Bildband "The Anatomical Venus" Aus Wachs geboren

Mit anatomisch korrekten Venus-Figuren wurden früher die Geheimnisse des weiblichen Körpers erklärt. Ein Bildband präsentiert sie neu.

Von Juliane Liebert

Sie ist aus Wachs, ihre Haare sind aus echtem Menschenhaar, ebenso die Wimpern. Man kann sie in sieben Teile zerlegen, ihre detailgetreu nachgebildeten Organe sind anatomisch korrekt. Im Innersten ist die Kopie eines winzigen Fötus verborgen. Zwischen 1780 und 1782 von Clemente Susini erschaffen, liegt sie heute im Museum La Specola in Florenz. Susinis anatomische Venus ist nicht die erste, aber die berühmteste ihrer Art. Sie hat Schwestern - zehn davon sind bekannt, es könnte noch mehr geben. In einer Zeit, in der menschliche Präparate aus ethischen und konservatorischen Gründen nicht verwendet werden konnten, dienten diese Modelle dazu, Anatomie zu lehren. "Aufgeschlitzte Schönheiten" war ein Spitzname für sie, der später aufkam. Sie wurden erschaffen, um die breite Öffentlichkeit zu unterrichten und zu unterhalten; der Ort dafür war oft der Jahrmarkt. Einige der Veneres wurden aus älteren Sammlungen, die aufgelöst wurden, aufgekauft. Die Schausteller, die sie herumzeigten, nannten sie immer "sie", nie "es".

Ihre Schönheit war Strategie: Sie sollte ein verstörendes Thema populär machen

Joanna Ebenstein, amerikanische Künstlerin und Leiterin des Morbid Anatomy Museums in New York, hat einen Bildband veröffentlicht, "The Anatomical Venus", der sich den verstörenden Grazien widmet. Ein ausführlicher, kulturgeschichtlicher Essay von Ebenstein erklärt, was der Betrachter auf den modernen Fotografien und historischen Abbildungen sieht. Als Vorbild für eine einzige anatomische Venus wurden bis zu 200 Kadaver seziert. In der italienischen Hitze verrotteten sie schnell; es ging darum, die inneren Organe so akkurat wie möglich darzustellen.

Hochpräzise und zum Auseinandernehmen.

(Foto: Münchner Stadtmuseum, Sammlung Puppentheater/Schaustellerei)

Die Puppen wurden nicht nur auf Jahrmärkten gezeigt, sondern auch in Wunderkammern. Diese waren nicht nur für Ärzte oder Wissenschaftsstudenten, sondern für jedermann zugänglich. Damit war die anatomische Venus das erste wissenschaftliche Medium, das wirklich für alle Klassen gedacht war. Was der heutige Betrachter an ihnen befremdlich findet, ihre Schönheit, war Teil des Kalküls: Es ging darum, die Öffentlichkeit zu verführen, sie für ein Thema zu interessieren, das als abstoßend, blutig und verstörend galt. Die Schönheit der Figuren war eine Strategie, Anatomie populär zu machen.

Bis heute haben die Veneres den Ruf, anatomisch außergewöhnlich exakt zu sein. In manchen von ihnen finden sich Modelle von Organen, die zum damaligen Zeitpunkt noch nicht einmal benannt waren. Viele Modelle waren "schwanger". Die Neugier der Menschen galt vor allem der weiblichen Anatomie, die in jenen Zeiten ein Tabu war. Was sie am meisten interessierte, war, was die Frau vom Mann unterschied. Darum musste ein Modell, das die Anatomie der Frau darstellte, auch Schwangerschaft repräsentieren.

Diese anatomische Venus, hergestellt 1930 in Dresden, liegt im Münchner Stadtmuseum.

(Foto: Münchner Stadtmuseum, Sammlung Puppentheater/Schaustellerei)

Florenz war seit dem 16. Jahrhundert berühmt für seine Veneres in Malerei und Skulptur. Touristen aus ganz Europa machten vom 18. Jahrhundert an extra ihretwegen Halt in der Stadt am Arno. Es gab Botticellis Geburt der Venus zu sehen, Tizians Venus von Urbino und die marmorne Medici-Venus aus dem ersten Jahrhundert, die als Beispiel perfekter weiblicher Proportionen galt. Die anatomischen Veneres sollten das Florentiner Venus-Angebot ergänzen. Um Frauenfiguren, die nicht nur schön, sondern auch lehrreich waren.

Auch in Deutschland gibt es eine anatomische Venus. Sie ist noch jung, wurde in der Dresdner Werkstatt von Rudolf Pohl um 1930 geschaffen und 1933 und 1934 auf dem Oktoberfest ausgestellt. Sie kann heute im Münchner Stadtmuseum betrachtet werden - oder in Joanna Ebensteins Bildband. Mit ihren herzförmigen Lippen und gezupften Augenbrauen sieht sie aus wie ein Starlet aus einem frühen Stummfilm. "Sie war im Medizinmuseum ausgestellt und auf dem Jahrmarkt, bevor sie dort landete", sagt Joanna Ebenstein. "Niemand wusste von ihr, dabei ist die Münchner Venus eine außergewöhnlich schöne."

Joanna Ebenstein, Künstlerin

"Heute glauben die Menschen eigentlich tief in ihrem Herzen, dass sie nicht sterben werden."

Der erstaunlichste und zugleich banalste Gedanke beim Anblick der Figuren: wie ähnlich die Puppen den Präparaten Gunther von Hagens sind, und wie wenig sich die menschliche Physis in den letzten 300 Jahren verändert hat. Der französische Anatom Honoré Fragonard fertigte schon im 18. Jahrhundert Präparate wie von Hagens an. Es gibt von ihm ebenfalls einen "Mann auf einem Pferd", der Gunter von Hagens auch noch erstaunlich ähnlich sieht. Er stammt aus dem Jahr 1760. Die Ausstellung des menschlichen Körpers ist also nichts Neues. Nur leben wir jetzt in einer Zeit, in der wir es als unangebracht empfinden, tote Körper anzusehen.

"Unsere Art, tote Körper zu betrachten, hat sich zwischen 1880 und 1930 sehr geändert", sagt Joanna Ebenstein. Warum? "Der Tod wurde seltener. Die Hygiene wurde besser, die Menschen begannen, länger zu leben. Sie hörten auf, zu Hause zu sterben. Innerhalb von 50 Jahren wurde der Tod zu etwas Furcht Einflößendem, weil man ihn nicht mehr sah", sagt Joanna Ebenstein. Sie bezweifelt, dass es eine andere Epoche gab - jemals, in irgendeiner Kultur - in der das der Fall war. Der Tod war bisher Teil des Lebens. "Heute glauben die Menschen eigentlich tief in ihrem Herzen, dass sie nicht sterben werden."

Trotzdem wird der Tod immer Macht haben. Genau wie der Sex. Jede Kultur der Welt hat Tabus, was den Körper betrifft. Warum ist das so? "Vielleicht liegt es daran, dass sie uns daran erinnern, dass wir im Grunde auch nur Tiere sind", sagt Ebenstein, und vielleicht ist das auch der Grund, warum die "aufgeschlitzten Schönheiten" noch immer eine solche Faszination ausüben: weil ihr Anblick unsere tiefsten Ängste und Wünsche berührt.

Ein weiterer Aspekt ist ihre Nähe zum Heiligenbild: Sie sehen aus wie die Heiligenstatuen in katholischen Kirchen. Auch die Katholiken fetischisieren den menschlichen Körper, Jesus am Kreuz ist anatomisch sehr genau dargestellt. In der Venus überschneiden sich die großen Themen: Sex und Tod, Schönheit und Wissenschaft, Kunst und Glaube. Viele Feministinnen unserer Zeit würden ihre Darstellung als voyeuristisch und sexualisiert empfinden. Im 18. Jahrhundert hat niemand das so gesehen. "Ich wollte sie wiedererwecken", erklärt Ebenstein, "ich wollte, dass die Menschen sie sich anschauen, und sich fragen: Wer sind wir? Wer sind wir heute? Warum betrachten wir diese Puppen und finden sie merkwürdig? Damals waren sie nicht merkwürdig. Was hat sich geändert?"

Zum Beispiel das: Damals war Ekstase etwas Heiliges, nicht notwendigerweise Sexuelles. Und dennoch haben die Figuren auch eine sexuelle Komponente: Es liegt im Wesen des Verlangens, dass es sich auf etwas richtet, das man nicht haben kann; ist der Tod - oder in diesem Fall: das Nie-lebendig-gewesen-Sein - als die ultimative Zurückweisung von Verlangen das, was diese anatomischen Puppen begehrenswert macht?

Eine andere Puppe, die "Rescue Anne", an der Generationen von Erste-Hilfe-Schülern Mund-zu-Mund-Beatmung gelernt haben, wird scherzhaft als "das meistgeküsste Gesicht aller Zeiten" bezeichnet. Susinis anatomisch korrekte Venus-Figur dagegen ist vermutlich ungeküsst - die gleichzeitige Darstellung des Lebens und des Todes durch etwas, das nie lebendig war und niemals stirbt.