Botox-Partys "Wie ein Barbier aus dem Mittelalter"

Botox-Spritzen zu Champagner im Wohnzimmer - was ein Experte von dem neuen Verjüngungstrend hält.

Interview: Viktoria Weichselgartner

Der Champagner perlt in den Gläsern, Häppchen werden rumgereicht, die Damen auf hohen Absätzen sehen aus wie Gäste, die mit Spannung den Höhepunkt eines Events erwarten. Doch niemand hat Geburtstag, es steht kein Charity-Event an. Diese Frauen warten auf den Doktor, der ihnen die Falten aus dem Gesicht spritzen soll. Der Renner für die gepflegte Damen-Runde ist ein Trend aus den USA: die Botox-Party.

Der Arzt mit dem Koffer voller Spritzen lässt die Frauenherzen höher schlagen, erfüllt er doch den Wunsch nach jugendlich-frischer Glätte im Gesicht. Das Nervengift Botulinumtoxin schwächt gezielt Gesichtsmuskeln - und lässt auf diese Weise Mimikfalten verschwinden. Der Effekt hält sechs bis neun Monate. Wenn die Patientin auch weiterhin mit makellosen Gesichtszügen durchs Leben schreiten will, wird nachgespritzt.

Die Behandlung mit dem Nervengift ist Mitte der 90er Jahre zum Lifestyle-Produkt aufgestiegen, die Anti-Falten-Feten zum hippen Treffen von Schönheits-Junkies. In den USA helfen derzeit am liebsten Bräute vor der Hochzeit mit Botox-Spritzen nach. Die Verschönerungs-Partywelle habe im vergangenen Jahr begonnen, als eine prominente Kundin ihre Brautjungfern zu einer Beautybehandlung einlud, berichtete Camille Meyer, die Eigentümerin des "TriBeCa"-Spa in New York der Sendung "Entertainment Tonight". Seitdem habe sie über 30 Braut- Partys veranstaltet. Manche Bräute würden sich die Gruppenbehandlung bis zu 15.000 Dollar (rund 10.000 Euro) kosten lassen. Ein Schönheitschirurg in Beverly Hills rechnete der New York Times vor, sein Umsatz habe sich fast verdoppelt, seitdem er "Bridal Beauty Buffets" speziell für Bräute und deren Freundinnen anbietet.

Auch in Deutschland erfreuen sich die Spritzen-Feten mittlerweile steigender Beliebtheit. Musste die zahlungswillige Patientin für eine optische Verjüngung zunächst noch eine Praxis aufsuchen, kann sie sich inzwischen auf Event-Parties aller Art schön spritzen lassen - ob im Wohnzimmer in netter Tupperwaren-Atmosphäre oder beim Friseur als Kombi-Angebot inklusive wasserstoffblonder Strähnchen. Und das von jedem Arzt, der sich darauf einlässt, Botox zwischen Snacks und Sekt zu servieren.

Für die Schönheitschirurgen in ihren Praxen und Kliniken bedeuten solche Privat-Veranstaltungen den Verlust einer potenziellen Klientel. Doch was spricht neben diesem finanziellen Aspekt noch gegen Botox "to go"? Der Chirurg Günter Germann, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen, steht Botox skeptisch gegenüber, wenn es nicht im richtigen Rahmen verabreicht wird.

sueddeutsche.de: In den USA sind private Events, auf denen Botox gespritzt wird, der Renner - besonders vor Hochzeiten. Sehen Sie einen ähnlichen Trend in Deutschland?

Günter Germann: Diese so genannten Botox-Partys gibt es in Deutschland, wenn auch nicht in dem Ausmaß und der öffentlichen Präsenz wie in den USA. Mit Freunden ein Gläschen Champagner trinken und sich dabei Botox spritzen lassen, ist für viele Frauen und auch einige Männer ein attraktives Angebot. Der Trend für Deutschland ist schwer abschätzbar, da auch viel läuft, ohne dass wir in unserem Verband davon wissen.

sueddeutsche.de: Woran liegt das?

Germann: In den meisten Fällen sind die behandelnden Ärzte keine Mitglieder unseres Verbandes, sondern Dermatologen, Hausärzte, Gynäkologen - auf solchen Veranstaltungen tummelt sich alles, was mal ein Staatsexamen in Medizin gemacht hat. Diese Partys kommen dadurch zustande, dass ein Kunde oder eine Kundin sich an den Arzt seines oder ihres Vertrauens wendet und ein paar Freunde und Bekannte einlädt.

sueddeutsche.de: Müssen keine medizinischen Rahmenbedingungen eingehalten werden?

Germann: Medizinisch gesehen muss der Raum nicht steril sein, daher ist ein Wohnzimmer oder ein Friseursalon zulässig. Auch rechtlich spricht nichts dagegen.

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