Von Jürgen Schmieder

Stimmt wirklich, was in der Bibel steht? Dann stehen die Deutschen vor der Ausrottung. Ein amerikanischer Buchautor weiß Abhilfe.

Im Jahr 1957 erblickte das Zeichentrickmännchen Bruno das Licht der Werbefernsehen-Welt - ein großnasiger, untersetzter und geheimratbeeckter Mittvierziger, der sich immer herrlich aufregt, wenn in seinem Leben etwas nicht funktionierte. Es ist nie etwas wirklich Schlimmes, das ihm passiert - der Aufzug fährt ihm vor der Nase weg, er verliert ein Tennismatch, der Rasenmäher streikt -, und doch schimpft er immer in verkehrtherum und doppelter Geschwindigkeit abgespielten arabischen Wortschnipseln. Am Ende rastet das HB-Männchen völlig aus, eine Zigarette soll ihn beruhigen.

Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Das HB-Männchen Bruno. (© Foto: dpa)

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Wir müssen uns aufregen - weil nichts mehr funktioniert und uns die Welt unter dem Hintern wegbröselt. Der Computer stürzte vergangene Woche ab - zum zweiten Mal schon in diesem Jahr. Verdammt. Das Fernsehprogramm ist unfasslich schlecht, der Kollege inkompetent, der Kaffe schmeckt scheußlich, die Freundin wird dick, Mutter nervt, das Motorrad ist kaputt, irgendwas in der Küche stinkt erbärmlich und natürlich habe ich gerade kein Feuerzeug einstecken, um hier in der Bar wenigstens eine zu rauchen. Darf man sowieso nicht mehr? Mist.

Warum soll man sich auch nicht aufregen? Stressforscher empfehlen den gepflegten Motzer am Vormittag oder den gut getimten Ausraster kurz vor Feierabend, anstatt den Frust in sich. Man muss nur aufpassen, dass es nicht zu viel wird, denn auch dafür hat die Bibel ein Szenario gezeichnet.

"Und es geschah, als das Volk sich in Klagen erging, da war es böse in den Ohren des Herrn. Und als der Herr es hörte, da erglühte sein Zorn, und ein Feuer des Herrn brannte unter ihnen und fraß am Rand des Lagers", heißt es im vierten Buch Mose. Es geht noch schlimmer, im Korinther-Brief steht: "Murrt auch nicht, wie einige von ihnen murrten und von dem Verderber umgebracht wurden." Wenn das wirklich stimmt, müssten fast alle Deutschen vor der Ausrottung stehen.

Der Amerikaner A.J. Jacobs hat deshalb ein Experiment gewagt. Zwölf Monate lebte der Journalist des amerikanischen Magazins Esquire nach den Regeln der Bibel. Knallhart. Streng. Ohne Ausnahme. Auch die strengsten und seltsamsten Regeln befolgte er. Du sollst nicht auf die New York Knicks fluchen, Du sollst am Samstag nicht arbeiten, Du sollst nicht begehren Deines Nachbarn iPhone. In seinem Buch "The year of living biblically" (deutsch: "Die Bibel und ich") beschreibt er die Hindernisse, den zunehmenden Bartwuchs und die Probleme mit seiner Ehefrau, als er die im alten Testament übliche Polygamie in Erwägung zog. Er spendete den Zehnten seines Nettogehalts und er steinigte Menschen im Central Park, weil sie den Sabbath nicht ehrten. "Ich hatte immer ein paar Kieselsteine dabei", sagt er. "Die Leute dachten, ich wäre verrückt."

Die klügste Passage des Buches allerdings dreht sich nicht um sein weißes Gewand oder Berührungsängste mit der eigenen Frau, sondern um die Forderung der Heiligen Schrift, jeden Tag und für alles dankbar zu sein, was einem passiert. Das hört sich banal an und irgendwie auch nach Einkehrtage oder Konfirmantenfreizeit, wurde für Jacobs allerdings zu einem Wendepunkt. Sein Leben ist jedenfalls nicht die Hölle. "Tausende von Dingen funktionieren. Jeden Tag! Und wir bekommen es nicht einmal mit", sagt Jacobs.

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