Von Pia Heinemann

Wie Therapeuten die Kommunikation zwischen Eltern und Kleinkindern verbessern können.

Oft sind die Eltern überfordert. Das Baby schreit, weint, weicht dem Blick der Mutter aus und weigert sich zu essen. Sechs Stunden Schlaf am Stück - daran ist mit dem Kleinen nicht zu denken.

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Babys kosten Eltern viel Kraft. Wenn die Belastung zu groß ist, ist es für viele sinnvoll, in einer Baby-Ambulanz Rat zu suchen. Denn wenn solche Auffälligkeiten in der Verhaltensregulation oder in der Eltern-Kind-Beziehung nicht früh erkannt werden, besteht die Gefahr, dass sich im späteren Leben des Kindes Störungen manifestieren.

In vielen größeren Städten in Deutschland gibt es mittlerweile Babyambulanzen, Schrei- oder Babysprechstunden. Es besteht Bedarf, die Nachfrage ist groß. Gerade das erste Kind überfordert die Mütter häufig, die meist mehr von der Betreuung übernehmen als die Väter.

"Vor allem in den ersten Monaten, wenn das Kind nicht durchschläft und viel schreit oder nicht richtig trinkt, können in der Mutter längst vergessene Ängste hochkommen", sagt die Münchner Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Christine Röpke.

Eine Mutter sei in dieser Zeit sehr dünnhäutig und habe Angst, es dem Kind nicht recht zu machen. "Gerade dann braucht sie ihren Partner oder eine andere Bezugsperson, die sie auffängt."

Auch Erfahrungen aus der Kindheit der Eltern können ihren Weg ins Kinderzimmer finden. Bei etwa einem Viertel der gesunden Säuglinge können Probleme allerdings in zwei bis drei Sitzungen aufgelöst werden. Nur in seltenen Fällen, wenn etwa die Eltern psychosozial stark belastet oder die Babys schwierig sind, sollte eine intensivere Therapie angestrebt werden. Dennoch: Dass Babys schreien, ist meist völlig normal.

Lange Zeit nicht ernst genommen

Lange Zeit wurden die Methoden der Babypsychotherapeuten von Kinderärzten und Kassen in Deutschland nicht ernst genommen.

In England, Frankreich und den USA gehören ihre Methoden seit den sechziger Jahren zur Kindermedizin. Seit etwa 15 Jahren ist die Psychotherapie bei Babys aber auch in Deutschland etabliert. "Und seit Ende November ist die Babytherapie in das Ausbildungsprogramm für Kinder- und Jugendpsychotherapeuten verbindlich aufgenommen", sagt Peter Lehndorfer, Vorsitzender der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendpsychotherapeuten.

Mittlerweile werden sechs diagnostische Therapiestunden und anschließend 31 Stunden Kurzzeittherapie von den Kassen bezahlt.

Es gibt verschiedene Ansätze, Beziehungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten zwischen Eltern und Kind aufzulösen. Am wichtigsten ist es für die Therapeuten zu erkennen, wie die Interaktionen zwischen dem Kind und seiner Mutter oder seinem Vater ablaufen.

Gehen diese auf das Kind ein oder scheinen sie entspannter, wenn es mit sich selbst auf der Krabbeldecke beschäftigt ist? Mischt sich das Kind in das Gespräch mit den Therapeuten ein, etwa durch Weinen, oder versucht es, die Aufmerksamkeit der Mutter auf sich zu ziehen? Und wann genau schaltet sich das Kind ein?

"An irgendeiner Stelle des Gesprächs fängt das Baby an mitzureden'", sagt Angela Köhler-Weisker von der Babyambulanz des Instituts für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Frankfurt. "Babys verstehen mit einem Jahr schon sehr viel, sie begreifen das emotionale Thema. Deshalb versuchen sie, mit ihren Mitteln zu kommunizieren."

Diese Kommunikation ist es häufig, die zwischen Eltern und Kind nicht gleich funktioniert. Therapeuten und Analytiker versuchen, den Eltern die Sprache ihres Kindes zu übersetzen. "Unsere Aufgabe ist es, unbewusste Inhalte zwischen Eltern und Kind zu erkennen und sie ihnen bewusst zu machen", sagt Köhler-Weisker.

Beginnt ein Baby in der Sitzung zu weinen, wenn Eltern miteinander über Probleme diskutieren, sei das ein Zeichen dafür, dass das Kind die Spannung der Eltern aufnimmt. Durch Weinen drückt es sein Unwohlsein aus.

Je früher, desto besser

Je früher die Kommunikation und Interaktion zwischen Eltern und Kind verbessert wird, desto erfolgreicher die Therapien. Das Gehirn von Babys muss den eigenen Körper erfahren lernen und Impulse der Umwelt richtig deuten. Sind in der Umgebung zu viele Reize, Spannungen oder ungeklärte Konflikte, können sich im Kindergehirn keine geregelten Strukturen aufbauen.

Gerade bei kleinen Kindern lassen sich nach Erfahrung der Therapeuten aber Verknüpfungen im Gehirn, die zu negativen Reaktionen führen, schnell wieder lösen. Deshalb sind frühe Therapien häufig erfolgreich.

Die Ursachen für frühkindliche Störungsbilder liegen nie nur beim Kind oder nur bei den Eltern. Das Problem setzt sich immer aus einer Trias aus elterlicher Überlastung, gestörter kindlicher Regulation und nicht funktionierender Alltagsbewältigung zusammen.

Über genaues Beobachten, Videoaufzeichnungen von Spielsituationen zwischen Mutter und Kind oder durch eine Gesprächsanalyse mit der Mutter versuchen die Therapeuten, positive und negative Situationen exemplarisch zu erkennen.

Im Gespräch mit den Eltern werden dann etwa die positiven Situationen genau herausgearbeitet. Dass und warum sich Mutter und Baby beim Spiel oder beim Kuscheln wohl gefühlt haben. Die Eltern lernen, gute Erlebnisse bewusst wahrzunehmen und zu erkennen.

In einem weiteren Schritt werden dann negative Erlebnisse analysiert und mit den Eltern besprochen. Nach und nach kann sich so das Verhältnis zwischen Eltern und Kind verbessern.

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(SZ vom 6.12.2006)