Beziehungsmathematik Die Formel der Liebe

Ein Anruf beim schottischen Mathematiker James D. Murray, mit dessen Formel sich berechnen lässt, ob eine Ehe geschieden wird.

Interview: Marten Rolff

In dieser Woche ist der schottische Mathematiker James D. Murray von der renommierten Royal Academy in London ausgezeichnet worden. In seinem Festvortrag sprach der Emeritus der Universität Oxford über seine Forschungen zur "Beziehungsmathematik". Gemeinsam mit dem amerikanischen Psychologen John Gottman hat Murray ein Modell entwickelt, mit dem sich überraschend genau berechnen lässt, wie stabil eine Ehe ist.

SZ: Hallo Mr. Murray, nehmen wir an, ich wollte heiraten. Sie würden mir also sagen können, ob meine Ehe hält?

Murray: Ich nicht, aber die Mathematik mit ziemlicher Sicherheit ja. Doch Sie wollen das gar nicht wissen, glauben Sie mir. Paare mit Heiratsabsichten möchten keine Prognose über ihre Chancen. Die möchten träumen. Daher wird meine Methode vor allem von Ehetherapeuten in den USA genutzt.

SZ: Aber in Versuchen sollen Ihre Vorhersagen Traumquoten gehabt haben.

Murray: Stimmt, ich war selbst erstaunt. Wir haben 700 Paare in den USA über zehn Jahre wissenschaftlich begleitet, etwa die Hälfte von ihnen hatte sich nach dieser Zeit getrennt. In 94 Prozent aller Fälle waren unsere Berechnungen richtig. Bei denen, von denen wir ausgerechnet hatten, dass sie sich scheiden lassen, betrug die Trefferquote sogar 100 Prozent. Falsch lagen wir nur bei wenigen Paaren, bei denen wir vorhersagten, dass die Ehe trotz großer Probleme halten würde, die sich aber dann trennten.

SZ: Und die Testpaare wussten von Ihrer Vorhersage?

Murray: Nein, unsere Vorhersagen haben wir natürlich für uns behalten. Die Paare sollten sich nur miteinander unterhalten. 15 Minuten lang.

SZ: Und das soll als Grundlage für eine so weitgehende Prognose reichen?

Murray: Die Probanden durften wählen, ob sie über Geld, Sex, Erziehung oder auch die gemeinsame Einrichtung reden wollten. 15 Minuten zu einem Schlüsselthema sind eine lange Zeit, in der von den Partnern alles Relevante gesagt wird. Beide beginnen danach, sich zu wiederholen.

SZ: Das klingt ernüchternd.

Murray: Ja, das mag sein. Im Versuch sollte sich das Paar gegenübersitzen und während der Unterhaltung anschauen. Eine Kamera dokumentierte alles, ein anderes Gerät zeichnete den Pulsschlag der Probanden auf. Außerdem saßen sechs Psychologen hinter einer Spiegelwand und verteilten unabhängig voneinander Punkte für bestimmte Reaktionen wie Wut oder Verständnis, die sie aus Mimik und Wortwahl ableiteten.

SZ: Und das lässt sich erkennen?

Murray: Die Ergebnisse der sechs Beobachter waren nahezu identisch. Ähnliche psychologische Methoden wendet man bei Verhören für kriminalistische Gutachten an. Glauben Sie mir: Selbst meine achtjährige Enkelin kann Reaktionen in Gesichtern lesen. Ich habe das getestet!

SZ: Hat die Kamera nicht gestört?

Murray: Ich denke nein. Die Probanden hatten so klare Standpunkte zu ihren Themen, dass sie schnell in Fahrt kamen und die Beobachtung binnen Kürze vergaßen.

SZ: Welche Reaktionen fallen am meisten ins Gewicht?

Murray: Wer mit Verachtung auf seinen Partner reagiert, erhält die meisten - nämlich vier - Minuspunkte. Zuneigung gibt die Höchstzahl von vier Pluspunkten. Mit Wut oder Traurigkeit erzielt man auch Miese, wer diese Gefühle aber mit Toleranz oder Humor pariert, liegt im Plus.

SZ: Und dafür muss man Punkte verteilen? Lässt sich das nicht so erkennen?

Murray: Ich habe versucht, die Gespräche einzuschätzen. Damit lag ich selbst bei den positiven Unterhaltungen daneben. Die Mathematik hatte fast immer Recht. Es klingt lächerlich. Das dachte ich auch, als mein Partner, ein Psychologe, mich bat, ein mathematisches Modell zur Beziehungsanalyse zu entwickeln.

SZ: Wie muss man sich das vorstellen?

Murray: Die Punkte werden für jeden Partner addiert. So hat jeder Wortbeitrag am Ende einen bestimmten Wert. Man erhält zwei Verlaufskurven, die etwa wie der Aktienindex aussehen. Zudem können wir aus den Daten errechnen, in welchem Maße sich beide beeinflussen. Jede positive Beeinflussung erhöht den Sicherheitswert für die Ehe. Mathematisch gesehen muss man sich das wie zwei Quadratgleichungen vorstellen, von der man erst nur die Ergebnisse kennt. Naja, vielleicht doch ein wenig komplizierter...

SZ: Mr. Murray, haben Sie dieses Modell je auf Ihre Ehe angewendet?

Murray: Nein, wozu auch? Ich bin seit fast 50 Jahren sehr glücklich verheiratet. Man kann doch spüren, ob es passt.