chicken Wrap Caesar". Eine ungelernte Küchenhilfe kann also aus einer einzigen Tomate circa zwanzig stolze Caesaren schnitzen. Das soll mal jemand nachmachen. Armer Gaius Julius! Tiefer ist der Mann, der von sich sagen konnte: "Ich kam, ich sah, ich siegte!", wohl nie gesunken als in der glitschigen Pfannkuchenhöhle von McDonald's, wo ein paar Eisbergsalatkrümel seine einzigen Gesprächspartner sind.

Übrigens: Bei McDonald's werden Pommes frites nach dem Frittieren schockgefrostet, in Molekularküchen werden sie vor dem Frittieren durch Vakuumierung entwässert - wir wagen heute nicht zu entscheiden, welche der beiden Methoden für den Geschmack oder die Gesundheit besser ist.

Nach dem Besuch im Fast-Food-Lokal, der übrigens keineswegs auffällig billig war, sind wir in die nächstbeste Kneipe essen und trinken gegangen. Zufällig gab es dort frische Fine-de-Clair-Austern. Gerade mal zwei waren davon noch übrig; sie haben mit Baguette und gesalzener Butter übrigens nicht mehr gekostet als ein Big Mac, wirkten aber nach Wrap und molekularen Gedanken wie die pure Erfüllung: endlich etwas, an dem nicht chemisch oder kältetechnisch herumexperimentiert worden ist, etwas, das nicht in dicken Teigtaschen oder Panaden versteckt werden muss oder in Richtung Einheitsgeschmack manipuliert worden ist, sondern so sein und schmecken darf wie es gewachsen ist: herb, rotzig, ordinär - mit einem Wort: himmlisch!

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(SZ vom 20.12.2008/age)