"Boring Conference" in London Von Leuten, die aus Langeweile heiraten

In der York Hall spricht jetzt eine attraktive und sehr witzige Technik-Journalistin namens Leila Johnston über die Faszination, die Kassenautomaten der Firma IBM auf sie ausüben. Johnston fotografiert jedes Modell, das sie entdeckt, und hält den Fundort auf Google Maps fest. Ein Bild auf der Leinwand hinter ihr lässt sie etwas länger wirken. "Das hier war die erste weiße Registrierkasse, die ich entdeckt habe, der seltene IBM ,epos 300'. Mein Moby Dick", sagt sie. "In einer Drogerie in Sheffield. Den Tag werde ich nie vergessen."

Wie bei vielen Sprechern an diesem Tag ist nicht ganz klar, wie hoch der Ironieanteil von Leila Johnstons Beitrag ist. Man vermutet: hoch. Doch gleichzeitig interessiert sie sich wirklich brennend für diese praktischen, aber eher, nun ja, langweiligen Maschinen. Im Laufe des Vortrags erklärt sie das damit, dass sie in einer schottischen Stadt aufwuchs, in der IBM der Hauptarbeitgeber war. Die Kinder hätten dort "IBM-Poster an den Schlafzimmerwänden" gehabt, ihre Eltern hätten ihnen Tüten voller Elektro-Ersatzteile zum Spielen mitgebracht: "Die Hardware, diese Infrastruktur des Lebens, fand ich inspirierend", erklärt Johnston.

Die Erklärung klingt ziemlich frei erfunden. Eine Bemerkung ist dennoch erhellend: Für sie habe "Langeweile Sicherheit" bedeutet, sagt Leila Johnston. Sicherheit geben, das ist zweifellos eine wichtige Rolle der Langeweile. Ihre spezifisch menschliche Ausprägung kann aber auch eine treibende Kraft sein, die man bei Tieren vergeblich sucht. Denn selbst der schlaueste gelangweilte Delfin schreibt keine philosophischen Traktate über seine Langeweile. Er fotografiert auch nicht obsessiv Registrierkassen. Eine der definierenden Eigenschaften menschlicher Langeweile ist, dass sie eine Unruhe erzeugt, die sich ein mehr oder minder kreatives Ventil sucht.

Langeweile bedeutet Sicherheit

Mit dieser Unruhe kann man auf zweierlei Art umgehen. Die erste heißt Zerstreuung. Daran ist nichts falsch, aber die Zerstreuung wird bisweilen zum Selbstläufer. Wie das aussieht, zeigt ein Blick auf die Benutzeroberfläche eines beliebigen Smartphones. Keine Sekunde lang darf ins Leere gestarrt werden, immer gibt es irgendwelches Obst mit virtuellen Karateschlägen zu zerteilen oder Schweine mit wütenden Vögeln abzuschießen. Das könnte ein Affe mit etwas Übung auch.

Die britische Neurowissenschaftlerin Susan Greenfield sieht in einer Welt immer mehr sich verkürzender Aufmerksamkeitsspannen sogar schon Generationen von Kindern heranwachsen, die zu ihrem eigenen Schaden gar keine Chance bekommen, sich zu langweilen. Eine Übertreibung, Kinder langweilen sich heute genauso wie früher, allerdings vielleicht weniger bewusst. Das immer raffiniertere Angebot technischer Ablenkungen ermöglicht es ihnen eben, sich rascher über die Langeweile hinwegzutäuschen, sie kurzfristig zu verscheuchen.

Dadurch wird es ihnen indes keineswegs unmöglich gemacht, eine zweite Strategie im Umgang mit der Langeweile auszuprobieren. Über diese waren sich übrigens sogar die Ödnis-Antipoden Kierkegaard und Nietzsche einig. Beide waren der Ansicht, dass Langeweile sehr produktiv sein kann, ja, dass Gott den Menschen nur unter dem Druck himmlischer Langeweile geschaffen habe. Wer sich nie langweilt, ist auch nie kreativ. Georg Büchners Prince Leonce vom Reiche Popo sagt es so: "Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich aus Langeweile." Oder sie organisieren eine langweilige Konferenz.

Ist es dabei nun ein Erfolg oder ein Misserfolg, wenn die Konferenzbesucher sich tatsächlich langweilen? "Das ist wieder so eine philosophische Frage", sagt Mitorganisator Hamish Thompson ausweichend. Dabei ist die Antwort doch so einfach: Jedes Ergebnis ist ein Erfolg. Wenn es einem Sprecher gelingt, ein vordergründig langweiliges Thema interessant zu gestalten, umso besser.

Wer hätte gedacht, dass ein Beitrag mit dem Titel "Wie ich meinen Toast mag" dermaßen kurzweilig sein könnte? Ed Ross schlägt unter anderem vor, die Bräunungsstufen von Toastern nach dem Bügeleisen-Prinzip zu gestalten - Pitabrot wäre dabei "Seide", deutsches Vollkornbrot "Leinen" und English Muffins wären "Baumwolle".

Langeweile jahrtausendlang ein Privileg der Elite

Aber es gibt natürlich auch Beiträge, die es gezielt darauf abgesehen haben zu langweilen. Zum Beispiel ein als Performance daherkommender Vortrag über das spezifische Gewicht verschiedener Metalllegierungen, zu dem ein Mann im lila Pullover Rollschuh läuft. Auch kein Problem. Das verschafft einem die willkommene Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen.

Etwa über das Imageproblem des Begriffs "Langeweile" selbst. Man subsumiert darunter ja höchst verschiedene Phänomene, vom Missmut, der einen erfasst, wenn man auf den nächsten Bus wartet, bis zum Extrem des pathologischen Existenzüberdrusses, der Melancholia, dem Ennui. Ganz gleich, wie man "Langeweile" nun genau versteht, das Wort ist schlicht zu negativ besetzt. Man muss angrenzende Begriffe heranziehen, um die guten, notwendigen Eigenschaften der Langeweile ins rechte Licht zu rücken.

"Nostalgie" zum Beispiel. Nur der von zweckorientierter Beschäftigung oder sonstiger Ablenkung unbeeinträchtigte Moment erlaubt es uns wegzudriften und uns Orte und Erlebnisse in allen denkbaren Rosa-Schattierungen vor die Sinne zu rufen. Die Sentimentalität solcher Fluchten gilt nicht als ehrenrührig - ganz anders als die Langeweile, die sie erst ermöglicht. "Muße" klingt ebenfalls gut.

Dass wir die Muße nicht mit unproduktivem Leerlauf verbinden, ist ein antikes Erbe: Für die alten Griechen war Muße gleichbedeutend mit Freiheit. Jahrtausendelang war sie ein Privileg der Elite. Nur wer materiell abgesichert war, konnte sich den Luxus des Müßiggangs leisten - und als ein Luxus wurde er tatsächlich empfunden. Die immer häufiger laut werdenden Rufe nach "Entschleunigung" sind, genau wie die "Boring Conference", zeitgenössische Manifestationen dieses Luxusbegriffs.

Eine sehr ernsthafte Frau kündigt in Bethnal Green einen Vortrag über "den am wenigsten langweiligen Gegenstand in eurer Wohnung" an: "Die Toilette!" Die anschließende Abhandlung über Abwasserhygiene kann man langweilig finden oder hochinteressant, je nach Standpunkt. Was die Langeweile von der Toilette unterscheidet: Man muss sie nicht aufsuchen. Wenn man ihr eine Chance gibt, stellt sie sich von alleine ein. Schließlich ist sie eine Aufforderung unseres Geistes an sich selbst, tätig zu werden. Deshalb endet die Langeweile meist dann, wenn man dieser Aufforderung folgt.