Boom von Swinger-Clubs bei jungen Gästen Alle mal anfassen

Swinger-Clubs galten lange als schmuddeliger Tummelplatz für verlebte Endvierziger. Doch Szene und Geschäft boomen, Erotikabende als All-Inclusive-Angebote ziehen auch zunehmend junge, attraktive Menschen an. Die suchen Abenteuer oder Ausgleich.

Eine Reportage von Lisa Frieda Cossham, Eching

Die "Generation Porno" drängt es heute ins Gewerbegebiet. In einen Flachbau in Eching bei München. Neben dem Eingang schaffen Fackeln eine improvisierte Feststimmung, in der Schlange davor geht es um Unauffälligkeit. Die jungen Männer und Frauen, die hier an einem Samstagabend artig auf Einlass warten, einzeln, als Paare oder in Grüppchen, könnten auch für eine Vernissage oder ein Konzert anstehen, wäre da nicht das Schild über der schweren Metalltür: "Lustschloss Arkanum". Wer genauer hinsieht, merkt, dass die Wartenden flüchtige Blicke tauschen, sich gegenseitig mit den Augen abzutasten scheinen. Dass die blonde Frau am Einlass ein bauch- und pofreies Kostüm trägt, irritiert niemanden. Schließlich sind auch die Besucher gekommen, um sich auszuziehen, gemeinsam zu feiern und auch: um Sex zu haben.

Lustschloss Arkanum: Die Geschäftsführerin will ihren Swingerclub zum niveauvollsten in Deutschland machen.

(Foto: Florian Peljak)

Einerseits ist das nicht weiter bemerkenswert. Schließlich ist das Arkanum ein Swingerclub, Partys wie diese sind so alt wie das Publikum, das dem Klischee nach dort hingeht. Womit man aber schon beim Andererseits wäre: Denn die Gäste im "Lustschloss" sind jung. Das Motto des Abends: "Real Youngster Party Vol. 7". Die Altersgrenze: 39 Jahre. Der Zulauf: riesig. Mehr als 600 Besucher haben sich über das Erotikportal "Joyclub" für den Abend angemeldet, nur 250 kommen diesmal überhaupt rein. Bezahlt wurde im voraus, 70 Euro das Pärchen, 100 Euro der Singlemann, 20 die Singlefrau. Und für die Gäste ist Swingen auch keine frivol-verschwiemelte Veranstaltung mehr, sondern das, was Marketingstrategen als Lifestyle-Thema bezeichnen würden.

Hinter der Eingangstür des Arkanums oszilliert die Stimmung zwischen abgeklärtem Pragmatismus und Neugier. Jeder Gast erhält an der Kasse einen Spindschlüssel und geht zum Umziehen in den Keller. Neulinge werden von einem Mitarbeiter in amerikanischer Polizeiuniform wie Touristen durchs Haus geführt, vorbei an der Tanzfläche, dem üppigen Buffet, den Bars und schließlich hinauf zu den Zimmern im ersten Stock.

Die Männer tragen Hotpants oder Hosen, viele Frauen haben sich für Netzstrümpfe, Korsage und hohe Pumps entschieden. Mitunter kippt das Resultat ins Lächerliche, etwa bei der Frau im Lackkostüm, die sich am Buffet vergeblich abmüht, Ketchup aus einer XXL-Tube auf ihre Wurst zu quetschen. Pornopersiflage vor der Fleischplatte. Abgesehen davon sind die Leute, die aus der Umkleide kommen, aber auffallend attraktiv, und in der Mehrheit zwischen 20 und 30 Jahre alt.

"Ausgelutschte Leute über 40 in Lack und Leder"

Wer die Gäste auf gängige Swinger-Klischees anspricht, stößt auf Empörung. Der Swingerclub als Ort, "wo ausgelutschte Leute über 40 in Lack und Leder herumspringen und jeder denkt, man muss Sex haben?", fragt eine 27-Jährige, die sich Mandy nennt, genervt. So stelle es womöglich das Privatfernsehen dar, "diese Berichte sind zum Kotzen." Die Leute wüssten gar nicht, wie es wirklich sei. Ihre Generation sei mit dem Thema Sex in den Medien groß geworden und gehe deshalb ganz selbstverständlich damit um, glaubt Mandy. "Wir sind Generation Porno." Der Swingerclub als Partyveranstalter.

"Richtig losgegangen ist das vor zwei Jahren, als wir die Disco gebaut haben", sagt Natascha, die Chefin im Arkanum ist und tief in roten Polstern sitzt. Früher war das Publikum älter, wie Natascha erklärt, sie gehörte selbst dazu, aber da habe es auch noch kein Buffet gegeben, sondern höchstens Bockwürste mit Salat. Die Chefin raucht zu Cola und Kaffee. Sie ist um die 50 - ihr genaues Alter ist "Privatsache" -, zwölf Jahre hat sie in der russischen Modebranche gearbeitet. Freunde hätten ihr das Startkapital zur Verfügung gestellt, mit dem sie das Wohnhaus im Echinger Gewerbegebiet erweitert habe, erzählt sie stolz. Der Anfang sei schwierig gewesen, aber jetzt brumme der Laden.

Das Arkanum hat an jedem Abend geöffnet, bis auf Sonntag. Die "Youngster"-Partys alle acht Wochen seien ein großer Erfolg, sagt Natascha. "Die jungen Leute können für wenig Geld essen, trinken, haben Disco und Pornokino." Das komme an. Und wer wolle, könne "aktiv" werden.